Forget Home – Kapitelvergleich Kento/Vater [1] – 6/2019 vs 12/2021

by Toshio Riko

Jesse erinnert sich an den Tag, als sein Vater starb. Kurz nach Neujahr (wie passend) bringt Jesses Vater seinem Sohn etwas mit. Ein Geschenk mit Folgen. Aber hier ändern sich gleich zwei Sachen (einfach, weil es ein Fehler in der Kontinuität ist).

Denn Jesse soll das Geschenk nicht einfach so, sondern zu seinem Geburtstag bekommen. In der alten Fassung bekam er es von seinem Vater mal eben zwischendurch im Januar. Und auch die Tatsache, wie Kento das Geschenk bekam, erzählt er seinem Sohn nicht direkt, sondern wird über seinen Kopf dem Leser mitgeteilt usw. Wie immer erst die Rohfassung als Zitat, dann die neue Fassung.

Jesse, Jesse«, ruft Kento, als er die Tür mit seinen Füßen aufstößt. In den Armen trägt er einen großen, länglichen Karton. Sofort kommt Jesse aus dem Schlafzimmer. Noch etwas schlaftrunken reibt er sich die Augen.

»Schau mal, was ich für dich habe. War nicht leicht das zu besorgen, aber ein alter Freund aus meiner ESA-Zeit hat mir geholfen.«

Mit noch angestrengtem Atem legt er das Paket in die Mitte des Raumes und winkt Jesse zu sich. »Komm, lass es uns aufmachen.«

Kento reißt das Klebeband von der Kante und öffnet das Paket. Ein großes, weißes Zylinderobjekt und Stativ offenbaren sich Jesse. Er weiß sofort, was das ist.

»Eines der technologisch hochwertigsten Hobby-Teleskope basierend auf dem guten alten Ritchey-Chrétien-Cassegrain-System. Gefällt es dir?«

Aufgeregt nickt Jesse. »Wann können wir es ausprobieren?«

»Leider erst, wenn der ganze Smog wieder durch den nächsten Sturm weggewaschen wurde. Dann können wir uns irgendwo in der Zone einen schönen Platz suchen, wo kein Mega-Komplex den Blick stört.«

Etwas enttäuscht senkt Jesse seinen Kopf. Am liebsten würde er sofort aufbrechen und den Blick in den Himmel wagen.

»Jetzt kein Trübsal blasen, mein Junge. Es dauert ja nie lange bis zum nächsten Regen, nicht wahr?«

»Okay. Aber wirklich versprochen, ja?«

»Auf jeden Fall. Mein Ehrenwort.«

Ich sah es nicht als nötig an, den Tag künstlich herauszuzögern. Viel mehr sollte der Fokus kurz auf die aktuelle Situation gelegt werden, in der sich die Familie befindet: Wenig Geld, hohe Preise für „Luxusgüter“ wie Fleisch. Der Vater spart alles für seinen Sohn an. Und dass Mika und Jesse sich bereits kannten sollte auch noch einmal klargestellt werden.

Es ist immer der schönste Tag im ganzen Jahr. Aber wie soll es sonst anders sein für einen Vater, wenn der eigene Sohn Geburtstag hat. Und endlich, nach langer Suche und einem alten Bekannten, konnte er das Geschenk der Geschenke für Jesse besorgen.

»Alles Gute zum Geburtstag, mein Großer.« Kento wuschelt Jesses Haare durch und legt das große Paket auf den Tisch vor ihnen. »Mach es auf. Es wird dir sicherlich gefallen.«

Jesses Augen strahlen jetzt schon, ob er schon was ahnt? Vielleicht. Aber wissen kann er es eigentlich nicht. Umso gebannter sieht er ihm zu, wie er das Geschenkpapier herunterreißt und, als sich die Verpackung endlich offenbart, aus dem Staunen und Jubeln kaum herauskommt.

»Echt, für mich?«

»Ja, nur für dich.«

Kento reibt sich den Schweiß aus den Augen. Ein so großes Ritchey-Chrétien-Cassegrain Teleskop für den Hobby-Bedarf ist vieles, nur nicht leicht. Und auch nicht billig. Keiner stellt die Dinger mehr her, es gibt nur noch einige aus der früheren Zeit irgendwo rumlagernd. Das viele Sparen hat sich aber jetzt schon gelohnt. Diese pure Freude im Gesicht seines Sohnes ist mehr wert als jeder Dollar, den er auf dem Konto hat.

»Hast du Lust, es heute Abend gleich mal auszuprobieren?«

Jesse nickt wild seinen Kopf. »Können wir damit auch andere Galaxien sehen, nicht so wie mit dem Alten?«

»Aber sicher. Mit dem RC-Teleskop wird das gar kein Problem sein. Dann komm, lass uns erstmal kochen und deinen Geburtstag feiern. Kommt die kleine Mika auch noch vorbei?«

»Morgen.« Jesse läuft bereits in die Küche.

