Forget Home – Kapitelvergleich Jesse [2] & ESA [2] – 5/2019 vs 12/2021

by Toshio Riko

Nun muss die Geschichte ins Rollen kommen. Ich habe und bin immer noch am hin und her überlegen, ob ich Jesse und seiner Freundin Mika mehr Text spendiere, um ihre Beziehung mehr auszuarbeiten. Aber bisher habe ich mich dagegen entschieden.

Die Gruppe hat bereits die Bar verlassen und versucht sich durch den Sturm zu kämpfen. Mika, die wie im letzten Kapitel angedeutet, ihren Frust versucht hat zu ertrinken in Alkohol, kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Die Böen stoßen sie aus ihrem Stand.

Erste Änderung, die kein Zitat bedarf: Statt, dass Jesse Mika zu ihrer Wohnung mitnimmt, begleitet er sie zu Mikas Wohnung, damit sie dort sicher ankommt. Klingt irgendwie komplizierter, als es ist. Auch sei sehr wichtig zu erwähnen, dass in einer sehr viel früheren Fassung Jesse und Mika noch gar kein Paar waren, dann aber doch, aber erst seit kurzem. Erst in der jetzigen Version sind sie bereits seit Jahren zusammen. Zu einer sexuellen Interaktion kommt es so oder so.

Es folgen zwei längere Zitate.

In Jesses kleiner Wohnung, so klein wie alle anderen der Wohnungen eines jeden Komplexes und ebenso spärlich eingerichtet, wirft sich Mika auf das Sofa. Es ist so feuerrot wie ihre Haare, wenn sie trocken wären. Jesse schmeißt seine Jacke auf den Boden und eilt in das Bad. Er schnappt sich ein paar Handtücher. Und kaum ein paar Sekunden später ist er schon wieder zurück und dreht sich blitzartig und voller Schreck um.

»Mika, what the fuck? Was machst du da?« Sein Gesicht errötet und dreht sich vor Scham erfüllt um.

»Wonach siehts denn aus? Die nassen Klamotten ausziehen natürlich.« Die kräftige Regendusche scheint ihrem Kopf wieder etwas Klarheit verschafft zu haben, ihre Stimme klingt nicht mehr dem Lallen nahe. »Jetzt stell dich nicht so an, ich trag doch noch den BH und ein Höschen. Los, wirf schon das Handtuch rüber.«

Ohne sich umzudrehen, lässt Jesse das Handtuch in einem hohen Bogen zu Mika fliegen. Ohne Probleme fängt sie das Tuch in der Luft.

»Pussy«, sagt Mika.

»Na und?«

»Wir kennen uns seit wir Kleinkinder sind und sind seit einigen Monaten auch ein Paar, falls du das nicht vergessen hast.«

»Trotzdem. Ich will nicht unhöflich sein.«

»So, so. Trotzdem darfst du dich jetzt wieder umdrehen.«

Vorsichtig dreht Jesse seinen Kopf.

»Oh Fuck!«, kräht es aus ihm heraus und ruckartig verharrt er wieder in seiner alten Position, abgewendet von Mika.

»Du bist echt ein Weichei.«

Es folgt keine Reaktion mehr. Verlegen blickt Jesse an die Wand. Plötzlich zuckt er zusammen, als er Mikas Hände an seinen Hüften spürt. Dann, wie sie sich an ihn drückt. Wie sich ihre nackten Brüste an seinen Rücken schmiegen. Langsam versucht sie, das nasse T-Shirt hochzuziehen. Im Affekt greift er ihre Hände, um sie aufzuhalten, doch sie nutzt die Gelegenheit und dreht ihn um, zu sich. Sein Atem wird schneller, sein Herz pocht wie gewaltig. Sie blickt ihm in die Augen, er tut sich schwer, doch tut das gleiche. Er kann seinen Blick nicht mehr davor wahren, immer wieder nach unten abzuwandern. Sie lächelt. Und küsst ihn schließlich.

Was einem gleich auffallen wird, sind die fehlenden Dialoge. Ich habe mich voll darauf konzentriert, die Sitaution passieren zu lassen. Es wirkte natürlicher. Beide sind betrunken, beide haben eigentlich schon Streit. Es gibt nichts, was sie sich zu sagen haben.

