by Toshio Riko

Owen [1]

Einige Tage zuvor

Wastelands

Keuchend springt Owen aus dem Buggy. Länger kann er sich nicht mehr festhalten auf diesem Ritt durch den Wald. Humpelig wäre eine Untertreibung. Und dann lief nicht mal alles nach Plan. Gar nichts lief nach Plan.

»Was zum Teufel war das gerade eben?«, fragt er zu den anderen im Buggy.

Stille. Keiner Antwortet. Nur das Knistern des heißen Motors und ein warmer Wind, der durch die blattlosen und verdorrten Äste der Bäume weht, ist zu hören.

»Wir wären fast draufgegangen, Leute.« Owen blickt in die ratlosen Gesichter der anderen.

»Aber wir haben erreicht, was wir wollten, oder?«, sagt Maev. Sie steigt aus dem Buggy aus und legt eine Karte großflächig auf die Motorhaube.

»Ja, aber ich wollte den Kugelhagel eigentlich vermeiden.« Owen stellt sich neben Maev und zieht seine Mütze vom Kopf. Er überfliegt die Karte. Sie zeigt Stuttgart in all seinen Zonen, die Mauer. Verteidigungspunkte. Kontrollrouten. Versorgungswege. Survivor-Gebiete.

»Sehr gut. Das gibt uns auf jeden Fall einen strategischen Vorteil. Schau mal Maev«, Owen zeigt auf einen leeren Fleck auf der Karte, »unsere Kolonie haben sie offenbar noch nicht entdeckt.«

»Also müssen wir vorerst mit keinem Angriff rechnen.«

»Nein … Fran!«

Eine große Frau richtet sich im Buggy auf. »Ja, Owen?«

»Fran, zeig mir mal die Akten, die wir schnappen konnten.«

Frankie greift nach dem Rucksack vom Boden und springt auf den trockenen Waldboden.

»Hier«, sagt sie und stapelt die Ordner zu Bergen auf der Motorhaube. »Unterlagen, Briefe, Befehle. Alles vom General Wright und streng geheim.«

Hastig blättert Owen durch die Zettel. Stück für Stück arbeitet er sich voran. Seine Augen huschen hoch und runter.

»Esa, Esa, Esa. Ganz schön viel ESA zwischen sonst nur CWG-Anweisungen und Informationsschreiben … Egal. Pack alles wieder zusammen. Wir studieren das in der Kolonie genauer.« Owen zieht sich wieder seine Mütze über.

»Verstanden«, sagt Frankie.

Weiter geht die Fahrt durch den Wald. Vorbei an Ruinen der Zivilisation. Aufgebrochene Straßen, überwucherte Autos, zerfallene Häuser. Hinweg über alte Landstraßen. Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Horizont. Nach einigen Stunden der Fahrerei erreichen sie endlich den Außenposten ihrer Kolonie. Die alte Stadt, einst als Nürnberg bekannt, dient als ihre Zuflucht. Ihre und für zehntausende Menschen. Mit allem, was sie finden konnten und die Überreste der Natur hergab erbauten sie ihre Kolonie vor einigen Jahren in den Ruinen. The Paragon nennen sie es.

Nach den Außenposten folgt eine Mauer, durchs Tor geht’s hinein in die Stadt. Auf der alten Kaiserburg haben sie ihre Zentrale errichtet. Von hier haben sie einen besten Überblick über das Land um sich herum.

Frankie hält den Buggy direkt vor dem Eingang zur Zentrale an. Die Tore sind verschlossen. Bewaffnete Wachposten stehen davor. Owen schwingt sich hinaus und läuft auf den Eingang zu. Doch einer der beiden Wachen stellt sich samt seinem Gewehr in den Weg.

»Was wird das denn jetzt?«, sagt Owen.