Kinder lieben immer einfache Gerichte, da ist sich Kento sicher. Die gute, alte Pasta mit einer selbstgemachten Hackfleisch-Tomatensauce ist Jesses absoluter Favorit und ihr Standard-Mahl an seinem Geburtstag. Kento würde ihm ja gerne häufiger etwas Schöneres kochen, doch gerade die Preise für Fleisch sind exorbitant hoch. Aber besondere Anlässe sind dafür gemacht, eben mal nicht auf den Preis zu achten.

In beiden Fassungen suchen sich Vater und Sohn einen guten Ort zum Beobachten der Sterne raus. Wo genau, beschreibe ich in der neuen Version noch genauer. Und dann entdecken sie gemeinsam verschiedenste Objekte im Weltall.

»Hier, als erstes möchte ich dir meine liebste Sternkonstellation zeigen. Dort, im Großen Bären«, sagt Kento und zeigt mit dem Finger in den Himmel und beginnt dann, das Teleskop auszurichten.

»Da, schau mal.«

Jesse streckt sich hoch zum Okular und sieht zwei kleine, helle Punkte.

»Das ist Xi Ursae Majoris, auch Alula Australis, ein Doppelstern-System im Großen Bären. Und warte mal …«, Kento übernimmt noch mal kurz die Steuerung des Teleskopes und justiert es leicht, nur ganz sanft und vorsichtig, nach oben, »hier haben wir Ny Ursae Majoris, oder auch Alula Borealis. Guck.« Kento lässt Jesse wieder an das Okular.

Ein leises »Wow« ist von Jesse zu vernehmen, während er den Stern begutachtet. Geschichten und Bilder von seinem Vater hat Jesse schon viele gehört. Darüber, wie viele Geheimnisse es noch im schier unendlichen Universum zu entdecken gibt, wie wunderschön es dort aussieht, wie leer und doch wie vollgepackt von Wundern es ist. Und wie das Interesse an der Raumfahrt mehr und mehr mit dem damaligen Wohlstand verschwand. Wie man das Interesse daran verlieren konnte, das versucht Jesse immer noch zu begreifen. Ihn auf jeden Fall kann man immer damit beeindrucken.

Stern für Stern und Planet für Planet begutachten die beiden, während der aufgehende Sichelmond über ihnen zieht. Es ist ruhig, beinah mild von den Temperaturen her. Kein Fahrzeug oder Mensch kreuzte die entfernte Straße bisher. Umso auffälliger ist das laute Motorengeräusch eines älteren Militärfahrzeuges. Jesse ist zu sehr fokussiert auf den Stern, den er gerade beobachtet. Aber Kento dreht sich verwundert um und folgt den Rückscheinwerfern, bis sie außer Sichtweite sind. Er zuckt kurz mit den Schultern und wendet sich dann wieder seinem Sohn zu.

»Wollen wir uns gleich mal die Andromeda-Galaxie ansehen?«, fragt Kento seinen Sohn.

Ich lasse das mal unkommentiert.

»Dann richten wir das Teleskop mal aus.« Kento positioniert die Linse auf einen Fleck am Himmel. Mit spitzen Augen und ein paar feinen Drehungen an den Rädchen und am Ende hat er den Saturn erfasst. Seine Ringe sind selbst jetzt noch unfassbar schön und ein Wunderwerk dessen, was alles an symmetrischer Schönheit möglich ist im Weltall.

»Schau dir das mal an, so groß und klar hast du ihn sicherlich noch nie gesehen.«

Jesse stapft heran an das Okular und streckt seinen kleinen Körper hoch, um ein Auge auf den Planeten zu werfen.

»Wow«, flüstert er leise, ebenso begeistert von der Schönheit.

Kento gibt ihm einen Moment, ihn genaustens zu betrachten.

»Jetzt ist er weg, Papa.«

»Und woran liegt das?«

»Weil wir uns um unsere eigene Achse drehen.«

Kento klopft ihm auf die Schulter. Eine zu einfache Frage. Der Junge ist viel zu schlau und aufgeweckt für diese traurige Welt. Hätte er die gleichen Chancen; Schule, Uni und Auslandsreisen in ferne Welten, gehabt … Wer weiß, was aus ihm geworden wäre.

Als nächstes sucht sich Kento mithilfe von Sternendaten aus dem Internet Xi Ursae Majoris aus.

»Schau, das wird dir gefallen. Sowas hast du bisher noch nie gesehen.«

Wieder streckt Jesse seinen Körper hoch und kommt anschließend kaum aus dem Staunen heraus. »Wie heißt der?«

»Dieser Stern trägt den Namen Xi Ursae Majoris, oder auch Alula Australis. Es steht im großen Bären. Und wenn ich jetzt hier etwas am Rädchen drehe, dann siehst du seinen Begleiter.«

»Ein Doppelstern«, staunt Jesse.

