by Toshio Riko

Mika [1]

6 Wochen später

Stuttgart, ST-1-M

2175, 22. August

Ungeduldig tippelt Mika mit ihren Fingern auf dem Schreibtisch. Diese innere Anspannung, sie hält es kaum noch aus. Ihr Herz pocht wie verrückt und die Atmung wird immer schneller.

›Tief durchatmen‹, denkt sie sich. Einmal jegliche Luft einatmen, die in ihre Lunge passt. Innehalten. Die Tränen zurückhalten. Wie oft hat sie die letzten Wochen geweint. Wie oft hat sie hier gesessen und auf den Anruf oder wenigstens eine Nachricht von Jesse gewartet. Doch die erhoffte Nachricht, sie kam nicht. Er hat es ihr doch versprochen. Er würde doch sein Versprechen halten. Oder hat er sie einfach nicht wahrhaftig geliebt? Sie will es nicht glauben, die Realität akzeptieren. Sie ist nichts ohne ihn, ohne Jesse.

Diese innere Anspannung. Jetzt wird sie unerträglich. Sie springt von ihrem Stuhl auf und rast regelrecht zur Tür. Die schlägt sie hinter sich zu und geht zielstrebig die Gänge des Komplexes entlang, zum Fahrstuhl. Dreißig Stockwerke höher, direkt unter dem Dach.

Hier wohnt Cray. In einer der hunderten schablonenartigen Wohnungen. Drei Mal klopft sie an die Tür. Und mit einer kurzen Unterbrechung noch zwei Mal mit stärkerer Intensität.

Ein Summen ist zu hören, die Tür öffnet sich automatisch für Mika. Ein teurer Luxus, seine Tür derartig zu verbarrikadieren – und gegen das Gesetz erst recht. Doch Cray hat jeden Grund dazu.

»Was machst du denn hier oben, Mika?«, fragt Cray. »Komm, setz dich doch.«

Mika tritt etwas zaghaft in die Wohnung ein, die Tür schließt hinter ihr. Übrig bleiben die sanften Lichtquellen der Lavalampen, die den Wohn- und Küchenbereich sowie das Schlafzimmer in etlichen Farben erhellen. Cray sitzt lässig auf einem großen Sofa.

»Schon was von Jesse gehört?«, fragt Cray, während Mika sich mit etwas Abstand zu ihm hinsetzt.

Sie schüttelt ernüchtert den Kopf. »Nein. Und jetzt sind es bereits sechs Wochen. Ich halt das nicht mehr aus.« Ihre Stimme klingt zittrig, sie ist nervös. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, steigt dieses Gefühl panischer Angst, Vorfreude, Trauer. Alles zusammengemixt in ihrem Kopf. Was tut sie hier überhaupt? Es ist nicht das Richtige, das weiß sie selber. Und doch ist sie hier. Weil es für sie scheinbar keinen anderen Ausweg aus dieser Gedankenexplosion gibt, die aktuell in ihrem Kopf herrscht.

»Das verstehe ich nicht, Mika. Ich dachte, er liebt dich so sehr?«

»Anscheinend nicht …«, Mika atmet kurz durch, »anscheinend nicht«, wiederholt sie mit blasserer Stimme.

»Ich weiß ja nicht. Das passt gar nicht zu Jesse. Sicherlich meldet er sich, spätestens wenn er wieder rausfliegt«, versucht Cray zu scherzen. Aber Mika verändert nicht eine Sekunde ihre Miene.

»Okay, falscher Zeitpunkt. Das war unangebracht, sorry. Ich bin natürlich für dich da, wenn du reden willst. Es ist zwar gute zehn Jahre her, dass wir mal kurz ein Paar waren, aber du bist mir auch heute noch wichtig, Mika.«

»Aber deswegen bin ich nicht hier, Cray. Du weißt, wieso«, sagt Mika. Sie wirkt leicht beschämt, und doch gleichzeitig bestimmend.

»Doch nicht das, was ich denke, oder? Du hattest ihm doch fest versprochen, nie wieder das Zeug zu nehmen. Und noch wichtiger … Ich ihm, dass ich dir nie wieder etwas verkaufe.«

»Er ist nicht hier, Cray. Er hat mich abserviert für sein bescheuerten Traum, verdammter Astronaut zu werden.« Mika wird jetzt deutlich lauter und verzweifelter. »Ich bin ihm egal. Also hör mich auf von irgendwelchen Versprechen zu reden, die keine Bedeutung mehr haben.«

Cray denkt kurz nach, lässt Mika kurz einen Moment Ruhe.

