by Toshio Riko

Jesse [4]

2175, 11. Juli

HyperMag

Wills wühlt in seiner Tasche. »Irgendwo wird sie ja wohl sein.«

Etwas verwundert blickt Jesse immer wieder zu ihn nach unten, aber traut sich nicht zu fragen.

»Da ist sie ja.« Mit einer Taschenlampe in der rechten Hand streckt Wills seinen Rücken wieder gerade und legt sie auf den Tisch. »Nur für den Fall der Fälle, sollte mal wieder nicht das Licht funktionieren, wenn wir gleich in die verdunkelte Vakuumröhre reinfahren. 40 Minuten nichts sehen muss ja nicht sein.«

Jesse blickt weiter aus dem Fenster. Den Kopf lehnt er auf seiner Hand ab.

»Na, was guckste denn so nachdenklich, Junge? Was geht dir durch den Kopf?«, fragt Wills.

Achselzuckend blickt Jesse zu Wills. »Ich überlege immer noch, was uns bei der ESA nun erwartet.«

»Hm.« Jetzt blickt auch Wills kurz aus dem Fenster und presst die Lippen zusammen. »Ich hab‘ zwar bis zum Kollaps bei der ESA gearbeitet, aber danach war Funkstille. Was die geplant haben? Tja. Ich wüsste es auf jeden Fall auch gerne. Lassen wir uns überraschen, ja?« Wills grinst und kratzt sich durch den Bart.

»Haben ja keine Wahl.«

Kaum fährt die Kapsel in die Vakuumröhre, wird es sofort stockfinster. Eine Lichtröhre flackert kurz, doch verliert sofort jegliche Leuchtkraft.

»War ja klar«, mosert Wills. Mit einem Klicken des Schalters lässt er die Taschenlampe erleuchten. Das Licht reicht aus, um genug am Sitzplatz erkennen zu können.

»Zumindest habe ich eine Hoffnung und eine Vermutung«, meint Wills aus dem Nichts heraus.

»Wie?«, entgegnet Jesse.

»Bei der ESA, was uns erwartet. Ich habe die Hoffnung, dass es endlich wieder ein Raumfahrtprogramm sein wird, das erste seit 2093, als die vereinten Nationen zum letzten Mal zum Mars flogen. Ich habe immer davon geträumt, mehr als nur diese Welt zu sehen.«

»Die Hoffnung habe ich auch … und deine Vermutung?«

»Dass dieses Projekt etwas mit der Rettung eben dieses Planeten zu tun hat.«

Jesse zieht die Augenbrauen zusammen. »Warum sollten sie dann all das so strikt geheim halten? Wäre das nicht etwas, was man den Menschen mitteilen wollen würde?«

Wills prustet durch seine Lippen. »Das ist die Frage der Fragen, Junge. Hm, aber könnte doch sein, dass man nicht wieder falsche Hoffnungen in die Köpfe der Menschen setzen will und am Ende doch alles leere Versprechungen sind? Keine Ahnung.«

»Möglich.« Jesse hebt und verdreht seine Hände unwissentlich.

Wieder bückt sich Wills herunter und kramt in seiner Tasche. Diesmal kommt er mit einem Flachmann in der Hand zurück und öffnet den Verschluss.

»Wirklich?«, fragt Jesse und kichert.

»Sofern die ESA nicht plötzlich Alkohol in ihren Einrichtungen aufgrund depressiver Grundstimmung erlaubt hat, wird das meine letzte Gelegenheit für einen guten Trunk sein.« Mit dem Kopf im Nacken schluckt Wills einige Male am Flachmann. Laut aufatmend setzt er wieder ab und streckt die silberne Schnapsflasche Jesse entgegen.

Der schüttelt mit dem Kopf.

»Komm, getrunken wird gemeinsam.« Wills wackelt den offenen Flachmann langsam vor Jesses Kopf verführerisch hin und her.