»Ganz genau. Das ist Ny Ursae Majoris. Oder auch Alula Borealis. Und es gibt noch zwei weitere Begleiter, aber die sind leider zu schwach, um sie sehen zu können.«

Die Nacht ist still und nur selten weht ein laues Lüftchen um ihre Ohren. Langsam zieht auch der knapp aufgehende Sichelmond seinen Kreis um sie. Es sind bestimmt schon zwei Stunden vergangen und Mitternacht nähert sich. Nach einigen anderen Sternbeobachtungen, möchte Kento nun die Gunst der Stunde nutzen, um das Teleskop auf die Andromeda-Galaxie zu richten.

Das an diesem Abend der Sternenbeobachtung nicht alles so verläuft, wie es soll, war ja wohl schon klar. Ansonsten gäbe es darüber wohl leider kein Kapitel. In beiden Versionen werden sie überrascht von Gangstern, die auf der Flucht vor der SS-G sind und sie als Geiseln nehmen. Auch wenn sich Dialoge und Handlung leicht unterscheiden, legen wir großen Wert auf den Ausgang dieser Handlung. Denn hier gibt es wirklich wegweisende Änderungen.

»Ihr werdet nicht auf die Geiseln schießen, also tut nicht so. Lasst uns gehen oder es gibt Tote!«, ruft Nugget.

Sekunden der Stille vergehen. Cutie blickt hin und her zu ihren Gefährten. Flufs Herzschlag wird immer schneller an Jesses Arm, sein Atem immer schwerfälliger.

Das Schallgeräusch eins metallischen Klickens durchbricht die stillschweigend und angespannte Situation. So leise wie das Fallen einer Stecknadel auf den Boden.

Ein Schuss, ein lauter Knall und das grelle helle Licht des Mündungsblitzes wird gefolgt von Kentos laut gebrülltem »Jetzt Jesse!«.

Sofort reißt sich Jesse aus dem losen Griff von Flufs und wirft sich auf den Boden. Der versucht zwar noch nach ihm zu greifen, doch schon im nächsten Moment sieht Jesse nur, wie eine Kugel durch die Maske durchdringt, das Plexiglas zerspringt und Blut auf den anderen Seiten herausquillt. Der Körper fällt auf Jesse und begräbt ihn zur Hälfte.

Die Sekunden der Schreie und Schüsse vergehen gefühlt erst nach einer Ewigkeit. Die drei Personen hatten keine Chance, alle drei liegen regungslos auf den Boden.

Kento liegt nur einen Meter von Jesse entfernt, langsam kriecht er zu ihm. »Siehst du, Junge? Ich sag ja, alles wird gut.«

Doch bevor Kento seinen Sohn erreicht, tritt einer der Soldaten zwischen die beiden und schmettert seinen Stiefel auf den Rücken von Kento, der vor Schmerzen laut drauf losschreit.

»Was machen wir mit dem hier, Sergeant?«, fragt der Soldat.

»Könnte einer von ihnen sein. Oder haben sie erkannt, wer die Geisel war? Mal von dem Kind hier abgesehen«, antwortet eine andere Stimme.

»Nein, Sergeant.«

Kento flüstert zu Jesse: »Mach die Augen zu.« Doch Jesse schüttelt den Kopf. Er will schreien, er will aufspringen, doch die Panik und die Angst sind zu groß. Und wieder weiß er nicht, was hier passiert.

»Also dann. Ganz nach Protokoll«, antwortet der Sergeant und dreht sich um.

Es folgt ein letzter Schuss, das letzte laut schallende Knallen und das letzte Mündungsfeuer.

»Nein!«, schreit Jesse und springt sofort zu seinem Vater.

»Shit«, zischt der Soldat über Jesse. Es folgen für Jesse unverständlich geflüsterte Worte in die Ohren des Sergeant.

»Das Protokoll hat es so vorgesehen. Kümmert euch um den Jungen«, befiehlt der Sergeant laut und deutlich.

Kein Kommentar.

Der Wagen der SS-G kommt kurz vor ihnen zum Stehen. Die Türen öffnen sich und dahinter positionieren sich mehrere Soldaten, die auf die Männer, samt Kento und Jesse, zielen.

»Lasst die Waffen fallen. Oder wir schießen.«

»Bullshit!«, brüllt Nugget zurück und spuckt regelrecht Galle aus. »Wir haben Geiseln. Ihr tötet kein Kind, sicherlich nicht. Wir wollen euer Auto, dann lassen wir den Jungen am Leben.« Er wedelt dabei heftig gestikulierend mit seiner Waffe umher.

