by Toshio Riko

Jesse [1]

2175, 4. Juli

Stuttgart, ST-1-M

Ein rot flackerndes Licht schimmert kontinuierlich durch den dichten Smog. Jesses Hände sind in den Taschen vergraben. Ein Sturm wurde angekündigt, Wind und Regen werden wieder für einige Tage frischere Luft sorgen. Und die Temperaturen kurzzeitig auf angenehme 19° Celsius senken – zumindest nachts.

»Jesse, es wurde eine Warnung herausgegeben für deinen Bezirk«, sagt Alula, Jesses kleiner Chip, das AI-controlled Neural Networ, kurz ANN-Chip. Dieses kleine Gerät, welches jeder seit dem Kollaps tragen muss, ist an der Schläfe mit seinem neuronalen System des Gehirns verbunden. Alula taufte er die AI selbst.

»Was für eine Warnung denn? Von dem Sturm weiß ich Bescheid.«

Per Gedanken kann Jesse mit Alula kommunizieren, ebenso wie mit Gesprächspartnern. Der Chip fungiert als ein One-in-All Device fürs Telefonieren, Zugang zum Internet, Navigation und auch als persönlicher Assistent.

»Es wurde eine akute Ausgangssperre für den Sektor ST-1-M erhoben, es besteht Lebensgefahr.«

»Super«, murmelt Jesse und rollt seine Augen. »Egal, jetzt bin ich eh schon auf der Hälfte des Weges zur Bar, da drehe ich sicher nicht um.«

»Wäre es nicht besser, schnell Sicherheit in einem der Wohnkomplexe zu suchen, Jesse?«, sagt Alula.

»Nein, nein. Auf gar keinen Fall. Ich bin sowieso schon etwas zu spät, und ich werde jetzt sicherlich nicht abwarten, bis ich wieder raus kann. Ich muss Mika und den anderen einfach erzählen, was ich heute erfahren hab.«

»Alles klar, Jesse.«

Jesse setzt seinen Gang zügig fort. Am Hinterkopf zieht er an den Gurten seiner vollautomatischen Atemschutz-Halbmaske. Jetzt sitzt sie bequemer.

Die Straßen sind wie leergefegt. Vorbei an grauer Betonwand für Betonwand der Mega-Komplexe zieht Jesse seine Wege. Einige Wände sind bemalt, oder mit Graffitis übersäht, um etwas buntes Leben in die sonst triste Welt zu bringen.

Langsam versteckt sich die Sonne hinter dem Horizont und die Lichter der Laternen übernehmen die Beleuchtung.

Kurz vor seinem Ziel, nur zwei Blocks weiter, bemerkt Jesse an einer vor ihm liegenden Kreuzung einen großen Wagen mit militärische Camouflage-Bemalung. Er biegt direkt in seine Straße ab, mit eindeutig hoher Geschwindigkeit, wie man dem Quietschen der Reifen urteilen kann. Das Humvee-ähnliche Fahrzeug steuert direkt auf Jesse zu. Und kommt, wieder mit quietschenden Reifen, direkt neben Jesse zum Stehen. Ein Soldat der paramilitärischen Miliz »Stuttgart Safty Group« springt raus, samt Sturmgewehr auf dem Rücken. Auch er trägt eine Atemschutzmaske, wie alle anderen, die sich außerhalb befinden. Nur, dass bei ihm auch ein Sichtschutz an den Augen integriert ist. Jesse kann zwar die Augen nicht sehen dadurch, doch er fühlt die angespannte Stimmung bei dem Mann.

»Was zum Teufel machst du hier noch draußen?«, brüllt der Soldat Jesse an. Er steht nun direkt vor ihm.

»Ich wollte gleich rein, ich muss nur zwei Blocks weiter«, erwidert Jesse und versucht so entspannt wie möglich zu bleiben.

»Es ist eine akute Ausgangssperre rausgegeben worden, das musst du doch mitbekommen haben?«

Jesse nickt.

Noch bevor der Soldat fortfahren kann, ist wieder das Quietschen von Reifen zu vernehmen, wieder von der gleichen Kreuzung. Beide blicken ruckartig in die Richtung.

»Sofort, da in die Nische«, brüllt der Soldat und schubst Jesse in die Nische der Betonwand. »Halt dich verdeckt!«

In den nächsten Bruchteilen einer Sekunde reißt der Soldat die Beifahrertür auf und zieht das Sturmgewehr vom Rücken. Hinter der Türverkleidung nimmt er Deckung und zielt. Zwei Sekunden später lösen sich mehrere Schüsse, der Hall des Knallens zieht durch die Häuserschluchten und verschwindet in einem leisen Echo, dann rauscht das andere Fahrzeug vorbei. Buggy-ähnliches Aussehen, fünf Personen sitzen dort, alle mit eingezogenem Kopf. Nur einer steht offen. Kaum am Soldaten vorbei, lösen sich von dort mehrere Schüsse. Jesse hält sich nicht wie angeordnet verdeckt, sondern versucht so lange wie möglich einen guten Blick auf die Situation werfen zu können. Neben seinem Kopf trifft eine Kugel die Wand, er zuckt zusammen, Beton wird abgesprengt. Ein Fenster des Humvees wird getroffen, die Scherben verteilen sich zu Tausendfach auf dem Boden. Der Soldat duckt sich, springt dann hinter die andere Seite der Tür und feuert sofort zurück. Doch der Buggy ist schon zu weit entfernt, kein Schuss trifft mehr.