Dass Jesse es unangenehm ist, sie nackt zu sehen, habe ich natürlich rausgenommen. Ich habe den Fokus auf eine viel wichtigere Tatsache gelegt: Das Sex in ihrer Beziehung eigentlich keine Rolle spielt. Und obwohl Jesse es verwunderlich findet, dass Mika so offen ist, lässt er sie gewähren und hinterfragt nicht. In beiden Fassungen habe ich bewusst keine Sex-Szene eingebaut. Ich habe es lediglich angedeutet, dass es „Ernst“ wird in der neuen Version. Um auch klarzumachen, wie ungewöhnlich die Situation für Jesse ist, aber er gleichzeitig auch einfach ein betrunkener Mann ist, der am Ende nicht seinem Gewissen folgt. Außerdem konnte ich über Jesses Erinnerungen und Gedankengängen die Vergangenheit von Mika einbauen. Eben um noch mehr hervorzuheben, dass das keine normale Reaktion von Mika ist. Aber ich rede zu lange über eine beschissene Sexszene. Ich hasse Sexszenen schreiben. Bringen wir es hinter uns.

Von Ordnung hält sie nicht viel. Sie lebt einfach, wie es ihr passt. So ist es kaum verwunderlich, dass sie sich die triefende Kleidung einfach runterreißt und auf den Boden wirft, wo sie sofort beginnen, eine Pfütze zu bilden. Das wird auch weniger mit dem Alkohol zu tun haben, das ist einfach sie.

Dass sie aber nun, splitterfasernackt sich auf ihn zubewegt und ihm an die Hüften greift und versucht, am Hals zu küssen, dürfte vielmehr an dem Pegel liegen. Sie sind lange genug zusammen, dass er weiß, dass das nicht Mika ist wie sonst. Sie haben nur selten Sex, was keineswegs ein Problem für ihn war. Nie. Warum sie solche Berührungsängste hat, wollte er nie erfragen. Wenn sie das einfach ist, dann ist sie das einfach.

Doch auch sein Promillewert dürfte hoch sein, denn ansonsten würde er nicht so einfach darauf eingehen und sich der Lust hingeben. Aber der Alkohol macht es möglich.

Mika war öfters betrunken, sie hat früher auch mal andere Substanzen zu sich genommen, aber sicherlich war sie nie so verrückt nach ihm und erst recht hat sie noch nie freiwillig versucht, ihn mit Küssen am Oberkörper zu verführen, während sie das T-Shirt über seinen Kopf zieht und wegwirft. Es kribbelt in seinem ganzen Körper, eine Macht in ihm übernimmt die Kontrolle. Dann lässt er sich in das Bett fallen, während Mika die Hose und alles darunter entkleidet und ihn unten herum verwöhnt. So etwas hat er noch nie von ihr erwartet.

Nach dem Sex gibt es einen major game changer. Während in der alten Fassung sich Mika und Jesse ausreden, nachdem sie kurz hitzig diskutieren, finden sie in der neuen Fassung keinen gemeinsamen Konsens. 

 

»Jesse«, sagt Mika und rutscht nun neben ihn an die Bettkante.

Er sieht sie nicht an, daran ändert auch ihr nackter Oberkörper nichts.

»Jesse, ich meine es ernst. Ich liebe dich. Wirklich.«

Wieder inhaliert Jesse kräftig und prustet den Rauch aus. Dann steht er auf und zieht sich seine Unterhose und das T-Shirt an. Die Klamotten immer noch etwas klamm.

»Rede mit mir, Jesse.« Sie blickt ihm ins Gesicht, wartet auf die Antwort. Dann schüttelt sie mit dem Kopf und greift auch nach der Packung.

»Dann rede ich halt. Ich will nicht, dass du mich verlässt. Ich will nicht, dass du mich alleine lässt. Du bist die einzige Person, der ich wirklich vertrauen kann. Verdammt Jesse, ich kenne dich, seit ich ein kleines Kind bin. Tu mir das nicht an!« In ihrer Stimme ist die Verzweiflung rauszuhören. Mit zittriger Hand zieht sie an ihrer Zigarette. »Verdammt nochmal, sag doch etwas! Bitte!«

»Was? Was soll ich sagen?«, kommt es nun aus Jesse heraus.

