Mittwochs-Blog: Ich bin mein größter Kritiker, oder: Wie der Selbsthass mich zerfrisst!

by Toshio Riko

Selbstkritik ist gut, sehr wichtig sogar. Mit genügend objektiven Abstand auf sein eigenes Schaffen schauen und reflektieren. Fehler erkennen, aber auch das Positive sehen und hervorheben. Ohne Selbstkritik lässt sich kaum ein kreatives Werk herstellen, denn ansonsten endet man mit einem Produkt voller Lieblosigkeit. Kreative Arbeit benötigt zwingend das eigene, kritische Auge, um noch mehr herauszuholen.

Ich halte mich für meinen eigenen größten Kritiker. Wenn jemand auf Google Play Books (oder wie der Dienst heißt, wo man eBooks auf Google kaufen kann) einst schrieb, wenn auch das damals wohl keine ernstgemeinte, sondern von jemand veranlasste Bewertung war, dass mein „Buch“ ein Gossenroman ist und ich keinen Sinn für Stil oder Spannung hätte, dann versinke ich nicht in tiefer Unverständnis über diese Worte, sondern denke: Stimmt, aber du hast trotzdem nicht ganz recht. Es ist noch viel schlimmer.

Jeden Tag, jedes Mal, wenn ich schreibe oder über mein Geschriebenes blicke und mir meine Sätze durchlese, dann ist da immer diese Stimme, die mir in den Kopf redet, dass alles, was ich schreibe, sei peinlich. Das will keiner lesen. Warum sollte das auch jemand lesen. Alles nur ein Witz, kindisch, unnötig. Undurchdacht und mit einem schlechten Stil verfasst. Diese Stimme zu bekämpfen kostet Mühe und Anstrengung. Aber sie erzwingt auch in mir einen immer wieder aufkommenden Willen, alles, was ich schreibe, wieder neu zu schreiben. Denn ich bin nie zufrieden. Nie.

Das geht, würde ich das von meiner Perspektive aus beschreiben, schon ins Wahnhafte über. Ich kann mit mir nie zufrieden sein. Gleichzeitig muss ich es aber, denn sonst werde ich nie fertig. Selbstkritik ist gut, Selbstkritik die in Selbsthass ausufert, verleitet einen in einen sich immer enger zusammenschnürenden Teufelskreis zu verwickeln, aus dem man irgendwann nicht mehr ausbrechen kann. Man fühlt sich gezwungen, immer alles erneut zu überarbeiten und zu hinterfragen, um es zu verbessern, stattdessen verschlimmert man es nur ungeahnt an irgendeinem Punkt und kommt nicht mehr darüber hinweg, einfach mal ruhen zu lassen.

Das ist auch mit ein Hauptgrund, warum es mit dem Schreiben bei mir immer so schleppend lief. Und auch der Grund, warum mein „erstes Buch“, auch wenn ich es ungern so betitel, nicht den Ansprüchen von mir und anderen gerecht werden konnte. Weil ich mich selbst mit einer Deadline gezwungen habe, fertig zu werden, gleichzeitig aber nicht zufrieden war und dann noch, zwei Tage vor meiner mir selbst gelegten Deadline, erneut angefangen habe, an Sätzen und Kapiteln zu arbeiten, ohne diese dann erneut in die Korrektur zu geben… Es entstand, was entstanden ist.

Wenigstens konnte ich jetzt aus meinen Fehlern lernen. Und das ist wenigstens eine Eigenschaft, die nur gut sein kann.

Aber wie gerade erwähnt, scheitere ich daran, einfach konsequent zu schreiben. Die Zeit zu nutzen, die ich habe dafür. Weil ich an meiner eigenen Gedankenwelt scheitere, dieses Hindernis weder aus dem Weg räumen noch überwinden kann. Ich blicke jetzt in diesem Moment auf mein Buch in seiner Rohfassung. Das nächste Kapitel für den Sonntag ist praktisch schon fertig. Was denke ich jetzt?

Scham.

Besser kann ich es gerade nicht ausdrücken, was ich fühle. Die Stimme ist nicht immer da, sie quält mich jeden Tag, nur gelegentlich, wenn ich für mich bin und Revue passieren lasse über mein Geschriebenes. Denke ich an die 298 Seiten zuvor an mein Buch, stellt sich meine Stimme aber immer folgende Frage:

Was hast du dir nur dabei gedacht? Wie schlecht ist das denn? Unoriginell. Einfach peinlich. Keiner will das lesen, merkst du das nicht? Du bist nichts weiter als eine verzweifelte und verweinerlichte Seele, die sich selbst einbildet, sie könne gut schreiben, produziert aber Seiten, die nicht mal als Schundroman durchgehen. Sogar Hitlers Mein Kampf war ein besseres, literarisches Werk als das hier. Diese dumme Welt, die du dir da im Buch aufgebaut hast, das ist doch Kinderkram. Das ergibt weder Sinn, noch ist es lustig, geschweige denn spannend. Lass es bleiben. Geh dich erhängen. Du wirst es nie zu etwas bringen. Du bist einfallslos und bedauernswert. Nicht mal wert, geliebt zu werden.

Und das Schlimmste an der Sache ist, ich ertappe mich selbst dabei, wie ich der Stimme nur bejahend zunicke im Kopf. Ihr das Recht zuspreche, dies zu behaupten.

Ich arbeite mit viel gedanklichen Hochdruck dagegen an. Ich brauche zwar immer noch meine Deadlines, setzte sie nun aber klüger. Statt in den vier Wochen das Buch fertig zu haben, möchte ich ein Kapitel pro Woche schaffen. Das ist ein guter Wert, der leicht übertroffen werden kann, gleichzeitig aber bei mangelnder Selbstdisziplin einen in den Hintern tritt. Gleichzeitig muss ich mich selbst von der eigenen Wahrheit überzeugen, dass ich für niemand anderen als für mich schreibe. Wer für jemanden anderen schreibt, muss einen Brief adressieren und zur Post bringen. Der Roman muss immer für den Autor sein. Der Leser muss nur das Interesse des Autors an dem Werk teilen. Schreibt der Autor nicht mehr für sich, verfälscht es das Werk in seiner Gänze und es entspricht nicht mehr dem, was der Autor fühlt und erlebt, sondern nur, was er denken und fühlen soll. Doch genau dabei geht es beim Schreiben; sich und seine fiktive Welt wiedergeben und nicht mit dem Produkt eines (unbekannten) Individuum diesem Gerecht werden. Oder so.

Also schreibe ich für mich. Und vielleicht liest irgendwann jemand anderes mein Buch. Vielleicht auch nicht. Aber das muss mir egal sein. Und daran arbeite ich. Denn sonst verliere ich den Spaß am Schreiben, den ich einst hatte und durch meine Zwänge verlor. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.

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