»Wir können zurzeit niemanden den Zutritt gewähren.«

»Ich muss auf der Stelle mit Kiara reden. Ich bin nicht beinah gestorben, nur um hier jetzt abgewiesen zu werden.«

»Tut mir leid, aber Kiara ist gerade in einer Besprechung über verschlüsselte Kanäle.«

Owen verdreht die Augen. »Dir ist schon klar, dass ich als Sage deutlich höher im Rang stehe und du meinen Anweisungen befolgen musst, Attendant?«

Der Wärter nickt.

»Also«, sagt Owen und will mit einem Schritt an ihm vorbei. Doch wieder stellt er sich zwischen ihm und dem Eingang in den Weg.

»Lass ihn gefälligst durch, verfluchte Scheiße«, ruft Maev vom Buggy aus.

»Tut mir leid, Anweisung kam direkt von Ki-«, doch bevor der Wärter aussprechen kann, öffnet sich die Tür hinter ihm.

»Lasst sie rein«, sagt eine Frau und verschwindet sofort wieder im Inneren.

»Na also«, sagt Owen und kann nun endlich seinen Schritt vorbei an dem Wärter ziehen. »Verdammte Frischlinge«, zischt er, gerade so laut genug, dass der Wärter es noch hören konnte. Frankie folgt ihm mit der Karte und dem Rucksack.

»Sorry Owen, aber wir haben ein großes Problem«, sagt Aleena, die Owen Einlass gewährte. »Kiara ist mit den anderen Offizieren gerade am Besprechen. Aber gut, dass du jetzt hier bist. Ich sehe, ihr wart erfolgreich?«

Owen nickt.

»Gut, dann komm mit.«

Owen folgt Aleena über den Platz bis zum Haupthaus der Burg. Lampen an den Wänden, allesamt verbunden mit Kabeln, spenden Licht. Nach einem Treppenmarsch erreichen sie die große Halle. Die Inneneinrichtung, wie in sonst allen anderen Behausungen, sind Fundstücke der früheren Zivilisation. Oder Eigenkreationen.

An einem großen Tisch sitzen ringsum mehrere Menschen. Alle mit Masken bekleidet. Am Tischende eine blonde Frau, die Haare hinten zum Pferdeschwanz gebunden. Ihr Kopf geneigt, der Blick beunruhigt auf den Tisch gerichtet – Kiara. Kaum als Owen eintritt, richtet sie ihre Augen auf ihn. »Was zum Teufel ist passiert, Owen?«, sagt Kiara deutlich aufgebracht zu Owen.

Was meint sie? Owen ist ratlos. Das nicht wirklich der Plan aufging, ist ihm bewusst. Aber wie sollte sie das wissen? Und warum sollte sie deshalb so aufgebracht sein?

»Fran?«, sagt Kiara.

Die Blicke der Offiziere wandern von Owen auf Frankie. Aber auch sie schweigt.

»Also Kiara, wir sind bei der Mission aufgeflogen und mussten Schusswaffengewalt anwenden, um da noch rauszukommen. Aber wir konnten zig Akten mit brauchbaren Details und ihre taktische Karte ergattern«, sagt Owen mit ruhiger Stimme.

»Zeig her«, sagt Kiara.

Owen blickt zu Frankie rüber, die sofort mit allen erbeuteten Unterlagen zu Kiaras Platz eilt.

Die geht still die Blätter durch. Blickt immer wieder auf die Karte, die vor ihr ausgebreitet liegt.

»Irgendetwas brauchbares?«, fragt einer der Offiziere.

»Nein, nichts, was uns auf die Schnelle in dieser Situation hilft. Aber auf lange Sicht könnten wir zumindest ihre Versorgungswege kappen.«

Owen wagt einen Schritt näher an den Tisch, richtet kurz seine Mütze. »Was ist denn überhaupt passiert?«

»Der Hallowclaw Retreat wurde angegriffen. Hier oben, im alten Bad Mergentheim. Vor nicht mal zwei Stunden haben sie die umliegenden Wälder entfacht und schlugen dann zu. Das war kein normaler Angriff, das war ein Vergeltungsschlag.«

Hallowclaw, eine kleine Siedlung von Survivors, keine Kämpfer. Da ihre Kolonie nicht groß genug ist, leben viele noch in ihren früheren Siedlungen. Trotzdem werden sie von Kiara und den anderen unterstützt. Nicht nur einmal war Owen dort, um nach dem Rechten zu sehen. Aber viele Soldaten haben sie dort nicht stationiert. Denn sie selbst haben in der Kolonie schon nicht genug.