»Weiß ich nicht. Vielleicht erklärst du mir, warum du mir nie davon erzählt hast, dass du planst, uns … mich zu verlassen?!«

Angespannt fährt sich Jesse mit den Händen durch das Gesicht. »Ich hab‘ nicht nachgedacht. Ich … ich bin einfach meinem Traum gefolgt. Du weißt, dass ich dieses eintönige Leben in dieser eintönigen Welt nicht mehr aushalte. Ich kann das nicht mehr.«

Mika verdreht ihre Augen. »Ja, das weiß ich. Aber es gibt manchmal wichtigeres als dem Abenteuer nachzueifern, weißt du? Nämlich die Menschen, die dir nahestehen. Ich weiß nämlich nicht, wie ich in dieser Welt ohne dich überleben soll.«

»Und ich nicht, wie ich überleben soll. Ich halte es nicht mehr aus, Jahr für Jahr auf Besserung zu warten. Mir ständig die leeren Versprechen anzuhören, dass es doch nun in den nächsten fünf Jahren eine Erholung des Klimas gibt. Was auch immer die ESA plant. Ich will diese Chance nicht missen. Das könnte ich mir nie verzeihen. Aber wenn es dir bei der ganzen Sex-Sache nur darum ging, mich emotional zu manipulieren, dann weiß ich nicht, ob ein Gespräch hier überhaupt Sinn hat.«

Mika schüttelt den Kopf. »Nein, darum ging es nicht. Ich habe das nicht eben spontan entschieden. Ich wollte schon vor der Tatsache, dass du mich verlassen willst, Sex mit dir haben. Wie viele Monate sind wir schon offiziell ein Paar? Vier? Aber danke, dass du von mir denkst, dass ich Sex als emotionelle Waffe wie ’ne Bitch einsetze. Vielen Dank, echt.«

In der alten Fassung bringt Jesse Verständnis auf für Mika, auch wenn er es sich es fast vermasselt mit der Sex zur Manipulation“-Sache. In der neuen Version hadert Jesse viel mehr als zuvor und wird von seinem Zwiespalt fast zerrissen. Er weiß nicht, wie er reagieren soll und wählt am Ende die brutal ehrliche Variante. In der alten Fassung ging es vielmehr darum, was die ESA plant. Jetzt aber liegt der Fokus darauf, was Jesse will und was er vermutet, was Mika nicht von ihm will.

Mika richtet sich auf, setzt sich an die Bettkante. Sie fährt sich mit den Händen durch das verwüstete Haar. »Du willst mich wirklich alleine lassen, ja?«

So langsam dämmert ihm wieder, was er vorhin gar nicht erst wahrgenommen hat. Sie ist sauer auf ihn. »Also ich. Nein.« Gelogen. Er will unbedingt diese Chance wahrnehmen. »Aber …«

»Aber was? Verstehst du nicht, wie sehr ich dich brauche? Willst du mir das wirklich antun?«

Auch er bemerkt, dass sie den Tränen nahe ist. Es müsste was in ihm auslösen. Er liebt sie ja. Aber manchmal … Da würde er gerne lieber sein Leben leben und aus diesem tristen Alltag entfliehen.

Mit zittriger Hand zieht er an seiner Zigarette. Unklar, welche Worte er wählen soll. Wahrheit, Notlüge oder einfach unehrlich sein? »Ich will dir das mit Sicherheit nicht antun. Ich gebe zu, ich habe erst nicht an dich gedacht. Aber diese Chance, sie ist so einmalig. Und du weißt, wie sehr ich von der Astronautik und dem Weltall begeistert bin. Und manchmal glaube ich, dass du mich davon abhalten willst, auch mal ich selbst zu sein, weißt du?«

Das leichte Kopfschütteln und der verbitterte Ausdruck in ihrem Gesicht machen ihm klar, dass eine Mischung aus Wahrheit und Notlüge eher angebracht wäre, als so direkt zu sein.

»Weißt du was, du blödes Arschloch? Dann verpiss dich doch, wenn du das so siehst. Idiot.«

Beide Dialoge sind noch nicht an ihrem Ende angekommen. Nun ist natürlich die Frage: Wird Mika akzeptieren, was Jesse vorhat? Wird Jesse ihre Sorgen ernst nehmen? Oder verbeißen sich beide in ihren Ansichten? Da gab es für mich nur eine logische Konsequenz. Nach einigen hin und her kommen wir auf folgende Ausgangssituation und dem Ende des Kapitels zu.

