Forget Home – Kapitelvergleich Jesse [1] – 5/2019 vs 12/2021

by Toshio Riko

Jeder weiß, wie wichtig das erste Kapitel ist (und da lasse ich den Prolog mal außen vor). Man will den Leser hooken, man will die Welt, in der die Geschichte stattfindet, präsentieren, die Geschichte in Gang bringen, erste Geheimnisse offenbaren und von allen Dingen natürlich: Seinen (ersten) Hauptcharakter vorstellen. Ohne, dass dabei gähnende Langeweile verbreitet wird und ohne sich in Exposition zu verlieren.

Das war natürlich damals wie heute mein erstes Ziel: Jesse und seine Goals und Motivationen erklären, gleich mal die erste Action einwerfen, die den Sinn hat, erste Fragen für den Leser offenzulassen (also relevant für die Geschichte ist). Seine Beziehungen und seinen Charakter präsentieren. Und die Welt, in die er lebt, erklären. Deswegen fing der erste Absatz des ersten Kapitels auch so an [Es folgen nun immer Zitate, dabei immer erst die alte, dann die neue Version]:

Ein rot flackerndes Licht schimmert kontinuierlich durch den dichten Smog. Jesses Hände sind in den Taschen vergraben. Ein Sturm wurde angekündigt, Wind und Regen werden wieder für einige Tage frischere Luft sorgen. Und die Temperaturen kurzzeitig auf angenehme 19° Celsius senken – zumindest nachts.

Während ich im neuen Kapitel den Fokus noch mehr auf Jesse lege und was er vorhat:

Ein rot-flackerndes Licht einer kaputten Neon-Reklame an der grauen Hausfassade erhellt den sanften Smog, der wie Nebel über die Straßen wabert, während die Sonne bereits am Horizont steht. Jesse hat seine Hände in den Taschen vergraben und eilt über die leergefegten Straßen. Ein angekündigter Sturm würde die Schwaden davontragen und die Luft auf knapp zwanzig Grad senken lassen. Heute aber ist erstmal nur ein ganz normaler Abend vorgesehen mit seinen Freunden und Mika in ihrer favorisierten Bar, dem STANDARD.

Neben kleinen Ergänzungen der Weltbeschreibung (woher das Licht stammt, graue Hausfassaden, kurze Beschreibung des Smogs, Sonnenstand usw. in einem Satz), gibt es noch die Erweiterung, dass die Straßen; leer sind und; Jesse ist auf den Weg zu seinen Freunden und einer gewissen Mika.


Darauf folgt eine Konversation mit seinem Nanochip in seiner Schläfe. Ein Gerät, dass ich wenig kreativ „ANN“ genannt hab,  ein Akronym, dass aus „AI-controlled Neural Network“ zusammengestellt ist. Vielleicht lasse ich mir da noch etwas Besseres einfallen. Diese Konversation hat zwei Ziele:

  • ANN vorstellen und die Funktionalität beschreiben, wie Personen mit der AI interagieren.
  • Die bevorstehende Gefahr für Jesse ankündigen.

Der Unterschied dieser Konversation ist nicht groß, die Motivation hinter Jesses Ignorierung der Warnung, die ANN (er nennt sie Alula) ihm mitteilt, bleibt die Gleiche. Hier folgen aber noch einige Änderungen in Satzbau und Wortwahl, da bin ich mir sicher.

Die erste, wirkliche Änderung in diesem Kapitel findet danach statt, wenn Jesse von einem Fahrzeug der SS-G, der Suttgart Safty-Group, überrascht wird, welches direkt neben ihm anhält.

»Was zum Teufel machst du hier noch draußen?«, brüllt der Soldat Jesse an. Er steht nun direkt vor ihm.

»Ich wollte gleich rein, ich muss nur zwei Blocks weiter«, erwidert Jesse und versucht so entspannt wie möglich zu bleiben.

»Es ist eine akute Ausgangssperre rausgegeben worden, das musst du doch mitbekommen haben?«

Jesse nickt.

Noch bevor der Soldat fortfahren kann, ist wieder das Quietschen von Reifen zu vernehmen, wieder von der gleichen Kreuzung. Beide blicken ruckartig in die Richtung.

»Sofort, da in die Nische«, brüllt der Soldat und schubst Jesse in die Nische der Betonwand. »Halt dich verdeckt!«

In der neuen Version soll klarer werden, dass der Soldat im Ausnahmezustand ist und Jesse kein Bagatelldelikt begangen hat. Wobei diese Tatsache später noch verdeutlichter wird.

»Was stehst du da so rum? Es ist Ausgangssperre, sieh zu, dass du dich nach drinnen begibst«, schnauft der Mann ihn durch seine Atemschutzmaske an.

»Ich wollte gleich reingehen und …«, doch bevor Jesse seine Notlüge zu Ende erzählen kann, hören beide nun ein Motorengeräusch aus derselben Richtung kommend, aus der der Soldat eben kam. Es ist viel dumpfer, wie ein schnell aufeinanderfolgendes Knattern.