»Verdammt«, brüllt der Soldat, »ST-1 Bravo-2, melde Bugout, Hostile, Reference Nord-West. Press, Press! Over.«

Jesse kann nicht viel mit den Begrifflichkeiten anfangen. Aber von dem, was er gesehen hat, ist er sich mit einer Sache sicher. Das in dem anderen Fahrzeug, das müssen Survivor gewesen sein. Die vergilbten und dreckigen Klamotten, sowas trägt keiner, der aus einer Mega-Metropole stammt.

Der Soldat dreht sich wieder um und geht mit schweren Schritten auf Jesse zu, packt dabei das Sturmgewehr wieder zurück auf seinen Rücken. »Beeile dich, aber lass dich nicht noch mal bei einer Ausgangssperre hier erwischen, sondern such‘ sofort Schutz. Alles klar?«

»Verstanden«, sagt Jesse und will sich wieder auf den Weg machen.

»Sekunde, eine Sache noch.«

Jesse bleibt wieder stehen und dreht sich zurück. Aus der Tasche holt der Soldat ein Gerät und hält es in Richtung Jesse. Er weiß, dass der Soldat damit seinen Chip gescannt hat.

»So, jetzt ist alles gut.« Hastig eilt der Soldat zurück zu seinem Fahrzeug und fährt weg. Jesse blickt nicht mehr zurück.

 

Sanfte synthetische Klänge schallen durch die Räumlichkeiten der Bar. Neon-bunte Lichter erhellen das in beinah ausschließlich weiß gehaltene Mobiliar. Bars und Clubs, es sind einer der wenigen Rückzugsorte, wenn einem die Innenhöfe der Mega-Komplexe langsam zum Halse raushängen. Und diese Bar ist schon seit über ein Jahrzehnt der traditionelle Treffpunkt für Jesse und Mika, seiner besten Freundin seit Kindheitstagen, und ihren Freundeskreis. Nachdem Jesse am Eingang seine Maske aufgehangen hat, kann er sofort die anderen an einem der Tische erspähen. Mika winkt ihm zu.

»Na Jesse, auch endlich mal da?«, sagt sie, als er sich hinsetzt.

»Die Ausgangssperre … Ich habe gerade eben direkt miterlebt, dass diese absolut nicht grundlos war.« Über den Tischdisplay bestellt sich Jesse ein Getränk.

»Was’n passiert?«, fragt Cray, der ebenfalls am Tisch sitzt, zwischen Mika und Lucas.

»Na ja. Also, zwei Blocks von hier …«. In kurzer Ausführung erzählt Jesse von seinem Erlebnis. Für einen Moment blicken ihn die sechs Augen regungslos an.

»Survivors? Bist du dir sicher?«, ist Lucas‘ erste Reaktion.

»Wenn ich es dir sage«, sagt Jesse. »Was denn sonst?«

»Als ob«, sagt Mika, »irgendjemand da draußen außerhalb der Stadt eine Chance hat, zu leben. Und selbst wenn, was sind das dann für Menschen? Bei den Bedingungen? Wohl eher Tiere. Und dann sollen die auch noch in die Stadt kommen und um sich ballern. Auf einmal? Nach 30 Jahren zum ersten Mal? Also komm, bitte.«

Jesse ächzt.

»Mach dir nichts draus«, sagt Mika und wuschelt Jesse durch seine kurzen Haare.

»Aber ich weiß doch, was ich gesehen habe …«, sagt Jesse.

Eine junge Frau stellt sich an den Tisch, in ihrer Hand hält sie ein Tablett. »Einmal dein Getränk, Jesse.«

»Danke.« Die Bardame stellt das Glas vor ihm ab mit dem stark alkoholischen Getränk.

»Nichts geht über euren Selbstgebrannten«, sagt Jesse und nippt sofort an seinem Drink.

»Also,« sagt Cray und räuspert sich kurz, »ich halte deine Annahme für gar nicht so verkehrt, Jesse. Und ich hätte da sogar eine Theorie, warum die Survivor sich in die Stadt wagen. Und anders als Mika glaube ich sehr wohl, dass ein Leben außerhalb der Schutzzone möglich ist.«

»Aha? Und was macht dich da so sicher?«, erwidert Mika.