»Wie schlimm ist es?«, fragt Owen.

»Wir haben versucht, über unsere gesicherten Kanäle einen Kontakt herzustellen. Aber mehr als ein Notruf und die Meldung, dass angegriffen wird, kam nicht durch. Aber die Aufnahmen einer unserer Drohnen zeigte das Ausmaß. Sie haben alle niedergemetzelt. Männer wurden hingerichtet samt Kindern und Frauen.«

Owen atmet schwer aus.

»War meine Anweisung nicht deutlich genug, dass ihr auf keinen Fall erwischt werden dürft? Ich habe es doch klipp und klar gesagt, dass die SS-G es nicht einfach hinnehmen wird, dass wir ihre Barrikaden überwinden und innerhalb ihrer Schutzzone für Unruhe sorgen.«

»Doch, war sie. Es tut mir wirklich leid, Kiara.«

Sie schüttelt den Kopf. »Egal jetzt. Passiert ist passiert. Wenigstens seid ihr nicht mit leeren Händen zurückgekommen. Und was du hier an Akten erbeuten konntest, ist höchst interessant.«

»Ja, es gab häufigen Kontakt zur ESA. Das ist mir bereits aufgefallen.«

Kiara nickt und schiebt einen Zettel rüber zu Owen. »Ließ das mal laut vor für die anderen.«

Owen räuspert sich. »Grüße Trujillo. Danke für das Update zum Projekt Home. Ich werde einen Trupp zur Unterstützung zu dir entsenden, die behilflich sein werden bei den Exekutionen und der Bewachung. Sei dir meiner Hilfe immer bewusst. Wie immer danke ich für einen Platz in deinem Flug. Max Wright.«

»Wissen wir was zu diesem ‚Projekt’«, fragt Offizier Frazer mit tiefer Stimme.

»Nein, aber hier ist noch viel mehr zur ESA. Das ist mir nur direkt ins Auge gefallen. Ich habe hier noch Listen, Daten und etliche Unterhaltungen zwischen diesem Trujillo und unserem geschätztem Wright … Zac?«, sagt Kiara.

»Ja?«, sagt der Offizier Zac.

»Geh du bitte mit Frazer die Akten durch und sammle alles Verwertbares, was ihr finden könnt.«

»Verstanden.«

»Und Owen?«

»Ja, Kiara?«, sagt Owen.

»Wir hatten einige Frauen und Männer in Hallowclaw stationiert, die dort für die Bewachung zuständig waren. Ich weiß, dass einige noch am Leben sind, auch wenn nicht, wie viele genau. Ich will nicht, dass sie unter Folter unsere Daten zur Kolonie ausplaudern. Noch sind einige Militärs der SS-G dort. Aber diesmal … Sei vorsichtig und rette unsere Leute.«

»Ist gut«, sagt Owen. Er muss sich damit abfinden, vorerst keinen Schlaf zu bekommen.

»Fran, du trommelst bitte auch einen Trupp deiner Spec-Ops zusammen.«

»Verstanden«, antwortet Frankie, die als Spec-Ops Marshal die Befehlshabe über die Spezialkräfte der Survivor-Kolonie innehat.

Owen vergeudet keine Zeit. Diesmal übernimmt er das Steuer des Buggys. Zusammen mit Maev und den beiden Kämpfern Andre und Chester fährt er einem baugleichen Buggy von Frankie hinterher. Durch die Nacht eilen sie über die schnellstmögliche Route nach Hallowclaw.