»Shit Nugget, man. Wir sind echt in der Scheiße hier.« Die Frau wirkt nervös, panisch und einem Nervenzusammenbruch nahe. Sie schwitzt wie verrückt und ihre Augen zucken, während die Hände, die die Waffe halten, zittern. So sehr, dass man meinen könnte, man wäre auf der Antarktis, als die noch kalt war.

»Reiß dich zusammen, fucking Bitch. Wieso habe ich überhaupt eine Frau in meinem fucking Team? Ihr und eure scheiß Hormone.«

»Fick dich, Nugget. Du hast ja nicht nachgedacht und einfach irgendeinem Fremden vertraut.« Die Frau hat aufgehört, auf die SS-G zu zielen und richtet stattdessen, wohl eher unbewusst, die Waffe auf Nugget und Kento.

»Bist du völlig bescheuert? Richte die scheiß Waffe auf die Wichser und nicht mich.«

»Wir wiederholen uns nicht. Das war‘s, letzte Chance vorbei«, brüllt einer der Soldaten. In der Sekunde, wo er den Satz ausgesprochen hat, fallen Schüsse hinter Kento. Der in den Kopf getroffene Nugget reißt Kento mit zu Boden. Cutie versucht noch, wegzulaufen, doch auch sie trifft sofort ein Kugelhagel.

»JESSE?« An nichts anderes kann Kento jetzt denken. Ein Schmerz breitet sich wie loderndes Feuer in seinem Rücken aus. Seine Beine sind taub.

»JESSE?«, keucht Kento erneut. Er versucht mit aller Kraft, sich umzudrehen.

»Ah, ah, ah.« Ein Soldat tritt auf seinen Rücken und die Reaktion von Kento folgt prompt.

Er schreit, wie er noch nie geschrien hat. Derartige Schmerzen hat er noch nie in seinem Leben gespürt.

»Lass mich zu meinem Sohn!«, keucht Kento mit aller Kraft, die er noch übrighat.

»Lebt der Junge noch?«, ruft der Soldat fragend zu einem seiner anderen Männer.

»Ehy, Kleiner? Lebst du?«

Kento kann nicht sehen, was passiert. Er versucht, seinen Kopf zu drehen, doch es hilft nichts. Er kann nur ein Wimmern erkennen, Jesses wimmern.

»Sieht lebendig aus.«

»Die hier lebt noch«, sagt plötzlich ein anderer Mann, der vermutlich Cutie meint. »Was soll ich mit ihr machen, Lieutenant?«

Der Mann über Kento scheint kurz nachzudenken. »Scannen und ganz nach Protokoll. Wenn sie die Fahrt zur Zelle überlebt.«

Der Mann lacht hämisch, als würde ihn das Leid der anderen erfreuen. Er bückt sich zu Kento herunter und hält ein Gerät an seine Schläfe. »So, so. Kento Azuki.«

»Die hier heißt Haennah De Beys.«

Doch der Lieutenant scheint wenig Interesse für die andere Gefangene zu haben. Er widmet sich ganz und gar Kento zu. Er flüstert ihm etwas, leise und mit einer tiefen Schadenfreude, ins Ohr.

Kentos Augen leuchten auf. Er würde gerne sofort protestieren und den Mann mit der Waffe und dem Fuß auf seinem Rücken anbrüllen, was er damit meint. Doch ohne ihm nur eine Chance dazu zu geben, wird Kento geknebelt und hochgerissen. Nun kann er die Schmerzen nur noch dumpf in das Tuch prusten.

»Heffii!«, ruft Kento kaum verständlich, als er sieht, wie sein Junge von den Männern in eine andere Richtung abgeführt wird.

»PAPA!«, schreit er völlig außer sich. Er kann noch gar nicht verarbeiten, was hier geschehen ist. Er sollte sowas nicht sehen. Und jetzt kann er nicht für ihn da sein.

»Schlaf schön, Kento«, sagt der Lieutenant und steckt ihm eine Nadel in den Arm. Die dunkle Finsternis breitet sich schnell in seinen Augen aus. Den tiefen Schlaf kann er mit keiner Macht der Welt aufhalten.

Und nächste Woche geht es mit Jesse [4] weiter (bzw. Jesse [5-Alt]). Dann gibt Jesse auch eine letzte Conclusion, wie es mit seinem Vater ausging:

»Man hat ihn wohl zum Quartier der SS-G gefahren, aber er ist an seinen Verletzungen gestorben. Einige Männer kamen am nächsten Tag zu mir nach Hause, wo ich abends zuvor hingeschleppt wurde. Man entschuldigte sich, dass man ihn zuerst verdächtigt habe. Und ließ mich dann zu der Familie meiner Freundin bringen, wo ich bis zu meinem 18. Lebensjahr verbracht habe.«

Wills reibt sich erschrocken durch das Gesicht.

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