»Okay. Gut, gut. Ich verstehe das, irgendwie. Aber es gibt noch eine Sache, die mich mehr belastet, als die Tatsache, dass du uns wer weiß für wie lange verlässt.«

»Die wäre?«, fragt Jesse.

»Ich habe Angst, dass du … einfach, dass du nie wieder zurückkommst, weil …« Mikas Stimme bricht immer wieder ab. »Ich habe Angst, dass du stirbst, Jesse. Wirklich Angst.«

Jesse blickt bedrückt auf den Boden. »Ich möchte etwas dazu sagen, was du mir vorhin schon gesagt hast.« Dann richtet er wieder seinen Blick auf sie und legt seine Hand behutsam auf ihre Schulter. »Ich liebe dich auch, Mika. Schon immer. Du warst immer für mich da. Und ich möchte, dass du weißt, dass ich wieder zurückkomme, zu dir. Ich werde dich nicht verlassen. Ich verspreche dir, dass ich nicht sterben werde. So weit lasse ich es sicherlich nicht kommen, okay? Ich verspreche es!«

Sie schüttelt ihren Kopf. »Wie willst du das versprechen? Wenn etwas passiert, dann passiert etwas.«

»Schau mich an, Mika.« Ihre Augen wandern nach links und treffen seinen Blick. »Ich werde nicht sterben!«

In der alten Fassung akzeptiert Mika, dass Jesse auch ein eigenständiger Mensch ist und nicht nur von ihr abhängig sein kann. Sie bringt ihre größte Sorge zum Ausdruck, die bleibt, aber sie vertragen sich wieder.

In der neuen Version aber kommen beide nicht auf den gemeinsamen Nenner. Erst jetzt zieht Jesse die Option heran, in Gedanken, dass die ESA etwas Großes plant. Auch um unbewusst sich selbst zu überzeugen, dass er das Richtige tut. Der Verlust von Jesse für Mika soll nicht einfach so hinnehmbar für Mika sein. Jesses Zwiespalt wird stärker, aber trotz Mikas heftiger Reaktion und emotionaler Aufklärung, was es für sie bedeutet, was er vorhat, bleibt er bei seinem Vorhaben.

Mika stülpt sich ein kurzes Top über den Kopf und schreitet zur Küche, um sich einen Kaffee zu machen. »Und was ist, wenn es länger als sechs Wochen dauert, hm? Wenn sie dich aufnehmen? Und wenn du wirklich Raumfahrer wirst? Wie hoch ist die Chance, dass du stirbst? Nach all deinen Geschichten weiß ich zu gut, wie gefährlich das ist. Also verkauf mich nicht für bescheuert.«

Jesse muss eine Entscheidung treffen, die weder ihm noch ihr wirklich gefallen wird. Aber er ist überzeugt, dass es die einzig richtige Wahl ist. Wenn die ESA ein so geheimes Projekt plant, dann ist es etwas Großes. Vielleicht sogar die Rettung der Menschheit. Wer, wenn nicht diese Behörde hätte die kollektive und intellektuelle Macht, etwas zu bewirken?

»Sieh mich an Mika«, sagt Jesse und packt sie, er drückt sie fest, sieht ihr tief in die Augen.

»Was soll das, Jesse?« Sie will sich wieder losreißen, wirkt gar panisch.

»Ich will, dass du weißt, dass du das Wichtigste auf Erden für mich bist. Ich verlasse dich nicht. Ich werde wiederkommen. Um jeden Preis. Aber ich kann nicht anders, ich muss dorthin. Ich will nur, dass du das verstehst.«

Wieder schüttelt Mika mit dem Kopf und reißt sich vorerst aus seinem Griff los. Sie wendet sich erneut dem Kaffee zu und mit einem Schuss Wasser zum Abkühlen gießt sie sich den kompletten Inhalt der Tasse ein.