»Also gut.« Jesse verdreht die Augen, grinst wieder und greift zu. Zwei gute Schlucke genehmigt er sich. »Alter Verwalter«, ächzt er auf. »Ganz schön hart.«

»Natürlich, wennschon, dennschon.«

 

Eine gute halbe Stunde vergehen, in der Jesse und Wills nur ein paar Worte hier und da austauschen. Die meiste Zeit verbringt Wills mit seinem Buch. Jesse hingegen denkt nach. Viel. Immer wieder kommen ihm Zweifel auf. Kaum eine Sekunde verbringt er ohne sie.

War es die richtige Entscheidung zu gehen? Was erwartet mich dort überhaupt? Raumfahrer? Als ob ich das Zeug dazu hätte. Ein einfaches Kollaps-Kind. Wieso laden die mich überhaupt ein?

Immer am Hinterfragen, immer an Zweifeln ist er, erinnerte ihn Mika immer wieder gerne.

»Sag mal, Junge. Die Frau vorhin an der Station …«, fragt Wills wie aus dem Nichts.

»Ja?«

»Du musst nicht antworten aber …«, Wills bückt sich kurz, um das Buch zurück in die Tasche zu packen, »ihr seid ein richtiges Paar, ja?«

»Ehm, klar.«

»Okay. Gut. Also, weil es mir gerade so einfiel. Ich wollte dir nur eine kleine Weisheit mit auf den Weg geben. Und auch nur unter der Annahme, dass wir bei der ESA wirklich irgendetwas … Na ja, sagen wir, wenn uns ein doch eher risikobehaftetes Projekt erwartet.« Wills unterbricht kurz, um einen weiteren Schluck zu nehmen.

Jesse nickt ihm zu. »Das war mir schon bewusst, dass das durchaus nicht ungefährlich sein könnte.« Als wäre ihm das nicht klar gewesen.

»Nein, das weiß ich ja. Was ich meine sind die Worte eines früheren Kollegen und sehr guten Freundes von der ESA. Und einer der letzten Menschen, die damals auf der Mars-Kolonie vor Ende des 21. Jahrhundert waren. Was damals passiert ist, weißt du sicher?«

»Sicherlich.« Über die damalige Mars-Katastrophe hat Jesse jegliche Information aufgesaugt, die er finden konnte. Schließlich war dies der Auslöser zur Einstellung aller interplanetaren Raumfahrtprogramme.

»Dieser Kollege, Ben Galvan, war einer der wenigen Überlebenden, die es geschafft haben, bevor der Asteroid einschlug. Über den Messfehler und die mangelnde Zeit für eine Evakuierung wissen wir Bescheid. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.«

»Du meinst, man hat damals wichtige Informationen zurückgehalten?«

»Nicht nur irgendwas zurückgehalten.« Wills nimmt noch einen Schluck. »Ich versuch es kurz zu machen. Die Information über den drohenden Einschlag erreichte das Kommunikationszentrum. Zu dem Zeitpunkt waren exakt zwölf Leute dort stationiert. Eigentlich hätte umgehend ein Notfall-Signal zur sofortigen Evakuierung an alle gesendet werden müssen. Doch das war nie der Fall.«

»Was? Du verarschst mich. Wieso sollte und vor allem wie könnte jemand das verheimlichen?« Das klingt schon zu bizarr für Jesse, der ja mit vielem gerechnet hat. Aber sowas wäre doch aufgefallen. Es hätte zu Verurteilungen kommen müssen.

»Zwölf anwesende Personen in der Komm-Station wurden vom Commander vor die Wahl gestellt. Entweder sie verheimlichen es, fliehen und sehen ihre Familien wieder. Oder sie leiten die Evakuierung ein, was bei dem Zeitdruck der garantierte Tod für sie wäre. Ben war einer von diesen Leuten. Er hat sich wie alle anderen zum Komplott entschieden. Diese Entscheidung, sagte er, bereute er seit jeher. In dem Moment, wo er gerettet war, wurde ihm klar, dass er über 200 andere ihren sicheren Tod hinterlassen hat. Nur eine erhobene Stimme, die sich dagegenstellt hätte, hätte gereicht. Eine. Und statt 12 hätte man 50, gar bis zu 70 der Kolonisten retten können.«

»Ich verstehe nicht. Wieso erzählst du mir das?« Nicht, dass Jesse sich nicht für solche Geschichten interessieren würde. Aber welchen Sinn hat das alles, ihm das jetzt zu erzählen?

