Forget Home – Kapitelvergleich Jesse [3/4] – 5/2019 vs 12/2021

by Toshio Riko

Wer handelt, muss stets die Konsequenz kennen. Wer nicht mit dem Schlimmsten rechnet, hat schon verloren. Für Jesse ist die Konsequenz: Ohne Mika zu verabschieden, auf den HyperMag warten und im Streit mit ihr auseinandergehen. In Jesse [3] wird er dafür jemand neues kennenlernen.

Es ist Silvester, an diesem Tag werde ich zum ersten Mal seit zwei Wochen nicht an der 2. Fassung arbeiten. Sondern nur für mich diesen Vergleich schreiben. Viele Details kann ich dabei leider nicht nennen. Je weiter wir in der Geschichte vorankommen, desto mehr würde man spoilern, wenn man diese oder jene Änderung versucht zu erklären.

Der Unterschied war klar. Und oben steht er ja auch noch einmal. In der alten Version wird Jesse die Chance haben, letzte Worte mit Mika auszutauschen. Ein letztes Mal Zärtlichkeiten teilen und eine letzte Umarmung zur Verabschiedung. All das wird ihm fehlen in der 2. Fassung. Und zwar schmerzlichst. Stattdessen wird er Bekanntschaft mit Wills Sorell machen, einem alten ESA-Veteranen, der ebenfalls eingeladen wurde, am Auswahlverfahren teilzunehmen.

Anzumerken sei auch, dass Jesse [3] und Jesse [4] nun ein zusammenhängendes Kapitel sind – es wurde viel gestrichen.

Der Mann lehnt sich an die Wand und steckt die Hände in die Kängurutasche und blickt auf die grauen Wände der Komplexe, die von der etwa 15 Metern über dem Boden liegenden Station aus zu sehen sind. Dann schweift sein Blick zu Jesse und Mika. Seine Augenbraue zieht nach oben, dann wandert der Kopf wieder zurück. Nur um wieder zurück auf Jesse und Mika gerichtet zu werden.

»Was, sehe ich so schrecklich aus, oder warum blickt ihr mich so tief erschrocken an?«, sagt der Mann kratzend durch seinen Rauschebart. »Oder sind es die Haare?« Mit seinen Fingern tut er so, als würde er seine graue Haartracht richten.

»Ähm, nein, sorry«, stottert Jesse unbehaglich. »Ich glaube nur, wir beide hatten nicht damit gerechnet, dass noch jemand hier zur Station kommt.«

Ein einzelnes »Ha« kommt aus dem Mund des Mannes heraus, der nun näher an Jesse und Mika herantritt. »Ich nehme an, ihr seid auch auf dem Weg zur ESA?«

Jesse nickt. »Aber nur ich.«

»Verstehe, die Freundin verabschieden. Gut, dass mich niemand hier vermissen wird.« Wieder lacht der Mann kurz. »Ich bin übrigens Wills Sorell.« Er reicht Jesse seine Hand. Der erwidert den Handschlag.

»Jesse Kazuki. Und das ist Mika, Akane Mika.« Etwas schüchtern nickt Mika kurz und sieht dann wieder auf den Boden.

»Na, dann lasst euch mal nicht von mir stören. Wir werden gleich noch Zeit zum Plausch haben, Jesse.«

Wills entfernt sich wieder von den beiden und lehnt sich erneut an die Wand.

Wir lassen mal aus dem Spiel, dass auch Mika am Bahnhof steht. Die Vorstellung von Wills Sorell sollte für Jesse weniger, wie sagt man, heiter verlaufen. Jesse war vorher in seinen Gedanken vertieft (in der neuen Fassung) und rechnete in beiden Versionen natürlich nicht mit einem weiteren Wartenden. Auch wenn durchaus nicht unwahrscheinlich ist, dass er alleine wäre. So oder so sollte für Jesse die erste Begegnung fast unheimlich sein mit Wills. Dessen Freundlichkeit nicht das nötige Vertrauen ausstrahlt wie im alten Text.