»Bitte, ich wollte nie, dass wir uns so streiten. Ich will nicht, dass wir uns überhaupt streiten und wir uns so trennen werden.«

»JA«, brüllt Mika plötzlich aus heiterem Himmel und selbst Jesse zuckt zusammen und kriegt es erst mit der Angst zu tun. »Ja, verdammt nochmal, ich verstehe es. Und das ist das schlimme für mich. Ich will es nicht wahrhaben. Fuck you und fuck deine scheiß Träume. Ich habe all das nicht. Ich habe nur dich. Und jetzt verlässt du mich und am Ende gehst du noch drauf? Verpiss dich und lass mich in Ruhe.«

Jesse schließt kurz die Augen, um rational zu denken. Es schmerzt, das zu hören. Er war so blind vor Vorfreude und seinem eigenen Glück, dass er nicht an die Konsequenzen gedacht hat. Keine Sekunde verschwendete er darüber zu überlegen, was er ihr damit antun würde. Jetzt aber weiter auf sie einzureden würde wenig besser machen. Also schnappt er sich seine Sachen und geht zur Tür. Doch einen Satz muss er ihr noch sagen.

»Ich verspreche dir, dass ich wiederkomme. Ich werde nicht sterben.«

Für mich war klar und wichtig, dass Mika es nicht hinnimmt, dass Jesse geht. Statt es zu akzeptieren und ihm sogar noch für seinen „Verrat“ an ihr auf die Schulter zu klopfen, klang nicht nach einem natürlichen Ausgang dieser Situation. Wie wichtig Jesse für Mika ist, musste deutlich klarer werden. Sie liebt ihn nicht nur, er ist ihr Anker, der sie über Wasser gehalten hat. Und sie droht diesen Anker zu verlieren. Wie könnte sie da jemals ruhig und gelassen bleiben? Jesse hingegen sehnt sich seit Ewigkeiten nach Abenteuern und Spannung in seinem Leben. So sehr, dass seine persönlichen Ziele über den Bedürfnissen anderer liegen.

Was jetzt noch zum Abschluss fehlt, ist ein Kurz-Vergleich der ESA-Kapitel [2]. Eine kurze Fortsetzung von dem, was bisher geschehen ist. Das folgene Zitat ist das gesamte Kapitel.

Ich habe bedenken, Herr Trujillo. Herr Bennett wird das nicht so einfach akzeptieren, was wir vorhaben.« Linda Hilly sitzt in einem imposant großen und tiefschwarzen Lederstuhl. Vor ihr steht ein noch grenzenlos größerer Schreibtisch, ebenfalls tiefschwarz. Und auf der anderen Seite ein baugleicher Lederstuhl, ebenso tiefschwarz.

Antonio Trujillo hat seine Arme auf dem Tisch abgelegt, die Finger sind verschränkt. Er denkt nach und lässt sich Zeit für seine Antwort. Linda ist es gewöhnt.

»Ich kann Karsyn Bennett gut verstehen«, sagt Antonio schließlich. »Das Opfer ist groß, das Risiko noch höher. Ich werde mit ihm reden. Es wundert mich nicht, dass seine Bedenken immer größer werden, je näher der Tag kommt. Auch ich habe meine Zweifel daran. Aber es muss sein, wir können nicht erlauben, dass Informationen dieser Mission an die Außenwelt dringen. So hart es auch klingt, aber jeder, der nicht aufgenommen wird, darf lebend unser Hauptquartier nicht mehr verlassen. Keine Ausnahme. Die Gefahr eines Aufstandes ist zu hoch.«

»Wie sie meinen. Ich hielt es nur für meine Pflicht, sie über den aktuellsten Stand zu informieren. So kurz vor der letzten Phase können wir es uns nicht erlauben, Herrn Bennett zu verlieren.«

»Absolut. Ich sorge dafür, dass das Bewusstsein, dass alles, was wir hier tun, für ein höheres Wohl gilt, wieder Oberhand in seinen Gedanken übernimmt. Sie dürfen nun gehen.«

Linda nickt mit dem Kopf und erhebt sich. Am Ende des weißen Raumes öffnet sie die große Tür und verschließt sich wieder automatisch.

Oh, da habe ich in der ersten Version ja viel für die zukünftige Story gespoilert. Gut, das habe ich wieder gestrichen. Diese Tatsache habe ich in den Worten Trujillos versteckt. Er spricht es nicht direkt aus, warum sollte er auch erwähnen, dass er vorhat, Menschen zu ermorden? Er hat gelernt, stets das wahre Vorhaben zu verbergen und nicht offen darüber zu reden. Dass hier aber etwas nicht stimmt, sollte jedem klar sein. So geheim ist es dann ja doch nicht.

