Mittwochs-Blog: Ich habe mich selbst belogen!

by Toshio Riko

Ab sofort widme ich mich jeden Mittwoch irgendeinem Thema. Schön, sich langsam eine Konstanz aufzubauen. Diesen Mittwoch geht es mal um mich, genauer gesagt um einen Post auf Facebook, den ich vor über ein Jahr abgesetzt habe. Dort sprach ich über den Wandel meines Lebens, wie ich abgespeckt habe und nun alles besser wäre – hach, wie schön es doch wäre, wenn das nicht gelogen wäre. Ich stelle mich heute meinem früheren „Ich“ und betrachte dabei, wie ich mich selbst zerstört habe und beinahe daran mein Leben verloren hätte.

Exakt vier Jahre ist es her, dass ich meine Stimme verlor (und jeden Tag mit extremem Husten zu kämpfen hatte und wegen dieses Hustens beinah täglich auf meinen Teppich kotzte) aufgrund einer eitrigen und chronischen Entzündung an den Stimmbändern. Bevor ich das aber erfuhr, erzählte mit der ortsansässige HNO-Arzt erstmal, dass es die Vorstufe zum Krebs ist. Also eine Leukoplakie. Das war sein letzter Satz, bevor er den Behandlungsraum mit den Worten holen sie sich eine Überweisung zum Kopfcentrum in Kiel an der Rezeption verließ. Ich sah ihn nie wieder, aber der Schock saß tief.
Ich bekam nach einer Operation (zur Entnahme einer Biopsie, um diese im Labor zu untersuchen) einige Mittel verschrieben. Immerhin: Im Kopfcentrum, das war eine Woche später nach dem HNO-Termin, hat man mich erstmal beruhigt. Leukoplakie sei sehr unwahrscheinlich, es sieht nach einer infektiösen Entzündung aus. Mittels Kortison-Tabletten (die ich zuvor schon von meiner Hausärztin bekam) und Kortison-Inhalator sowie anderen Tabletten behandelte ich also meine verloren gegangene Stimme über einen Zeitraum von knapp drei Monaten.
Leider hat weder meine Hausärztin, noch das Team im Kopfcentrum auf die wahrscheinlich am größten gefürchtete Nebenwirkung von Kortison hingewiesen: Man nimmt zu. Das mag nicht zutreffen bei einer kurzen Therapiebehandlung von einigen Tagen, aber drei Monaten? Aber ich will nicht den Ärzten die alleinige Schuld zuschreiben: Den Beipackzettel hätte ich damals auch gründlicher lesen können … Aber irgendwie war es mir damals wichtiger, schnell wieder sprechen zu können und nicht täglich auf Arbeit oder zuhause wegen Hustens erbrechen zu müssen!
Gut, nun ist geklärt, wie ich es geschafft habe, bei 191 cm Körpergröße schließlich auf ein Gewicht von deutlich über 137 Kilogramm kam.

So weit, so wahr. All das stimmt. Kein Kommentar.

Nun habe ich in diesem Jahr im April beschlossen, mehr oder weniger mein gesamtes Leben zu verändern, was Ernährung, Bewegung usw. betrifft. Ich habe meine Ernährung erst radikal umgestellt und dann auch auf langer Frist so umgestellt, dass ich heute nicht hungern tue. Ich habe angefangen, meine verschwenderisch teure Rudermaschine beinah täglich zu nutzen. Ich habe beinah täglich Kraftsport absolviert. Alles bei mir zu Hause.
138~ Kilogramm waren es am 29. April 2019.
93 Kilogramm sind es jetzt und heute am 29. Oktober 2019.
45 Kilogramm habe ich geschafft in den letzten sechs Monaten. Von Kleidergröße (X)XL (denn XL wurde echt zu eng), bin ich heute bei Größe M angekommen, ich musste mich also erstmal mit zahlreichen, neuen Slim Fit-Hemden eindecken.