Seinen linken Fuß lässt er abgestützt an der Wand, der Kopf ist geneigt und die Augen verschlossen. Er denkt viel darüber nach. Nicht nur über sie. Er malt sich im Kopf die Bilder aus, wie es sein wird in Bern, wenn er im Hauptquartier ankommt. Was mit ihm geschehen wird.

»Jesse?«, sagt eine männliche Stimme plötzlich.

Jesse schreckt hoch. Er hat weder Schritte wahrgenommen noch damit gerechnet, dass ihn hier jemand ansprechen würde.

»Wer sind sie?«, fragt er noch völlig überrascht und, zugegeben, auch leicht verängstigt. Der Mann, etwa Mitte Fünfzig (sein Dreitagebart hat bereits graue Ansätze), trägt einen einfachen, grauen Hoodie, in dessen Kängurutasche er seine Hände versteckt hat. Er grinst Jesse überschwänglich freundlich an, was ihm etwas verwunderlich vorkommt.

»Wills Sorell«, sagt er und stellt mit einer Selbstverständlichkeit seine Tasche neben Jesse ab, als würden sie zusammengehören.

»Wollen sie auch zur ESA?«, fragt Jesse etwas zurückhaltend. Erst danach wird ihm klar, dass der Mann seinen Namen kannte. Etwas, was ihn jetzt besonders stutzig werden lässt.

»Absolut. Oder glaubst du ich werde hier ein Camp aufschlagen und meinen Urlaub am Bahnhof Mitte genießen?« Der Mann stößt eine Lache aus und klopft Jesse auf die Schulter.

Jesse versucht ein Grinsen als Erwiderung zu erzwingen, aber es fällt ihn angesichts seiner Situation etwas schwer.

»Und bitte, duze mich. Diese Scheinhöflichkeit muss nicht sein. Ich bin niemand von Rang, okay?«

Nach der kurzen „Begrüßung“ schickt Jesse noch eine Nachricht an Mika ab. Logisch, dass er dies nicht tut im alten Text, denn dort steht sie ja vor ihm. Wir können dennoch die letzten Gedanken, die Jesse mit ihr teilt, vergleichen. For the sake of it.

»Also, denk dran«, führt Mika mit einer behutsameren Stimme fort, »wehe Dir, du meldest dich nicht.«

»Gleich heute Abend«, sagt Jesse.

Okay, zugegeben, im alten Teil hat Jesse nichts von Bedeutung mehr zu Mika gesagt. Aber dennoch kann man hier genau sehen, im neuen Teil, wie Jesse wirklich denkt. Das war mir wichtig, es hervorzuheben. Am Ende bleibt es dabei: Jesse verspricht, sich zu melden. Dieses Versprechen wird elementar wichtig sein für Mikas Werdegang und Entscheidungsfindung.

›Liebe Mika, ich bin’s. Ich weiß, du wolltest nichts von mir hören. Aber ich muss dir noch einmal schreiben. Es ist mir sehr wichtig, dass du weißt, dass ich dich liebe. Ja, wirklich. Dass ich jetzt hier am Bahnhof stehe und, für dich vielleicht, einfach so verschwinde, mag für dich ein verständlicher Grund sein, mich zu hassen. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann wieder verzeihen. Ich vermisse dich trotz allem, auch wenn du mir das vielleicht nicht glaubst. Die ganze Zeit denke ich an nichts anderes als an dich. Egal. Ich will nur wissen, dass ich wieder zurückkomme, ich werde dich nicht alleine lassen. Ich werde nicht sterben. Das ist schwer zu versprechen, ich weiß, aber ich meine es ernst. Am Ende möchte ich das doch auch nur für uns tun. Wenn ich nicht mehr ich selbst sein kann, wie kann ich dann jemand für dich sein, der gut genug ist? Vielleicht klingt das zu sehr aufgesetzt. Keine Ahnung. Belassen wir es dabei. Ich melde mich sehr bald nochmal. Du musst mir ja nicht antworten. Ich liebe dich … Dein Jesse.‹

Im Folgenden führt Jesse einen längeren Dialog, wo langsam die Barriere von Jesse fällt und besser mit Wills zurechtkommt. Warum auch immer habe ich einige aktuelle Referenzen eingebaut in den Dialog der alten Fassung, um Jesses Begeisterung für die Raumfahrt hervorzuheben, sowie eine Anekdote von Wills über eine gescheiterte Mars-Mission aus den späten 90ern des 21. Jahrhunderts. Dazu eine Kontrolle durch SS-G Soldaten, bevor sie die Stadtmauern passieren.

