by Toshio Riko

Jesse [2]

2175, 4. Juli

Stuttgart, ST-1-M

Der Wind peitscht den Regen über die Straßen und vertreibt den tiefliegenden Smog. Die Temperaturen kühlen rasch ab. Lucas, Cray, Jesse und Mika ziehen ihre Masken trotz dessen fest, selbst ohne den Dunst ist die Luft nur schwer atembar.

»Wir müssen uns beeilen, das wird immer heftiger«, sagt Cray. Er hält sich eine Hand schützend vor die Augen.

Alle legen einen schnellen Schritt zu und kämpfen sich gegen den Wind.

»Mika!«, brüllt Jesse, als er sieht, wie Mika, die sichtlich zu tief ins Glas geschaut hat, nicht mehr das Gleichgewicht halten kann und nach hinten überkippt. Geradeso schafft Jesse es noch, sie aufzufangen, ehe sie mit dem Hinterkopf auf den gepflasterten Boden knallt. »Geht’s dir gut?« Mit lauter Stimme kämpft er gegen das tobende Geräusch des Wetters an.

Sie nickt. »J-. Ja. Mir geht’s pri-«, sie stößt kurz auf. »Prima!«

»Du bist ja völlig dicht!«, ruft Lucas ihnen zu.

»Mir geht’s gut habe ich gesagt!« entgegnet Mika.

Jesse wäscht sich das Wasser vom Gesicht. »Besser, ich bleib heute bei dir. So betrunken lasse ich dich sicher nicht alleine!«

»Mach doch, was du willst!« Mika stößt Jesse wieder weg und rappelt sich auf.

»Komm, wir müssen weiter«, sagt Cray.

Nach wenigen Minuten verabschiedet sich die Gruppe, um getrennte Wege zu gehen.

»Ich nehme Mika heute mit zu mir und pass auf sie auf«, sagt Jesse.

»Alles klar. Hey Mika, nicht kotzen«, sagt Cray und lacht, während er sich mit einem Winken verabschiedet.

»Du mich auch«, antwortet Mika und streckt ihren Mittelfinger aus.  

 

Nach mehreren Minuten des Kampfes gegen den Wind und Jesses Bemühungen, Mika stets auf den Beinen zu halten, erreichen sie endlich seinen Komplex. Im Innenhof ist kaum noch was los. Es ist spät, die meisten schlafen. Nur ein paar Polen und Franzosen sind noch in einer Gruppe an einem der Bänke am Reden und trinken.

»Lass den Fahrstuhl nehmen«, japst Mika, die sich an Jesse festhält.

»Den Fahrstuhl? Ist jetzt nicht so, dass meine Wohnung im 55. Geschoss ist.«

»Auch der dritte Stock ist mir jetzt zu viel, um die Rampen zu nutzen.«

»Klar, wie du meinst.«

 

In Jesses kleiner Wohnung, so klein wie alle anderen der Wohnungen eines jeden Komplexes und ebenso spärlich eingerichtet, wirft sich Mika auf das Sofa. Es ist so feuerrot wie ihre Haare, wenn sie trocken wären. Jesse schmeißt seine Jacke auf den Boden und eilt in das Bad. Er schnappt sich ein paar Handtücher. Und kaum ein paar Sekunden später ist er schon wieder zurück und dreht sich blitzartig und voller Schreck um.

»Mika, what the fuck? Was machst du da?« Sein Gesicht errötet und dreht sich vor Scham erfüllt um.

»Wonach siehts denn aus? Die nassen Klamotten ausziehen natürlich.« Die kräftige Regendusche scheint ihrem Kopf wieder etwas Klarheit verschafft zu haben, ihre Stimme klingt nicht mehr dem Lallen nahe. »Jetzt stell dich nicht so an, ich trag doch noch den BH und ein Höschen. Los, wirf schon das Handtuch rüber.«

Ohne sich umzudrehen, lässt Jesse das Handtuch in einem hohen Bogen zu Mika fliegen. Ohne Probleme fängt sie das Tuch in der Luft.

»Pussy«, sagt Mika.

»Na und?«

»Wir kennen uns seit wir Kleinkinder sind und sind seit einigen Monaten auch ein Paar, falls du das nicht vergessen hast.«

»Trotzdem. Ich will nicht unhöflich sein.«

»So, so. Trotzdem darfst du dich jetzt wieder umdrehen.«

Vorsichtig dreht Jesse seinen Kopf.

»Oh Fuck!«, kräht es aus ihm heraus und ruckartig verharrt er wieder in seiner alten Position, abgewendet von Mika.

»Du bist echt ein Weichei.«

Es folgt keine Reaktion mehr. Verlegen blickt Jesse an die Wand. Plötzlich zuckt er zusammen, als er Mikas Hände an seinen Hüften spürt. Dann, wie sie sich an ihn drückt. Wie sich ihre nackten Brüste an seinen Rücken schmiegen. Langsam versucht sie, das nasse T-Shirt hochzuziehen. Im Affekt greift er ihre Hände, um sie aufzuhalten, doch sie nutzt die Gelegenheit und dreht ihn um, zu sich. Sein Atem wird schneller, sein Herz pocht wie gewaltig. Sie blickt ihm in die Augen, er tut sich schwer, doch tut das gleiche. Er kann seinen Blick nicht mehr davor wahren, immer wieder nach unten abzuwandern. Sie lächelt. Und küsst ihn schließlich.

 

Es ist kurz nach drei Uhr nachts. Beide liegen nackt im Bett. Mika kuschelt sich an Jesse, streichelt sein Brusthaar.

»Ich liebe dich, Jesse«, flüstert sie ihm leise zu.