Der Soldat schnappt sich reaktionsschnell seine Waffe und lädt durch.

»Los, da hinten in die Nische rein, halt dich verdeckt!«, brüllt der Mann ihn regelrecht an und schuppst Jesse in die besagte Richtung.

 

Der folgende Schusswechsel ist von der Handlung her fast identisch. Beide Seiten geben Schüsse ab. Während in der alten Version zuerst der Soldat schießt, ist es in der neuen Fassung die Gegenseite. Die ominösen Personen in dem Buggy-Fahrzeug. Jesse wird fast getroffen, doch das bringt ihn nicht aus der Ruhe. (Nervenkitzel ist es, was er begehrt!) Am Ende können die Angreifer fliehen.

Der Soldat dreht sich wieder um und geht mit schweren Schritten auf Jesse zu, packt dabei das Sturmgewehr wieder zurück auf seinen Rücken. »Beeile dich, aber lass dich nicht noch mal bei einer Ausgangssperre hier erwischen, sondern such‘ sofort Schutz. Alles klar?«

»Verstanden«, sagt Jesse und will sich wieder auf den Weg machen.

»Sekunde, eine Sache noch.«

Jesse bleibt wieder stehen und dreht sich zurück. Aus der Tasche holt der Soldat ein Gerät und hält es in Richtung Jesse. Er weiß, dass der Soldat damit seinen Chip gescannt hat.

»So, jetzt ist alles gut.« Hastig eilt der Soldat zurück zu seinem Fahrzeug und fährt weg. Jesse blickt nicht mehr zurück.

Hier die erwähnte Verdeutlichung, dass der Soldat nur aufgrund der Ausnahmesituation und den flüchtigen Personen keine Zeit für Jesse hat und ihn deshalb gewähren lässt. Normalerweise bedeutet das Hinwegsetzen über Gesetze und Anweisungen der SS-G, sich einer Straftat schuldig gemacht zu haben. (Ein Auszug aus den Gesetztestexten der SS-G folgt seperat, irgendwann.)

»Verdammt«, flucht der Soldat und dreht sich wieder zu Jesse um. »Sieh zu, dass du hier verschwindest. Das nächste Mal gibt es Ärger.«

Jesse nickt ihm zu. Für mehr Worte scheint er keine Zeit zu haben. Doch kurz nachdem er seine Waffe auf den Beifahrersitz geworfen hat, dreht er sich noch einmal um.

»Fast vergessen.« Der Mann hält ein kleines Gerät an Jesses Kopf, um seinen ANN-Chip wird gescannt. »Alles klar, Jesse Kazuki. Ich merk mir deinen Namen. Das ist die letzte Warnung.«

Wieder nickt Jesse und eilt los, während der Humvee mit durchdrehenden Reifen losfährt.

Der größte Teil des Kapitels findet in der Bar statt, in der Jesse sich mit seiner Clique und Freundin Mika trifft. Auch hier gibt es wichtige Änderungen, so zum Beispiel, dass Lucas (neben Cray und Mika der Dritte im Bunde), kein Wort redet. In einer früheren Version war er offener und (so damals erst nicht geplant) unbedeutender für die Story. Logisch, dass seine Rolle in der Bar angepasst werden musste, damit später dies ins Bild passt zu seinen eigenen Kapiteln.

Großen Wert habe ich auf Jesses Ignoroanz gegenüber Mika gelegt. Er ist so versessen darauf, sein Ding durchzuziehen, dass er nicht bemerkt, wie es ihr damit geht. Hintergrund ist, dass Jesse vielleicht früher ihr zugehört hat, aber er hatte auch keine andere Wahl – damit soll nicht gesagt sein, dass er sie nicht liebt. Aber er wurde nie gefordert, sich zwischen ihr und seinen Wünschen zu entscheiden. Die Welt hat ihm das nie geboten. Die Liebe zu Mika und der Traum von Abenteuern sind der Zwiespalt, den Jesse lange begleiten und leiten wird.

»Und was genau bedeutet das jetzt, Jesse?«, fragt sie.

»Dass ich vielleicht wirklich meinen Traum, Raumfahrer zu werden, tatsächlich wahrwerden lassen kann«, antwortet Jesse.

»Wenn es sich wirklich darum handelt, ne?«, sagt Cray. »Aber trotzdem, das ist … Ja, ziemlich beeindruckend. Wann hast du dich denn da überhaupt beworben? Wie kam es dazu?«

»Genau Jesse«, sagt Mika und verschränkt ihre Arme. Ihr Blick wandert auf die Wand links von ihr. »Wieso hast du uns nicht schon früher davon erzählt?«

»Also, um ehrlich zu sein, habe ich selbst nicht damit gerechnet. Als ich die Nachricht bekam, dass die ESA nach Rekruten sucht und man dabei nicht zwingend schon vor dem Kollaps geboren und Erfahrungen gesammelt haben muss, habe ich einfach all mein Wissen aufgeschrieben, um meine Begeisterung an dem Thema kundzutun. Und nachdem ich dann blindlinks das Schreiben versendet habe … Naja, habe ich auch nicht weiter dran gedacht. Umso mehr hat mich die Einladungsmessage von heut Morgen überrascht.« Auf Jesses Gesicht breitet sich ein gewaltiges Grinsen aus. Er greift nach seinem Glas, um sich einen weiteren, tiefen Schluck zu genehmigen.