Wills räuspert sich kurz. Aus der Bauchtasche seines Hoodies kramt er eine Packung Zigaretten hervor. »Auch eine?«, fragt er, während er mit dem Feuerzeug sich eine anzündet.

»Gerne.« Jesse hat zwar noch welche in der Tasche, aber wenn man schon eine angeboten bekommt. Er kramt sich eine Zigarette heraus und schiebt die Packung Wills zurück.

»Also, worauf ich hinaus will … « Wills ascht nach dem ersten Zug auf den Boden ab. »Irgendwann kommt für jeden die Entscheidung: Die eigenen Interessen oder das höhere Wohl. Lass es nicht soweit kommen, dass du dich erst entscheidest, wenn es eigentlich schon zu spät ist.«

»Ich habe mich bereits entschieden. Sonst wäre ich nicht hier.«

»Na dann.« Wills lehnt sich zurück und zieht weiter an der Zigarette.

 

Kurze Zeit später wird der HyperMag laut quietschend langsamer, um in die Station BE-CHE-2, Bern einzufahren. Wills packt seinen Flachmann auf den Sitz neben ihm und greift nach der Reisetasche. Gemütlich schlendert er zur Ausstiegstür und hält sich an einer Eisenstange fest.

Jesse blickt noch kurz aus dem Fenster. Der Anblick erinnert ihn an Stuttgart. Selbe Gebäudeart. Selber, grauer Farbton. Hätte er nun durchgeschlafen, dann gäbe es keinen Anhaltspunkt für ihn, um herauszufinden, wo er sich gerade befindet. Überall derselbe, triste Ausblick. Alles nur, um damals so schnell wie möglich die Mega-Metropolen als Schutzzonen aufzubauen. Überall auf der Welt, wo es noch Zivilisationen von Menschen gibt, sieht es exakt so aus wie hier und dort. Trotzdem, irgendwie hatte sich Jesse erhofft, dass es doch Akzente gibt, die Bern in irgendeiner Weise unterschiedlich aussehen lassen, im Gegensatz zu Stuttgart.

»Komm Jesse«, sagt Wills. Der HyperMag fährt gerade in die Station ein. Jesse stellt sich neben ihn, beide ziehen ihre Masken auf. Durch die Fenster der Tür sieht er mehrere Menschen. Die Kapsel nähert sich ihnen langsam, bis sie direkt vor der Gruppe zum Halt kommt.

Kaum öffnen sich die Türen, geht ein alter, weißhaariger Mann auf sie zu. In der einen Hand hält er einen Gehstock aus dunklem Holz. Mit jedem Schritt klackt der Stock laut auf dem Boden auf.

 

»Wills Sorell und Jesse Kazuki, nehme ich an?«, sagt der alte Mann.

»Exakt«, entgegnet Wills ohne zu zögern.

Der alte Mann geht näher auf Jesse zu, hält ihm seine rechte Hand hin. Tiefe Falten erstrecken sich über seinen gesamten, sichtbaren Körper. »Karsyn Bennett mein Name. Der Kopf hinter all dem, könnte man sagen.«

Nur kurz schütteln sie sich die Hände, dann wendete sich Karsyn direkt zu Wills. »Freut mich, dass ihr beide es geschafft habt.«

»Oh, und mich erst«, sagt Wills.

»Wie ihr seht, sind wir schon eine große Gruppe. Und jetzt auch vollzählig. Dann lasst uns mal runter zur Straße und in den Bus steigen. Kommt, folgt mir alle.« Karsyn winkt zu sich und geht mit klackendem Gehstock voraus.

Jesse schaut sich kurz ein jedes einzelne Gesicht an, zumindest was nicht von der Maske bedeckt wird. Nur einer dürfte eher seinem Alter entsprechen, jeder andere eher dem Alter von Wills, wenn nicht sogar älter. Als das einzige Kollaps-Kind unter den Anwärtern zu sein … Bei dem Gedanken beschleicht ihm ein mulmiges Gefühl, als der Außenseiter abgestempelt zu werden.