Vieles davon habe ich gestrichen. Bzw. alles, was ich eben erwähnt habe, ist nicht mehr aufzufinden in der neuen Fassung. Der Dialog im HyperMag erstreckt sich über zwei Kapitel und wird durch ein „Vater“-Kapitel kurz unterbrochen. Wir können dennoch einfach nur so den Dialog vergleichen.

Wills wühlt in seiner Tasche. »Irgendwo wird sie ja wohl sein.«

Etwas verwundert blickt Jesse immer wieder zu ihn nach unten, aber traut sich nicht zu fragen.

»Da ist sie ja.« Mit einer Taschenlampe in der rechten Hand streckt Wills seinen Rücken wieder gerade und legt sie auf den Tisch. »Nur für den Fall der Fälle, sollte mal wieder nicht das Licht funktionieren, wenn wir gleich in die verdunkelte Vakuumröhre reinfahren. 40 Minuten nichts sehen muss ja nicht sein.«

Jesse blickt weiter aus dem Fenster. Den Kopf lehnt er auf seiner Hand ab.

»Na, was guckste denn so nachdenklich, Junge? Was geht dir durch den Kopf?«, fragt Wills.

Achselzuckend blickt Jesse zu Wills. »Ich überlege immer noch, was uns bei der ESA nun erwartet.«

»Hm.« Jetzt blickt auch Wills kurz aus dem Fenster und presst die Lippen zusammen. »Ich hab‘ zwar bis zum Kollaps bei der ESA gearbeitet, aber danach war Funkstille. Was die geplant haben? Tja. Ich wüsste es auf jeden Fall auch gerne. Lassen wir uns überraschen, ja?« Wills grinst und kratzt sich durch den Bart.

»Haben ja keine Wahl.«

Kaum fährt die Kapsel in die Vakuumröhre, wird es sofort stockfinster. Eine Lichtröhre flackert kurz, doch verliert sofort jegliche Leuchtkraft.

»War ja klar«, mosert Wills. Mit einem Klicken des Schalters lässt er die Taschenlampe erleuchten. Das Licht reicht aus, um genug am Sitzplatz erkennen zu können.

»Zumindest habe ich eine Hoffnung und eine Vermutung«, meint Wills aus dem Nichts heraus.

»Wie?«, entgegnet Jesse.

»Bei der ESA, was uns erwartet. Ich habe die Hoffnung, dass es endlich wieder ein Raumfahrtprogramm sein wird, das erste seit 2093, als die vereinten Nationen zum letzten Mal zum Mars flogen. Ich habe immer davon geträumt, mehr als nur diese Welt zu sehen.«

»Die Hoffnung habe ich auch … und deine Vermutung?«

»Dass dieses Projekt etwas mit der Rettung eben dieses Planeten zu tun hat.«

Jesse zieht die Augenbrauen zusammen. »Warum sollten sie dann all das so strikt geheim halten? Wäre das nicht etwas, was man den Menschen mitteilen wollen würde?«

Wills prustet durch seine Lippen. »Das ist die Frage der Fragen, Junge. Hm, aber könnte doch sein, dass man nicht wieder falsche Hoffnungen in die Köpfe der Menschen setzen will und am Ende doch alles leere Versprechungen sind? Keine Ahnung.«

Kein Kommentar. Einfach selbst entscheiden, was man besser / flüssiger findet.