Doch er antwortet nicht, seine Augen sind auf die graue Decke gerichtet. Er steht langsam aus dem Bett auf, lässt Mika alleine auf der Matratze. Von der Nachtkommode schnappt er sich die getrocknete Packung Zigaretten und steckt sich eine an. Kräftig zieht er an der Kippe und inhaliert den Rauch.

»Jesse«, sagt Mika und rutscht nun neben ihn an die Bettkante.

Er sieht sie nicht an, daran ändert auch ihr nackter Oberkörper nichts.

»Jesse, ich meine es ernst. Ich liebe dich. Wirklich.«

Wieder inhaliert Jesse kräftig und prustet den Rauch aus. Dann steht er auf und zieht sich seine Unterhose und das T-Shirt an. Die Klamotten immer noch etwas klamm.

»Rede mit mir, Jesse.« Sie blickt ihm ins Gesicht, wartet auf die Antwort. Dann schüttelt sie mit dem Kopf und greift auch nach der Packung.

»Dann rede ich halt. Ich will nicht, dass du mich verlässt. Ich will nicht, dass du mich alleine lässt. Du bist die einzige Person, der ich wirklich vertrauen kann. Verdammt Jesse, ich kenne dich, seit ich ein kleines Kind bin. Tu mir das nicht an!« In ihrer Stimme ist die Verzweiflung rauszuhören. Mit zittriger Hand zieht sie an ihrer Zigarette. »Verdammt nochmal, sag doch etwas! Bitte!«

»Was? Was soll ich sagen?«, kommt es nun aus Jesse heraus.

»Weiß ich nicht. Vielleicht erklärst du mir, warum du mir nie davon erzählt hast, dass du planst, uns … mich zu verlassen?!«

Angespannt fährt sich Jesse mit den Händen durch das Gesicht. »Ich hab‘ nicht nachgedacht. Ich … ich bin einfach meinem Traum gefolgt. Du weißt, dass ich dieses eintönige Leben in dieser eintönigen Welt nicht mehr aushalte. Ich kann das nicht mehr.«

Mika verdreht ihre Augen. »Ja, das weiß ich. Aber es gibt manchmal wichtigeres als dem Abenteuer nachzueifern, weißt du? Nämlich die Menschen, die dir nahestehen. Ich weiß nämlich nicht, wie ich in dieser Welt ohne dich überleben soll.«

»Und ich nicht, wie ich überleben soll. Ich halte es nicht mehr aus, Jahr für Jahr auf Besserung zu warten. Mir ständig die leeren Versprechen anzuhören, dass es doch nun in den nächsten fünf Jahren eine Erholung des Klimas gibt. Was auch immer die ESA plant. Ich will diese Chance nicht missen. Das könnte ich mir nie verzeihen. Aber wenn es dir bei der ganzen Sex-Sache nur darum ging, mich emotional zu manipulieren, dann weiß ich nicht, ob ein Gespräch hier überhaupt Sinn hat.«

Mika schüttelt den Kopf. »Nein, darum ging es nicht. Ich habe das nicht eben spontan entschieden. Ich wollte schon vor der Tatsache, dass du mich verlassen willst, Sex mit dir haben. Wie viele Monate sind wir schon offiziell ein Paar? Vier? Aber danke, dass du von mir denkst, dass ich Sex als emotionelle Waffe wie ’ne Bitch einsetze. Vielen Dank, echt.«

Jesse beißt sich auf seine Unterlippe, drückt die Zigarette aus und setzt sich wieder neben Mika an die Bettkante. »Tut mir leid. Tut mir wirklich leid, dir das vorgeworfen zu haben. Aber verstehst du nicht, dass die gesamte Situation auch für mich schwierig ist? Natürlich seid ihr alle mir wichtig. Aber auf der anderen Seite ist da die einmalige Gelegenheit, meinem Traum zu erfüllen. Und selbst wenn die Chance noch so gering ist, dass ich wirklich als Astronaut das Weltall erkunden kann, dann will ich wenigstens herausfinden, ob ich diese Chance habe oder nicht.«

Verhalten nickt Mika mit ihrem Kopf. Auch sie drückt jetzt ihre Zigarette aus. Bevor sie antwortet, greift sie hinter sich und schnappt sich ihr Top und das Höschen.

»Okay. Gut, gut. Ich verstehe das, irgendwie. Aber es gibt noch eine Sache, die mich mehr belastet, als die Tatsache, dass du uns wer weiß für wie lange verlässt.«

»Die wäre?«, fragt Jesse.

»Ich habe Angst, dass du … einfach, dass du nie wieder zurückkommst, weil …« Mikas Stimme bricht immer wieder ab. »Ich habe Angst, dass du stirbst, Jesse. Wirklich Angst.«

Jesse blickt bedrückt auf den Boden. »Ich möchte etwas dazu sagen, was du mir vorhin schon gesagt hast.« Dann richtet er wieder seinen Blick auf sie und legt seine Hand behutsam auf ihre Schulter. »Ich liebe dich auch, Mika. Schon immer. Du warst immer für mich da. Und ich möchte, dass du weißt, dass ich wieder zurückkomme, zu dir. Ich werde dich nicht verlassen. Ich verspreche dir, dass ich nicht sterben werde. So weit lasse ich es sicherlich nicht kommen, okay? Ich verspreche es!«

Sie schüttelt ihren Kopf. »Wie willst du das versprechen? Wenn etwas passiert, dann passiert etwas.«

»Schau mich an, Mika.« Ihre Augen wandern nach links und treffen seinen Blick. »Ich werde nicht sterben!«