»Ach, nur so ein paar Gerüchte.«

»Okay, komm«, sagt Jesse und winkt mit der Hand das Gespräch ab, »lass mal das Thema wechseln. Ich hab‘ da etwas, was ich euch unbedingt erzählen muss.« Jesse genehmigt sich noch einen großen Schluck seines Getränkes.

»Schieß los, was ist’n?«, fragt Mika.

Jesse wischt sich kurz den Mund ab und atmet lautstark aus. »Also, kennt ihr doch die European Space Agency, die ESA, oder?«

Alle nicken. »Natürlich, du hast uns doch schon oft genug davon erzählt, von den Raumfahrtgeschichten von vor unserer Zeit«, sagt Mika.

»Ihr werdet es nicht glauben, aber die haben wieder Leute gesucht für ein noch geheimes Projekt. Und ich wurde tatsächlich eingeladen, eine Bewerbung abzuschicken.«

»Na, das ist doch schön. Man darf ja immer noch etwas träumen«, entgegnet Cray.

»Sehr witzig. Es geht noch weiter. Pass auf. Alula? Ließ die letzte Nachricht der ESA vor, laut.« Vor sich legt Jesse ein kleines, schwarz-quadratisches Objekt hin und zündet sich eine Zigarette an.

»Nachricht vom 04. Juli 2175, 8:11 Uhr«, schallt es aus dem Gerät heraus. Es ist Jesses AI Alula. »Sehr geehrter Herr Kazuki, wir bedanken uns für ihr Schreiben und dem damit gezeigtem Interesse an unserer Organisation und der Raumfahrt. Für das noch unter Verschluss gehaltene Projekt suchen wir, wie sie bereits wissen, eine Auswahl an Rekruten, die uns in dieser wichtigen Mission unterstützen werden. Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass sie einer derjenigen sind, die es in die engere Auswahl geschafft haben. Folglich laden wir sie herzlich ein, am Dienstag kommende Woche, dem 11. Juli, zu unserem Hauptquartier in BE-CHE-2, ehemals Bern, zu besuchen. Für die Fahrt nutzen sie bitte den Hyper-Mag, der um 12:00 Uhr an ihrer Station in ST-1-Mitte halten wird. Um eine Ausreisegenehmigung werden wir uns kümmern. Bitte nehmen sie nur das nötigste an Gepäck mit. Für den Fall eines längeren Aufenthaltes werden wir dafür sorgen, dass sie alles erhalten. Mit freundlichen Grüßen, Linda Hilly. ESA Projekt Controller.«

Reihum fallen die Kinnladen aller am Tisch runter, während sie der Nachricht zuhören. Während Cray und Lucas sichtlich erstaunt und beeindruckt dreinschauen, sieht Mika weniger begeistert aus.

»Und was genau bedeutet das jetzt, Jesse?«, fragt sie.

»Dass ich vielleicht wirklich meinen Traum, Raumfahrer zu werden, tatsächlich wahrwerden lassen kann«, antwortet Jesse.

»Wenn es sich wirklich darum handelt, ne?«, sagt Cray. »Aber trotzdem, das ist … Ja, ziemlich beeindruckend. Wann hast du dich denn da überhaupt beworben? Wie kam es dazu?«

»Genau Jesse«, sagt Mika und verschränkt ihre Arme. Ihr Blick wandert auf die Wand links von ihr. »Wieso hast du uns nicht schon früher davon erzählt?«

»Also, um ehrlich zu sein, habe ich selbst nicht damit gerechnet. Als ich die Nachricht bekam, dass die ESA nach Rekruten sucht und man dabei nicht zwingend schon vor dem Kollaps geboren und Erfahrungen gesammelt haben muss, habe ich einfach all mein Wissen aufgeschrieben, um meine Begeisterung an dem Thema kundzutun. Und nachdem ich dann blindlinks das Schreiben versendet habe … Naja, habe ich auch nicht weiter dran gedacht. Umso mehr hat mich die Einladungsmessage von heut Morgen überrascht.« Auf Jesses Gesicht breitet sich ein gewaltiges Grinsen aus. Er greift nach seinem Glas, um sich einen weiteren, tiefen Schluck zu genehmigen.

»Stopp, bevor du trinkst«, sagt Lucas, »müssen wir darauf anstoßen. Nicht wahr?«

»Auf jeden Fall«, stimmt Cray zu. »Auf Jesse!«

»Auf Jesse!«, sagt Lucas.

»Ja …«, sagt Mika und hebt verhalten ihr Glas.

»Auf euch«, vollendet Jesse die Runde und stößt mit den anderen an. Alle blicken tief ins Glas und schütten sich das Getränk den Rachen hinunter. Jeder ein oder zwei Schluck. Nur Mika ext ihr noch beinah volles Glas komplett und bestellt sich direkt ein neues.

»Du siehst irgendwie nicht so begeistert aus, Mika?«, fragt Cray.

»Ach, alles gut«, erwidert sie.