Nur eine knappe Stunde später können sie schon am Horizont das rot-gelbe Lodern des Feuers sehen.

Aus sicherer Entfernung halten sie an und steigen aus. Mit den Waffen bereit zum Kampf rücken sie vor. Den Weg durch den Wald müssen sie jedoch meiden.

Die SS-G, während sie im Inneren der Siedlung ihr Gemetzel abhalten, fackeln gerne außen herum den Wald ab, um so mögliche Fluchtrouten abzuschneiden. Dabei sparen sie nicht gerade am Feuer. Die Brandherde im Wald erlauben kein Durchkommen.

Über einen nördlich gelegenen Hügel können sie and die Siedlung anrücken. Keine SSG zu sehen auf den Straßen. Dafür Leichen. Leichen, ohne Ende Leichen. Genau wie Kiara gesagt hat. Frauen, Kinder und Männer. Erschossen auf der Flucht. Hingerichtet auf Knien. Der Trupp nähert sich dem Zentrum. Frankie, die leitet, hebt ihr Hand zum Halten.

»Owen«, flüstert sie. »In dem Rathaus habe ich Bewegung gesehen. Geh du außen rum und halte nach Wachen Ausschau.«

Er nickt und zieht an den Häusern vorbei mit seinen Leuten. An einer der Wände lehnt eine Frau an. Ihr Blick weit aufgerissen. Doch tot. Ein kleines Mädchen kauert vor ihr. Es lebt, es weint leise. Owen und seine Männer hat sie noch nicht bemerkt. Langsam geht er auf sie zu.

»Hey, kleines.«

Das Mädchen dreht sich schreckhaft um. Sieht Owen, wie er in gebeugter Haltung einen Schritt auf sie zu wagt. Sie schreckt noch weiter weg.

»Hab keine Angst«, versucht Owen sie zu beruhigen und setzt vorsichtig noch einen Schritt nach vorne. Plötzlich springt das kleine Mädchen auf, schreit vor Angst und rennt weg. Direkt in Richtung des Rathauses.

»Warte«, versucht Owen so laut und dennoch leise wie möglich zu rufen. Er eilt ihr hinterher, muss aber vor der letzten Wand, der den Blick zwischen ihm und dem Platz vor dem Rathaus verdeckt, halten. Vorsichtig schaut er um die Kante. Das kleine Mädchen läuft weinend weiter zu aufs Rathaus. Von rechts sieht Owen dann die patrouillierende Wache der SS-G. Sie stehen unter einer flackernden Laterne. Sie haben das kleine Mädchen gehört. Die Waffen zum Feuern bereit in den Händen. Das kleine Mädchen rennt direkt auf die Männer zu. Owen zückt auch seine Waffe, blickt durch das Visier. Er muss entscheiden. Jetzt. Zwei Schüsse. Jetzt.

Er drückt ab. Und direkt noch einmal. Zwei laute Knalle hallen durch die Straßen, zwei Mal erhellen die Mündungsfeuer die Stadt. Zwei Mal trifft er in den Kopf. Die Männer fallen zu Boden. Das Mädchen weicht nach rechts aus, wieder weg vom Rathaus. In welchem sofort alle sich befindlichen Paramilitärs der SS-G nun Bescheid wissen, dass sie hier sind.

Owen und seine Leute rücken vor. Vorsichtig.

Er sieht Frankie, die nun auch zum Rathaus eilt.

»Was zum Teufel war das?«, brüllt einer der SS-Gs laut deutlich aus einem der Räume. Es ist bis zu den Straßen zu vernehmen. Dann totenstille. Owen und Frankie können noch nicht vorrücken, nicht aufs offene Feld laufen.

Die Tür auf der Ostseite, von Owen aus zu sehen, öffnet sich langsam. Er wartet mit dem Blick durchs Visier. Maev und die anderen warten hinter ihm. Einer der Soldaten wagt den Blick nach draußen. Sieht die Leichen seiner Männer. Owen drückt wieder ab. Holz splittert ab, doch der Soldat lebt noch. Die Tür schlägt wieder zu.