Auf die Gruppe wartet ein großer Bus. Kein einfacher Bus-Bus, wie man sie selten autonom gesteuert durch Stuttgart fahren sieht. Dieser hier? Der sieht neu aus. Anders als alle anderen Fahrzeuge, die Jesse sonst zu Gesicht bekam. Alle anderen Fahrzeuge sind Relikte vergangener Zeiten. Mühselig umfunktioniert, da man den Octrisylphosphat-Antrieb schließlich nicht mehr verwenden konnte.

»Steigt ein, unter den Sitzen ist Platz für euer Gepäck«, ruft Karsyn über die Köpfe der Gruppe. Er betritt als erster den Bus.

»Na komm«, sagt Wills. Jesse folgt ihm.

Auch von innen sieht der Bus wie neu aus. Gepflegt und sauber. Er kann es sich nicht mehr verkneifen. »Herr Bennett?«, fragt er Karsyn, der ganz vorne steht und wartet, bis alle eingestiegen sind.

»Ja … Kazuki richtig?«

»Ja. Ich hätte eine Frage, wenn das in Ordnung ist.«

»Natürlich. Aber mach es kurz. Wir fahren gleich los und wir werden dabei nicht zögern.«

»Das ist doch kein normaler Bus, oder? Er sieht so … neugebaut aus. Ungewöhnlich neu.«

»Richtig. Extra für die ESA von der Zentralen Weltregierung gebaut worden, und nicht unser einziger Bus.«

»Die CWG baut sowas?«

Karsyn nickt. »Einer der wenigen Ausnahmen, für die man noch neue Technologie entwickelt oder anfertigt.«

Von hinten packt eine Hand auf Jesses Schulter.

»Hinten sind zwei Plätze frei, Jesse. Komm«, sagt Wills.

»Ist gut.«

Jesse blickt noch mal zurück zu Karsyn, doch der beachtet ihn längst nicht mehr. Sein Blick ist nach vorne durch die Windschutzscheibe gerichtet. Zu gerne hätte Jesse weitere Fragen gestellt. Dass die Central World Government solche geradezu High-Tech Gerätschaften für die ESA bauen lässt, wundert Jesse dabei gar nicht allzu sehr. Aber es war ein guter Einstieg in ein Gespräch, wo er vielleicht hätte noch mehr herauskitzeln können.

»Immer neugierig, was?«, sagt Wills. Er hat ganz hinten vom Bus Platz genommen.

»Nur interessiert«, sagt Jesse.

An dem Fenster neben Wills sieht Jesse ein Fahrzeug vorbeifahren, mit Schrittgeschwindigkeit wie es scheint. Die militärische Bemalung sticht sofort ins Auge. Jesse blickt durch den Bus nach vorne. Und sieht dabei, wie das Fahrzeug direkt vor dem Bus zum Stehen kommt. Dann fährt noch eines vorbei an Wills Fenster. Den scheint es dabei weniger zu beeindrucken.

»Wieso das ganze Militär?«, fragt Jesse.

»Das ESA Hauptquartier liegt nicht in Bern.«

»Nicht?«

»Nein. Nachdem das alte Hauptquartier durch die Fluten unbrauchbar wurde, hat man in den Berg Weissstein ein unterirdisches HQ eingerichtet. Knapp 50 Kilometer von hier entfernt.«

Jesse ist verwirrt. Er kann sich an keine Information erinnern, die je den Standpunkt des Hauptquartiers erwähnt hat. Außer eben Bern.

»Sagtest du … 50 Kilometer? Das ist doch außerhalb der Schutzzone. Und wieso weißt du, wo das HQ liegt, obwohl das nirgendwo erwähnt wird?«

Wills räuspert sich. »Wie gesagt, ich habe bei der ESA gearbeitet früher. Entsprechend hat man so seine Quellen.«

»Hm.« Jesse setzt sich wieder gerade auf seinen Platz und verschränkt die Arme. Die Militärfahrzeuge setzen sich in Bewegung. Es folgt ein kleiner Ruck, welcher Jesse leicht in den Sitz drückt. Auch der Bus beginnt die Fahrt anzutreten.