Wäre es nicht fabelhaft, wenn ich wirklich mein Leben verändert hätte? Ja, ich habe auch viel Sport getrieben in der Zeit, aber ich habe nicht wirklich auf Dauer meine Ernährung in gesunder Weise umgestellt. Ich litt an einer Sucht: Ritalin und Amphetamin bestimmten bereits längst meinen Alltag, ich nahm jeden Tag zerkleinertes, retardiertes Ritalin und später auch Amphetamin durch die Nase ein.

Aber warum? Wenn ich jeden einzelnen Lebensabschnitt ausgrabe, der mich tiefer und tiefer hat in meine Depression fallen lassen, dann wären wir morgen noch nicht fertig mit dem Text, und ihr nicht mit dem Lesen. Aber sicherlich hat die frühere, und sehr brutale, Trennung meine Eltern damit zu tun. Dass ich in der Schule nie angenommen wurde, außer als der Klassenclown und später von meinen Freunden verstoßen und mit dem Leben bedroht wurde, dann in der Realschule bei Halstenbek selbst aufs übelste gemobbt wurde und sogar aus Angst, zur Schule zu gehen, mich im örtlichen Wald für mehrere Stunden aufhielt, um nicht meiner Mutter erzählen zu müssen, warum ich nicht in der Schule war. Die später folgende, emotional missbrauchende Beziehung zu meiner Ex, die mich mehrmals betrogen hat und mir nach drei Jahren für die Trennung die Schuld gab (ich vermag nicht zu sagen, dass ich perfekt bin, aber das traf sehr, sehr tief). Es gab noch so viele weitere, kleine Stiche, die Teile der Psyche einfach immer weiter zerstörten. Es folgte dann eben die oben erwähnte Krankheit, die mich von meinen stabilen 103 Kilogramm auf 140 katapultierten. Und ich in eine scheinbar nie endend wollende Spirale der Zurückgezogenheit und verdrängter Trauer fiel, welche ich mit viel Alkohol und später auch durch besagte Drogen versuchte, zu unterdrücken.

Ich habe mir selbst eingeredet, dass ich niemanden brauche, denn ich wahr unterbewusst der Annahme, dass ich niemanden verdient habe. Das wollte ich mir aber nicht selbst zugeben, stattdessen erfand ich die Geschichte, dass ich nicht an das Konstrukt Liebe glaube, Beziehungen sowieso unnötig sind und ich nur mich selbst und den PC, das Schreiben und ein paar Freunde brauche. Welch einer Lüge ich mich da aufgezwungen habe. Ein verdrehtes Selbstbild und eine zerrüttete Psyche habe ich mir selbst hinterlassen.

Heute kann ich wieder in den Spiegel gucken, ohne, dass ich mich selbst anwidere. Ohne, dass ich mich befremdlich fühle, wie eine dritte Person, die nicht zu diesem Körper gehört. Die Zufriedenheit ist also auf einem hohen Level angekommen, aber noch nicht auf 100 %. Aber wir nähern uns.

Ich wünschte, es wäre wahr. Aber ich habe mir einmal mehr wieder ein falsches Selbstbild erschaffen, wo ich nur dann perfekt bin, wenn ich so bin, wie andere meinen, man müsste sein. Weder entspricht oder entsprach es der Wahrheit, dass ich auch nur in irgendeiner Form zufrieden war, noch, dass ich mich wirklich im Spiegel betrachten konnte. Ich entwickelte Phasen seltsamer Gefühlsschwankungen, war dem Suizid schon sehr nahe und redete mir ein, dass ich gleichzeitig glücklich bin, obwohl ich mich in einer Tour mich und eine neue Person in meinem Leben belog.

Welch ein Trauerspiel. Ich merkte nicht, wie sehr ich mir schadete, mir und meiner Psyche mit der immer stärker werdenden Drogensucht nach Amphetamin. Ritalin gehörte langsam der Vergangenheit an, ich konsumierte etwa 5 bis 6 „Nasen“ pro Tag, wenn ich alleine war. Noch heute spüre ich diese Folgen. Nicht nur, weil mein beschissener Kopf selbst heute noch so anfällig für eine Sucht ist, sondern auch körperlich wie psychisch.