»Verdammt. Vorrücken. Andre, du behältst die Fenster links im Auge. Chester, du rechts. Maev, gib mir Rückendeckung, sobald ich die Tür aufstoße.«

»Verstanden.«

Vorsichtig schreiten sie voran. Owen tritt näher an die Tür. Maev steht einige Meter hinter ihm. Er stellt sich direkt vor die Tür, holt mit dem Bein aus. Tritt zu. Und weicht sofort zur Seite aus. Maev feuert direkt ins Haus. Schreie sind aus dem Inneren zu vernehmen.

»Ich geh rein«, sagt Maev. Sie blickt nach links und rechts hinter der Tür. »Sicher.«

»Andre, halt die Deckung draußen«, sagt Owen.

Vorsichtig gehen sie zu Dritt durch die Flure und sichern Raum für Raum ab. Nur kurz schalten sie ihre Taschenlampen an, um nicht ihre Position zu verraten.

Im ersten Geschoss auf der westlichen Flanke haben sie noch Lichter gesehen und Bewegung. Schüsse aus der Entfernung. Das muss Frankie sein mit ihrem Team.

Kein Feindkontakt bisher. Sie gehen weiter den Gang entlang, bis Owen ein Poltern hört. Er zeigt auf eine Tür links von ihm. Es ist das Büro des alten Bürgermeisters. Dort sind noch welche drin. Mit dem Zeigefinger an den Mund gepresst dreht er sich zu seinen Leuten um.

Vom anderen Ende sieht er Frankie ankommen. Ohne ein Wort zeigt er erneut auf die Tür. Sie versteht.

Kurz lauscht er, ob er Schritte wahrnehmen kann. Nichts. Frankie übernimmt. Sie stellt sich vor die Tür, atmet kurz durch, tritt sie dann ein und wirft eine Blendgranate hinterher. Mit dem Knall rückt sie als erstes vor, Owen direkt hinterher, sichert ihren Rücken. Nur noch ein Soldat steht hier, seine Waffe liegt auf dem Boden, die Hände nach oben gerichtet. Auf der anderen Seite stehen zwei Stühle. An ihnen gefesselt sind ihre Leute. Geknebelt. Sie murmeln unverständlich vor sich hin.

»Verdammtes Arschloch«, brüllt Owen und knüppelt den Soldaten mit seiner Waffe nieder. »Verdammtes Arschloch«, brüllt er weiter und tritt zu. Noch mal, mehrmals. Der Soldat keucht und spuckt Blut auf dem Boden kauernd.

»Lass gut sein.« Frankie packt ihm an die Schulter und zieht ihn weg. Mit hasserfülltem Blick sieht Owen auf den Soldaten hinab. Spuckt einmal auf ihn und dreht sich um.

Frankie geht auf die linke Geisel zu und löst seine Knebel zuerst.

»Wir müssen sofort hier weg«, keucht er los, noch bevor er entfesselt ist.

»Was?«, fragt Frankie.

»Das ist eine Falle«, führt der Mann fort.

Frankie sieht zu Owen, der eilt zum anderen Mann und befreit auch ihn.

»Sie haben die Verstärkung gerufen in dem Moment, wo die ersten Schüsse fielen.«

Frankie sieht nach draußen.

»Ihr seid so gut -«, der Soldat hustet Blut, »so gut wie tot«, und spuckt noch mehr Blut aus seinem Mund aus. Er lacht dreckig.

Owen geht zu ihm zurück, grunzt wie ein wild gewordenes Tier bei jedem Tritt.

»Du jetzt auch«, sagt Owen und zielt mit seiner Pistole auf den Kopf des Soldaten und drückt ohne zu zögern ab.

»Verschwinden wir«, sagt Frankie.

»Maev, hol Andre und triff uns dann auf der Nordseite. Beeil dich.«

Maev nickt und rennt los, durch die Flure um die Ecke.

