Forget Home – Kapitelvergleich ESA [1] – 5/2019 vs 12/2021

by Toshio Riko

Schnell geht’s weiter. Das erste ESA-Kapitel soll gleich zu Beginn Einblicke auf die Gegenseite ermöglichen. Und neue Fragen aufwerfen: Was haben sie vor? Und vielmehr noch: Was für Opfer bringen sie? Das Kapitel ist kurz und bündig. So wie alle ESA-Kapitel.

Karsyn Bennett ist einer der Köpfe hinter der Mission, die die ESA plant. Und jemand, den Gewissensbisse plagen.

Heute und wie immer gilt: Zitat 1 ist die Rohfassung, Zitat 2 ist die neue Fassung.

»Es wurden alle Einladungen verschickt und die letzten Vorbereitungen sind abgeschlossen, Herr Bennett.« Eine Frau mittleren Alters, hochgesteckten Haaren und grauen Rock, steht am anderen Ende des Schreibtisches, in der linken Hand ein Klemmbrett, in der rechten ein Stift. Ihr gegenüber sitzt ein älterer Mann. Mit seiner Hand fährt er über seine dünnen Haare, dann durch den weißen und langen Rauschebart. Er greift nach einem edlen Gehstock und richtet sich langsam auf.

»Danke Linda.«

»Okay«, antwortet sie und dreht sich wieder um, geht auf die Tür zu, doch bleibt kurz davor stehen. »Herr Bennett?«

»Ja?«, antwortet er, während er mit dem Rücken zu ihr auf die weiße Tafel blickt. Auf ihr sind Formeln, Daten und Skizzen. Mit seinem Finger schreibt er mittig eine weitere Gleichung hinzu.

»Sie wirken seltsam bedrückt, Herr Bennett. Ist alles in Ordnung?«

»Der Tag rückt immer näher, an dem wir das Projekt starten. Eine Woche noch. Und mit jedem Tag frage ich mich immer häufiger: Ist es das Richtige, was wir hier tun? Ich beginne in meinen alten Tagen an mir selbst zu zweifeln.«

Linda blickt nachdenklich auf den Boden. Sie nickt langsam mit dem Kopf, überlegt ihre Antwort. Dann schreitet sie wieder zurück an den Schreibtisch.

»Herr Bennett … Karsyn …«, Lindas Blick wandert noch einmal zurück zur Tür. Sie ist zu. »Du hast fast drei Jahrzehnte auf diesen Tag hingearbeitet.« Sie zeigt mit dem Finger auf die Tafel, direkt auf einer der Formeln. »Ohne dich und die vielen Jahre der durchgemachten Nächte hätten wir nie die Natario-Formel soweit anpassen können, dass wir heute tatsächlich einen interstellaren Flug mit Überlichtgeschwindigkeit durchführen können.« Linda geht näher an Karsyn ran und greift seine Hand. Er blickt mit seinem von falten und Altersflecken übersätem Gesicht hinab.

»Aber die Opfer, die wir bringen … Ich zweifle daran, dass es das wert ist. Es entbehrt jeder Ethik.«

In der neuen Fassung sollen Karsyns Bedenken mehr unterstrichen werden. Und auch, dass er weiß, was Linda Hilly als Nächstes vorhat. Doch, und das war mir besonders wichtig, soll auch klar werden, dass seine Loyalität zur ESA als Institution und sein Projekt, sein Lebenswerk, ihm wichtig sind. Und nicht von Linda hervorgehoben werden.

Was die ESA wirklich vorhat, die Mission, soll bis zu einem bald kommenden Zeitpunkt noch verschleiert bleiben.

»Die Einladungen wurden verschickt, Herr Bennett. Wir sind so gut wie startklar für die Aufnahmephase.«

»Danke, Linda«, sagt Karsyn leise, greift nach seinem edlen Gehstock und richtet sich langsam auf. Er blickt zur Tafel, vertieft in die Gedanken und die Furcht vor der Reue, die er verspüren muss.

»Sie sehen bedrückt aus, Herr Bennett?«

Karsyn starrt weiter auf elektronische Tafel. Die Formeln, die er hat darauf projizieren lassen. Der Schlüssel zum Überleben.

»Ist es das wert? All das, was wir vorhaben? Tun wir noch das Richtige oder driften wir von der guten Tat ab? Ich frage mich, wie weit können die Mittel gehen, bis sie den Zweck nicht mehr heiligen, sondern jenen zerstören? Einer aus Hundertfünfzigtausend. Das entbehrt doch jeder ethischen Vorstellung.«

»Wir tun, was wir tun müssen, um das zu retten, was wir noch haben. Eine andere Wahl, eine zweite Chance oder noch mehr Bedenkzeit gibt es nicht. Es ist eine jetzt oder nie-Situation. Es entbehrt jeder Logik, es nicht zu tun.«

Linda ist sehr eindrücklich in ihrer einstudierten Ausführung. Vielleicht hat sie ja recht. Aber jetzt wird sie erstmal zum Director gehen und ihm davon erzählen. Soll sie das machen. Er hat seine Bedenken. Aber er ist loyal, immer gewesen. Die ESA ist alles, was er noch hat. Und dieses Projekt ist sein Lebenswerk, er würde es nie so einfach aufgeben.

Mehr gibt es nicht zu zitieren aus dem Kapitel. Es sind lediglich zwei Seiten (im Paperback-Format). Heute (vielleicht) oder morgen geht es mit Jesse [2] weiter.

Mit zittriger Hand zieht er an seiner Zigarette. Unklar, welche Worte er wählen soll. Wahrheit, Notlüge oder einfach unehrlich sein? »Ich will dir das mit Sicherheit nicht antun. Ich gebe zu, ich habe erst nicht an dich gedacht. Aber diese Chance, sie ist so einmalig. Und du weißt, wie sehr ich von der Astronautik und dem Weltall begeistert bin. Und manchmal glaube ich, dass du mich davon abhalten willst, auch mal ich selbst zu sein, weißt du?«

Das leichte Kopfschütteln und der verbitterte Ausdruck in ihrem Gesicht machen ihm klar, dass eine Mischung aus Wahrheit und Notlüge eher angebracht wäre, als so direkt zu sein.

»Weißt du was, du blödes Arschloch? Dann verpiss dich doch, wenn du das so siehst. Idiot.«

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