Stattdessen hebe ich hervor, welche Beweggründe Antonio Trujillo hat: Rettung der Menschheit. Risiko, alles zu verlieren. Dafür lohnt sich seiner Ansicht nach das Opfer, was er bringen will. Und das Risiko, was sie eingehen. Aus seiner Perspektive „leistet er einen Bärendienst an der Menschheit“ und ist eher ihr Retter, ein Heiliger.

Und zu guter Letzt: Lindas Verhalten und Worte wurden geändert. Um es passender zu machen, dass sie es ähnlich sieht und eine „Dienerin“ ist und keine Person, die eigene Meinungen vertreten darf. Oder eh die gleiche Ansicht teilt, mit Trujillo, ihm aber nie widersprechen würde.

Linda Hilly steht vor der Tür des Directors. Sie wartet, bis endlich die großen Schiebetüren automatisch geöffnet werden und in der Wand verschwinden.

Sie betritt den großen Raum. Ausgestattet mit einer Kaminecke, Bücherregalen und einem imposant großen Schreibtisch, der in tiefes Schwarz getaucht ist. Zum falschen Fenster gerichtet, auf dem ein nächtliches Panorama abgelichtet wird, ist der ebenso große Bürostuhl des Directors.

»Ich habe meine Bedenken, Herr Trujillo. Herr Bennett scheint seine Schwierigkeiten zu haben, unser Vorhaben einfach so zu akzeptieren.«

Der große Stuhl dreht sich langsam zu ihr rum und Trujillo stützt seine Arme auf dem Tisch ab. Für seine Antwort lässt er sich Zeit. Nichts Ungewöhnliches für sie.

»Ich kann Karsyn gut verstehen«, sagt er schließlich und lehnt sich etwas entspannter zurück. Seine Tonwahl ist so aalglatt wie die akribisch mit Gel nach hinten geklebten Haaren und die gestriegelte Krawatte seines maßgeschneiderten Anzuges. »Wir gehen ein großes Opfer ein. Und das Risiko ist immens hoch. Doch haben wir eine Wahl? Nein. Das muss er erst noch verstehen. Gelangen Informationen an die Außenwelt über die wahre Natur unserer Vorhaben, riskieren wir alles zu verlieren. Und was haben wir dann? Nichts.«

Linda nickt zustimmend. »Natürlich. Ich hielt es nur für meine Pflicht, sie darüber zu informieren. So kurz vor dem Abschluss der Vorbereitungen und dem Beginn der Testphase müssen wir sichergehen, dass wirklich alles nach Plan verläuft.«

Trujillo gibt ihr mit einer einzigen Nickbewegung des Kopfes recht. »Absolut. Machen sie sich aber keine Sorgen. Ich kenne Karsyn gut. Natürlich würde der innere Zwiespalt in ihm aufkeimen, je näher wir dem Moment der Wahrheit kommen. Aber ich werde mich persönlich darum kümmern, dass er anerkennt, welchen Dienst wir an der Menschheit leisten. Sie dürfen jetzt wieder gehen.«

Linda entfernt sich von dem Schreibtisch und verlässt den Raum. Hinter ihr schließen sich die Türen wieder von alleine und ein Schloss rastet ein.

Und das nächste Mal geht es dann wieder fulminant weiter mit Jesse [3].

»Jesse?«, sagt eine männliche Stimme plötzlich.

Jesse schreckt hoch. Er hat weder Schritte wahrgenommen noch damit gerechnet, dass ihn hier jemand ansprechen würde.

»Wer sind sie?«, fragt er noch völlig überrascht und, zugegeben, auch leicht verängstigt. Der Mann, etwa Mitte Fünfzig (sein Dreitagebart hat bereits graue Ansätze), trägt einen einfachen, grauen Hoodie, in dessen Kängurutasche er seine Hände verdächtig versteckt hat. Er grinst Jesse überschwänglich freundlich an, was ihm etwas verwunderlich vorkommt.

»Wills Sorell«, sagt er und stellt mit einer Selbstverständlichkeit seine Tasche neben Jesse ab, als würden sie zusammengehören.

»Wollen sie auch zur ESA?«, fragt Jesse etwas zurückhaltend. Erst danach wird ihm klar, dass der Mann seinen Namen kannte. Etwas, was ihn jetzt besonders stutzig werden lässt.

 

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