Frankie löst hastig die Fesseln der Geiseln und beginnt dann zu laufen. Owen bleibt direkt hinter ihr und ihrem Team.

Die Geiseln keuchen hinter ihnen, versuchen mitzuhalten. Einer der beiden hat sich die Waffe des erschossenen Soldaten geschnappt.

»Los! Los!«, brüllt Frankie kaum draußen angekommen. Ihr restliches Team schließt auf.

Owen wartet noch. »Ich muss auf Maev warten.«

»Dann warten wir auch«, sagt Frankie.

Alle blicken ringsherum und achten darauf, ob irgendwie Feindbewegung zu vernehmen ist. Es ist still. Jede Sekunde vergeht wie in Zeitlupe. Dann wird es auf einen Schlag duster. Die übrigen Laternen, die bis zuletzt ein schales Licht spendeten, sind erloschen. Kein gutes Zeichen. Jemand muss das Stromaggregat den Saft ausgedreht haben.

Schüsse. Aber nicht auf sie. Alle drehen sich um. Die Dunkelheit wird durchbrochen von den aufflackernden Lichtern der Mündungsfeuer.

»Maev, verdammt.« Owen will gerade loslaufen, da sieht er sie und Andre um die Ecke des Rathauses sprinten. Rückwärts. Sie schießt in die andere Richtung.

»Lauft!«, brüllt sie.

»Fran«, sagt ein Spec-Op und zeigt nach rechts.

»Ach du …«, zischt Frankie. »Los, weg hier! Weg!«

Owen blickt in die gleiche Richtung. Sieht, was sie gesehen hat, während die Mündungsfeuer die Szenerie schwach erleuchten. Zwei Fahrzeuge. Maschinengewehre sind auf ihren Dächern montiert. Und sie kommen näher, rasch.

Owen blickt zu Maev. Sie und Andre sind nur noch 20 Meter entfernt. Langsam setzt er sich in Bewegung. Seine Schritte werden schneller und immer schneller. Bis Maev sie erreicht, dann sprintet er los.

Die Straßen zurück zum Hügel, zurück zum Buggy. Sie springen über Schutt und Leichen. Immer wieder blickt Owen zurück. »Maev«, keucht er im Laufen, »Frankie!«, ruft er noch lauter nach vorne. Er zeigt nach hinten. »Humvees!«

Die zwei Fahrzeuge rasen auf sie zu. Nun mit eingeschaltetem Licht. Die Gruppe wird langsamer.

»Geht in Deckung!«, schreit Frankie.

Mit einem Satz wirft sich Owen hinter ein uraltes Fahrzeug, quer stehend auf der Straße. Maev sucht neben ihm Deckung. Frankie verbleibt auf der anderen Straßenseite hinter einer Häuserwand, zusammen mit den Geretteten.

Alle warten sie. Doch kaum haben sie alle Schutz gefunden, scheinen die Humvees nicht näher zu kommen. Im Gegenteil, sie werden langsamer. Vorsichtig späht Owen über das Auto hinüber. Er sieht, wie die beiden Fahrzeuge zum Stehen kommen. Gut 250 Meter von ihnen entfernt.

Die grellen Scheinwerfer blenden ihn. Und werfen einen Schattenkegel vorbei am Auto.

Ratlos sieht er zu Frankie rüber. Sie zuckt nur mit den Schultern.  Jetzt sitzen sie in einer Zwickmühle.

Ohrenbetäubende Schussgeräusche lassen alle im Nu zusammenzucken. Die auf dem Dach montierten Maschinengewehre haben mit dem Feuer auf sie begonnen. Glasscherben regnen über Owens Kopf hinab. Eine Scheibe nach der anderen zerberstet.

Wieder wirft Owen einen verzweifelten Blick rüber zu Frankie. Sie kauert mit ihrem Team und den Geretteten weiter hinter Mauerwänden. Keiner von ihnen wagt es, einen Blick zu riskieren. Gestein der Wände werden durch die Luft gesprengt. Die letzte Scheibe des Autos zerbirst. Owens Atem wird immer hastiger. So sein Blick, immer hin und her zwischen Maev und Frankie. Links von ihm an einer Wand kauernd beginnt Chester zu beten.