»Also gut, ich finde nur, du solltest dir es überlegen. Warte kurz …« Cray steht von seinem Platz auf und verschwindet hinter der Tür, die zum Schlafzimmer führt. Nur für einen Moment verschwindet Cray. Trotz all der Jahre, die sich die Beiden schon kennen, würde er selbst Mika nicht verraten, wo und wie vor allem sein geheimes Versteck abgesichert ist.

»So«, sagt Cray und setzt sich schließlich wieder zurück auf das Sofa neben Mika. Seine Hand packt er zur Faust geballt auf den Tisch.

»Wie viel?«, fragt Mika ohne Umwege, ohne Cray eine Chance zu lassen, auszureden.

»Warte doch mal kurz ab. Das«, sagt er und öffnet dabei seinen Handballen, »geht auf’s Haus. Für eine alte Freundin.« Mit einem Finger schiebt er das Päckchen auf dem Beistelltisch langsam zu Mika.

Mika weiß nicht, was sie davon halten soll. »Was denn für ein Gefallen? Ich bin keine Nutte, die sich für Drogen auszieht.« Entgeistert sieht sie Cray in die Augen.

Der aber schmunzelt nur. »Hältst du wirklich so wenig von mir?«

Mika zuckt mit den Schultern. Cray mag zwar ein Netter zu sein, aber so wirklich einzuschätzen vermag sie nicht. Besonders deshalb nicht, wo sie weiß, was für Dreck am Stecken er hat.

»Morgen Abend, wir beide, gehen zu einem kleinen Örtchen, das ich kenne. Dort können wir uns mal unterhalten. Du kannst deinen Sorgen freien Lauf lassen … Und nein, damit meine ich nichts, was mit Körperkontakt zu tun hat. Ich will nur, dass du jemanden zum Reden hast, damit du mir nicht in zwei Tagen noch eine Tüte abkaufen willst.«

»Ein Gespräch? Was denn für ein Gespräch? Was soll das bringen?«

»Haben wir einen Deal?«

Nicht besonders begeistert stimmt Mika zu. »Von mir aus.« Sie greift das Päckchen und macht sich auf den Weg raus.

»Und denk dran, das sind Überreste der Verbrennung aus Octrisylphosphat. Zu viel wirkt auf deinen Körper toxisch und würde dich vermutlich lähmen und deine Atmung fällt aus.«

»Ich bin kein Kind, Cray. Ich weiß, wie man das Zeug dosiert.«

»Ich mein ja nur, vor einigen Jahren fand Jesse dich bewusstlos auf dem Boden deiner Wohnung und ich habe den Anschiss bekommen.«

Mika rollt nur mit den Augen. »Immer noch. Er ist nicht hier.«

Mika schnellt genervt durch die Tür. Ehe sie die hinter sich zuhauen kann, ruft Cray ihr noch ein »bis morgen« hinterher.

Sie lässt kaum eine Sekunde vergehen in ihrer Wohnung, da holt sie aus der untersten Schublade ihres Schreibtisches, sicher im doppelten Boden versteckt, ihr altes Schnupfbesteck heraus. Der Raum ist komplett abgedunkelt. Nur das direkte Licht ihrer Tischlampe bescheint die Unterlage, auf der sie nur wenig der gräulichen Substanz mit kristallen Funkeln auf den Spiegel träufelt. Keine 250 Milligramm sind in der Tüte, kaum 5 davon liegen jetzt vor ihr. Ihr Herz pocht. Diese Anspannung, wieder diese Droge zu nehmen. Sie ist unbeschreiblich. Endlich wieder, gleichzeitig aber auch Scham, Angst. Sie will es, braucht es. Um die Gedanken zu verlieren, die sie bis hier hin plagten. Um wieder fit zu sein, und gleichzeitig wieder unbeschwert zu sein.

Mit der schärfsten Klinge, die sie damals im Kiosk unten erhalten konnte, bearbeitet sie den kleinen Puderberg. Je kleiner die Kristalle, desto besser die Wirkung.

Immer wieder schiebt sie den zerkleinerten Haufen zusammen, bis sie sich mit der Klinge eine kleine, aber mit voller Wirkkraft beladenen, Line zurechtgelegt hat.