»Stopp, bevor du trinkst«, sagt Lucas, »müssen wir darauf anstoßen. Nicht wahr?«

»Auf jeden Fall«, stimmt Cray zu. »Auf Jesse!«

»Auf Jesse!«, sagt Lucas.

»Ja …«, sagt Mika und hebt verhalten ihr Glas.

»Auf euch«, vollendet Jesse die Runde und stößt mit den anderen an. Alle blicken tief ins Glas und schütten sich das Getränk den Rachen hinunter. Jeder ein oder zwei Schluck. Nur Mika ext ihr noch beinah volles Glas komplett und bestellt sich direkt ein neues.

»Du siehst irgendwie nicht so begeistert aus, Mika?«, fragt Cray.

»Ach, alles gut«, erwidert sie.

Die Information über den Bewerbungsablauf wurde gestrichen. Der Fokus des Dialoges richtet sich mehr auf die Frage, was genau Jesse bei der ESA erwartet – und dazu noch etwas World Building. Vor allem war mir wichtig, dass Jesse seine Gründe kurz klarstellt, warum er unbedingt dahin will.

Als Alula endlich fertig war, die Nachricht allen zu vermitteln, herrscht ein kurzes Schweigen an ihrem Tisch. Auf eine Person hat Jesse dabei gar nicht geachtet, während er erneut in seinem Kopf von der Raumfahrt tageträumt hat.

»Beeindruckend, dass du das geschafft hast«, durchbricht Cray die awkward silence.

»Ja, sehr beeindruckend«, faucht Mika regelrecht und wendet sich von Jesse ab. Statt sich zu freuen, trinkt sie lieber ihr gesamtes Glas mit dem sehr hochprozentigen Getränk auf Ex aus. »Gut zu wissen, dass du uns nächste Woche schon verlassen willst.« Sie muss kurz aufstoßen und knallt dann ihr Glas wütend auf den Tisch.

»Ja sorry, aber ich habe doch selbst nicht damit gerechnet. Aber ich muss doch die Chance wahrnehmen, wenn ich die Möglichkeit habe, Raumfahrer zu werden.«

»Wenn es sich wirklich darum handelt«, sagt Cray und steckt sich bereits seine nächste Zigarette an. [Anmerkung: Cray spricht weiter] »Vielleicht arbeiten sie auch endlich an der Lösung von diesem kleinen Problemchen namens Erde tot. Und am Ende bist du nur irgendein Heini, der durch die Gegend marschiert und sauber macht.«

Seit dreißig Jahren verspricht das die CWG. Und alle paar Jahre korrigieren sie ihre Berechnungen. Aktuell soll die Welt, so wie sie einst mal war, wieder in 10 Jahren existieren können.

»Und selbst wenn es so wäre, dann wäre ich Teil der Lösung und nicht nur ein vor sich hinvegetierender Haufen Scheiße.«

»Da hast du natürlich recht. Fühl dich nicht offended. Wir sollten auf jeden Fall darauf anstoßen. Oder nicht?«, sagt Cray und hebt sein Glas.

»Das sollten wir«, flüstert Lucas seine ersten Worte des Abends und hebt sein Glas.

»Danke«, freut sich Jesse und stößt an. Nur Mika hebt nicht ihr leeres Glas.

Jetzt bemerkt zum ersten Mal auch Jesse so richtig, dass etwas nicht mit ihr stimmt. »Ist alles in Ordnung«, fragt er sie nach einem kräftigen Schluck.

»Ach, nichts«, murmelt sie. »Ich will jetzt nur noch trinken.«

Viel mehr gibt es zum ersten Kapitel eigentlich nicht zu sagen. Nichts zumindest, was ich jetzt unbedingt hervorheben muss.

Das nächste Mal (morgen, weil es wirklich nur ein kurzes Kapitel ist) geht es weiter mit ESA [1]:

»Ist es das wert? All das, was wir vorhaben? Tun wir noch das Richtige oder driften wir von der guten Tat ab? Ich frage mich, wie weit können die Mittel gehen, bis sie den Zweck nicht mehr heiligen, sondern jenen zerstören? Einer aus Hundertfünfzigtausend. Das entbehrt doch jeder ethischen Vorstellung.«

»Wir tun, was wir tun müssen, um das zu retten, was wir noch haben. Eine andere Wahl, eine zweite Chance oder noch mehr Bedenkzeit gibt es nicht. Es ist eine jetzt oder nie-Situation. Es entbehrt jeder Logik, es nicht zu tun.«

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