Es musste erst im Februar 2020 so kommen, dass ich alleine in meiner unfertigen Wohnung plötzlich zusammenbrach. Ich kam gerade erst zurück von der Bank und eröffnete ein neues Konto, natürlich aufgeputscht, um bei mir daheim erneut meine nächste Line zu konsumieren und zu zocken. Mitten in der Runde Rocket League hatte ich das Gefühl eines Herzstolpern, ob es wirklich so war oder mir meine Psyche nur ein Streich spielte, wer weiß, aber es klopfte heftig in der Brust. Dann begann das Herzrasen und die Schnappatmung. Ich stand sofort auf, ließ das Spiel alleine. Mir wurde langsam Schwarz vor Augen. Ich wusste nicht, wie mir geschieht. Um mich also zu beruhigen, taumelte ich in Richtung Badezimmer, drehte den Wasserhahn auf und spülte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Dann verschwand die Erinnerung, und ich wachte in der Küche, die noch nicht mal gebaut war und voller Holzlatten stand, zwischen Fensterbrett und einem Stapel entsprechender Holzstapel wieder auf. Mein Kopf erwischte exakt die knapp 50 Zentimeter breite Spalte. Verfehlte damit nur knapp das scharfkantige Holz und die spitzen Kanten der Fensterbank. Meine Arme hingegen waren übersät mit Flecken und Kratzern.

Ich wachte auf aus einem weißen Schlaf. Es war wirklich für einige Sekunden einfach nur weiß, und dass ist auch alles, woran ich mich erinnern kann. Tatsächlich muss ich etwa 5 oder 10 Minuten hier bewusstlos gelegen haben. Meine Mutter, die unter mir wohnte, war zwar zu Hause, bemerkte dies aber natürlich nicht. Ich realisierte sofort, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Ich taumelte zurück ins Wohn- und Schlafzimmer. Meine Beine waren weicher als Butter auf frischem Toast. Mein Kopf leer und müde. Mein Puls, vermutlich hoch, aber normalisiert. Ich habe meinen besten Freund, den ich einst 2017 in Rocket League kennenlernte, angerufen und er blieb am Telefon, bis ich um 21 Uhr eingeschlafen bin. Bis er wusste, dass es mir besser geht.

Es war der letzte Tag, an dem ich Amphetamin zu mir genommen habe. Es war der letzte Tag, an dem ich mich, zumindest in dieser Hinsicht, selbst belogen habe. Es war der Tag, an dem ich zum ersten Mal meiner Freundin die Wahrheit erzählte und ihr ehrlich sagte, dass ich Hilfe brauche.

Ich habe wieder mehr zugenommen. Jetzt arbeite ich wieder daran, abzunehmen. Zum Wohle für mich, meiner Freundin und meines Sohnes. Aber diesmal ändere ich keine Ernährung radikal, sondern möchte gesünder essen. Diesmal treibe ich nicht unnatürlich viel Sport, sondern mache einige Trainingseinheiten pro Woche und habe Spaß dabei. Jetzt passen mir zwar viele Hemden nicht, aber sollte ich da jemals wieder reinpassen, dann, weil ICH es geschafft habe und nicht ein falsches Selbstbild. Ich kämpfe wieder gegen die Depressionen an, sie sind schwächer als früher, die Stimmungsschwankungen sind weg und ich rauche nicht, aber dampfe dafür nur noch. Ich arbeite, wenn auch nicht hundertprozentig erfüllt, aber immerhin.

Und ich schreibe endlich wieder, weil ich Spaß daran habe, und nicht aus einem verdrehten Selbstbild heraus. Damit brauche ich zwar deutlich länger, aber das ist es wert. Ich muss langsam erlernen, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Und mich, für das, was ich bin. Das wird noch dauern, aber ich will es. Irgendwann.

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2 Monate zuvor

[…] reingesteigert habe und befürchte, bald einen Herzinfarkt zu erleiden aufgrund meiner „Vorgeschichte„. Diese wohl völlig irrationale Angst sterben zu müssen und nicht mehr für meinen Sohn […]

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