Gott, Chester glaubt nicht an ihn. Trotzdem versteht Owen, warum er das tut.

Wieder ein hastiger Blick zu Frankie. Owen reißt seine Augen auf. Er sieht es ganz genau. Einer der Geretteten.

Die Waffe, er … er zielt auf Fran. Definitiv.

Keine Zeit zu zögern oder zu hinterfragen. Sofort springt er auf, begibt sich mit einem Satz nach vorne aus der Deckung ins offene Feuer. Maev schreit noch seinen Namen, doch er kann nicht darauf achten. Wieder muss dieser eine Schuss sitzen. Ohne nachzudenken zielt er. Und drückt ab. Dann reißt es ihn zu Boden. Ein Schmerz in der Brust breitet sich im ganzen Körper aus. Ihm wird schwarz vor Augen.

Es wird stiller. Jedes Geräusch nur ein dumpfer Ton. Jeder Atemzug schmerzt höllisch. Verlust von Raum und Zeit. Grelles Licht, weißes Flimmern vor seinen Augen. Stille.

Da, dumpfe Schreie. Wer … wer ist das?

»Ow…«

Er versteht nicht. Ist … ist das Maev? Doch, das ist sie.

»Owen. Wach auf. Owen!?

Langsam weicht das grelle Weiß. Aus dem dumpfen Klang werden knallende Geräusche. Schüsse, es sind Schüsse.

Abrupt reißt Owen seine Augen auf. Maev hockt über ihm. Sie presst auf seine linke Brust. Er beginnt wieder zu erinnern. Frankie. Einer der Geretteten, er wollte sie ermorden. Ein Verräter.

Hat mein Schuss überhaupt getroffen? Lebt Fran noch? »Maev!«, prustet Owen aus sich heraus. Begleitet von einem blutspuckenden Husten. Schmerzen, diese scheußlichen Schmerzen überziehen seinen ganzen Körper.

»Owen. Gott sei Dank. Bleibt ruhig, ich muss deine Wunde abdrücken. Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.«

»Fra… Fran. Wie geht es ihr?« Jede Silbe verstärkt den Schmerz.

»Du hast ihr verdammtes Leben gerettet. Aber jetzt haben wir ein viel größeres Problem. Die Humvees rücken vor und kommen immer näher. Sie pushen uns.« Maev presst ein Stück Stoff gegen seine Wunde. Er spürt, wie das Blut aus jeder noch so kleinen Lücke rausquillt. Hauptsache Fran lebt. Sie war immer die bessere Taktikerin von ihn beiden.

Mit aller Kraft versucht Owen, seinen Kopf zu heben. Doch sofort drückt Maev ihn wieder runter.

»Bleib liegen. Fran geht’s gut. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Gleich haben sie uns. Und du bist der beste Beweis, dass weglaufen uns alle umbringt.«

Owen nickt. Maev presst weiter auf die Wunde und blickt über seinen Körper rüber auf die andere Seite. Und immer noch fliegen Salven von Schüssen an ihnen vorbei. Es ist aussichtslos.

»Was?!«, ruft Maev. Frankie versucht ihr irgendetwas mitzuteilen. Owen kann nicht verstehen, was sie sagt. Zu laut sind die Schüsse. Zu sehr sind seine Sinne durch die Verletzung zusätzlich getrübt.

»Was sagt Fran?« Sofort muss Owen husten und Blut spucken.

»Wir haben nur noch etwa eine Minute, dann werden wir überrollt.«

Ob die Wunde tödlich ist, oder nicht. Owen sieht keine Hoffnung mehr. Das wars. Keine Chance. Die Schüsse werden mit jeder Sekunde lauter und lauter, gleich haben die Humvees sie erreicht.