Ihr Herz pocht immer wilder. Mit den Händen streift sie über ihr Gesicht. Das Blut lässt sie erglühen. Einmal tief Luft holen. Und nicht lange überlegen. Sie packt das Röhrchen, schließt die Augen und zieht durch.

Erst ein Brennen. Es wird stärker. Mit dem Daumen hält sie sich das Nasenloch zu. Und immer stärker brennt es. Als hätte jemand reine Säure in ihre Nebenhöhlen geträufelt. Es dauert jedoch nicht lange, vielleicht eine Minute, dann vergeht das Gefühl des Brennens. Und langsam zeigt die Substanz ihre Wirkung. Der Blick wird klar, der Raum wirkt plötzlich so erleuchtet. Jesse? Was will sie schon von Jesse. Sie hat jetzt ganz andere Sorgen … All diese Energie muss jetzt sofort entladen werden. Der Blick wandert über ihre Schultern. Dieses Zimmer, es ist ein Saustall. Überall alte Wäsche, Essensreste und Kippenstummel, verteilt auf jeglichem Gegenstand, den man hier erblicken kann.

 

Schon eine Stunde vergangen. Es fühlte sich an wie zwei Minuten. Jetzt glänzt es hier wieder. Noch immer ist Energie da. Sie geht raus, mit dem Fahrstuhl runter auf den Innenhof, wo all die Leute heute wieder feiern, trinken und ihre Sorgen vergessen. Genau das, was Mika jetzt braucht.

Sie gesellt sich zu einer Gruppe von Polen, Schweizern und Ukrainern. Doch es war die Musik, welche sie hierherzog. Auf dem Kunstrasen lachen und reden sie. Mika findet sofort Anschluss. Wie gut, dass man die Sperrstunden vor etlichen Jahren abgeschafft hat.

 

Noch zwei Stunden vergehen wie im Fluge. Die Party verlagert sich in die beliebteste Kneipe des Mega-Komplexes. Alle lachen, alle haben Spaß.

Mika wird träge. Sorglos, ja. Voller Freude. Aber Träge. Die Musik wird ihr zu laut, die Getränke zu stark. Sie entfernt sic von der Gruppe. Alle werden sie vermissen.

Wieder in der Wohnung angekommen, das Zimmer wirkt dunkel. Doch das seicht warme Licht strahlt ein wohliges Gefühl aus. Sie würde sich am liebsten auf das Sofa legen und etwas ruhige Musik genießen. Doch auf halbem Wege öffnet sich der Blick auf ihren Schreibtisch, vorher versperrt von dem Stuhl. Ihr Schnupfbesteck, es liegt noch da. Sie vergaß völlig, es wieder wegzulegen. Auch das Päckchen. Als würde es nur darauf warten. Noch ein bisschen? Das schadet ja nicht. Sicher nicht. Gut dosiert … Dann hat man nichts zu befürchten. Aber sie weiß ja auch, dass sie nicht sollte …

Egal, nur heute. Und die Nacht kann weitergehen.

Am nächsten Tag

Der Schädel brummt. Selbst mit geschlossenen Augen fühlt es sich an, als würde das wenig Sonnenlicht ihre Augäpfel wegschmelzen. Sie hat kaum noch Erinnerung an die letzte Nacht. Das dürfte aber eher an dem vielen Alkoholkonsum liegen. Mika schafft es noch nicht mal, sich aus ihrem Bett zu erheben. Sie fühlt sich wie gelähmt. Jeder Muskel tut weh. Jede Gliedmaße brennt, als würden tausend Nadeln in sie eingestochen werden.

Also macht sie wieder die Augen zu. Etwas den Kater weiter ausschlafen. Das wird ihr guttun. Nur ein wenig schlafen …

Mit drei lauten Kawumms wird Mika aus ihrem Halbschlaf geweckt. Eine dumpfe Stimme ist bis in ihre Schlafzimmer zu vernehmen. »Mika!?«, ruft die scheinbar. Egal, was kümmert sie sich schon darum. Sie will schlafen.

Doch es folgt schon kurz darauf ein noch viel lauteres Knallen, dem einen weiteren Knallen und Poltern folgt.

»Einbrecher erkannt. Notfall-Modus aktiviert. Wie möchten sie fortfahren?«, spricht ihr ANN-Chip in den Kopf.

Nicht jetzt, ANN. Hier gibt es sowieso nichts zu klauen.

Dann wird ihre Tür aufgerissen. Jetzt würde sich Mika doch gerne aufrichten, aber ihr fehlt jegliche Kraft dazu. Dieses Gefühl der Lähmung, es fesselt sie an dieses Bett.

»Mika?«, brüllt ein Mann in ihr Zimmer sprintend. »Gott, Mika. Ich hab‘ dir doch gesagt, du sollst es vorsichtig dosieren. Meine Fresse. Das hast du jetzt davon.«

Mika murrt nur vor sich hin. Was will er schon von ihr? Bestimmen, wie sie zu leben hat? Sicherlich nicht. Sie nimmt alle Kraft zusammen und dreht sich weg von Cray.

»Spiel jetzt nicht die Beleidigte hier.«

»Was ist dein Problem, Cray?«, nuschelt Mika aus sich heraus. »Darf ich nicht ohne deine Erlaubnis ein wenig feiern?«

»Feiern nennst du das? Hast du eigentlich eine Ahnung, was du gestern Nacht so angestellt hast? Deine neuen Freunde mussten dich mit Kotze über den ganzen Körper und bewegungsunfähig hier hochtragen. Sei froh, dass du dich noch Anständigen angeschlossen hast, andere hätten dich wohl zum Sterben zurückgelassen.

Hat sie sich übergeben? Daran kann sich Mika im Entferntesten nicht erinnern. Geschweige denn von irgendwem hier in ihr Zimmer hochgetragen worden zu sein.

»Was solls. Dann habe ich halt zu hart gefeiert.«

»Nicht was solls, du bist mir wichtig, Mika. Und jetzt komm endlich aus dem Bett raus, ich peppel dich auf.« Mit beiden Armen greift Cray unter Mikas Schultern. Ihr schwerer Kopf kann der Nacken nicht halten, plumpst regelrecht hinunter. Zum ersten Mal kann sie ihren Oberkörper sehen. Bis auf ein Höschen und ein Unterhemd trägt sie nichts an sich. Das weiße Top ist voll mit braunen Flecken, vermutlich die Spuren des Erbrochenen. Ihr Spaghettiträger hängt ausgeleiert den Arm hinunter. Vermutlich hat sie doch etwas übertrieben. Aber es ist ihr egal. Ist sowieso alles egal.

»So, leg dich erstmal in die Wanne.« Vorsichtig hieft Cray sie in das Porzellangefäß. Immer noch angezogen. Sie würde sich gerne mehr wehren. Aber ihr fehlt die Kraft in den Adern.

»Ehy!«, schreibt Mika auf. Ohne Vorwarnung lässt er bitterkaltes Wasser auf sie hinablaufen. Mit fuchtelnden Armen greift sie den Schlauch und reißt den Duschkopf hinunter.

»Gut, jetzt haben wir deinen Körper erstmal wieder geweckt«, sagt Cray. Der dreht das Wasser wieder ab.

»Arschloch.«

»Rauskommen tust du alleine, beim Abtrocknen und Umziehen will ich dir nicht unbedingt zusehen. Bis gleich.«

»Ja, verpiss dich ruhig.«

Mit einem verschmitzten Grinsen schließt Cray die Badezimmertür hinter sich. Für einen kurzen Moment betrachtet Mika sich selbst im Spiegel. Verlaufene Schminke. Nicht frisch verlaufen, trocken. Von letzter Nacht noch. Augenringe verstecken sich darunter. Eine geplatzte Lippe, schon mit leichtem Schorf bedeckt. Ist sie gefallen? Oder hat ihr das jemand zugefügt?

Scheiß Drogen.

»Ich kann dir erzählen, was gestern Nacht passiert ist«, funkt der ANN-Chip plötzlich dazwischen.

»Nein, Ann. Es ist wohl besser, wenn ich das nicht erfahre.«

Von der kleinen Wäscheleine schnappt sich Mika ein neues Unterhemd und ne schlapprige Jogger. Das muss reichen. Schnell die roten Haare durchkämmen. Ein schmerzhaftes Unterfangen. Fertig.

»Gut, und erinnerst du dich auch an unseren Deal?«, fragt Cray, als sie aus dem Bad herauskommt.

»Ja, aber du sagtest doch am Abend erst.«

»Es ist fast 21 Uhr. Hast wohl etwas das Zeitgefühl verloren, was?

»Na super.«

Ihr bleibt wohl keine Wahl. Wenigstens ist sie jetzt erstmal wieder nüchtern.