»Also, was weißt du genau über die Raumfahrt und das Universum? Erzähl mal«, fragt Wills, der die Chance nutzt, um die Flasche zu öffnen und einen Schluck daraus zu nehmen.

»Also ich kenne zum Beispiel die allgemeine Relativitätstheorie, also E ist gleich M mal C hoch Zwei. Oder dass Gravitation keine Kraft, sondern eine Eigenschaft der Geometrie von Raum und Zeit. Nachweisen lässt sich das durch die Krümmung des Lichtes, zum Beispiel anhand von Licht der Sterne, die hinter der Sonne stehen. Mithilfe der Einstein’schen Feldgleichungen kann man durch Differentialgeometrie die Gravitation mathematisch beschreiben.«

Jesse denkt kurz nach. Ja, er weiß sowas und auch noch viel mehr. Aber sein Problem ist nicht, Fakten zu wissen, sondern am Ende Formeln zu verstehen und komplexe, mathematische Aufgaben zu lösen in diesem Bereich. Es gab ja schließlich niemanden, der ihm das hätte beibringen können.

»Für ein Kollaps-Kind ist alleine dieses Wissen zu besitzen ein Wunder. In der Schule lernt ihr nur die Basis zum Überleben, damit ihr einfache Jobs ausführen könnt, wenn ihr je einen bekommt. Aber kannst du auch die Formel von Einstein anwenden?«

Jesse muss geknickt den Kopf schütteln.

»Macht nichts. Vielleicht erzählst du mir ein anderes Mal mehr von deinem Wissen und ich ergänze es.  Ist deine Geliebte auch so begeistert von der Raumfahrt?«

»Schön wäre es. Nein, sie hasst es vielmehr, dass ich hier bin.« Nichts könnte ihn mehr entmutigen, als an sie zu denken. Er wagt erneut einen Blick aus den Fenstern, an dessen Ausblick sich nichts geändert hat. Wills nimmt wieder einen Schluck aus einer Flasche und gibt seltsamer Weise Jesse kurz Zeit, um durchzuatmen.

Dann, mit einem Rauschen, verabschieden sich plötzlich die grauen Bilder am Fenster und eröffnen tut sich Jesse eine kahle Landschaft, in der Ferne vertrocknete Wälder und brauner Boden. Seine Augen sind von dem Anblick praktisch fasziniert, ist es doch das schönste, was er seit seiner Geburt je erblicken durfte.

»Noch nie die Außenwelt gesehen, nehme ich an?«

»Nein«, antwortet er leise und starrt auf das, was weit hinten liegt und nicht im Rausch der Geschwindigkeit nur Unscharf zu erkennen ist. Alte Dörfer, Straßen. Fahrzeuge. Verfallen, niedergebrannt, eingestürzt oder alles zugleich. Die Natur sieht tot aus, aber hin und wieder lässt sich ein grünes Fleckchen erahnen. Vielleicht hat die CWG ja doch recht und die Natur kann sich erholen.

»Genieß ihn, in wenigen Sekunden …«, doch Wills kann seinen Satz nicht aussprechen, da rauschen sie bereits in einen Tunnel. Tiefste Dunkelheit breitet sich in der Kabine aus. Es dauert, bis das Licht sich einschaltet. »Genau das.«

Jesse richtet sich wieder gerade hin auf seinen Stuhl. Diesen Augenblick wird er nicht so schnell vergessen. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Jesse greift in seine Jackentasche und holt die Schachtel Zigaretten raus, die er dort gelassen hat. Nicht, dass er wirklich erwartet, bei der ESA rauchen zu dürfen, aber man weiß ja nie. Nun kann er doch noch einmal zum Glimmstängel greifen. Die Nervosität wegpaffen, die nur kurz vom Anblick der Welt außerhalb der hohen Mauern verdrängt wurde.

»Ist das in Ordnung?«, fragt er dennoch vorbildlich.

»Nur solange ich eine abbekomme.« Wills lacht und hält seine Hand hin.

»Wenn du bei der ESA warst und gute Kontakte hast, dann weißt du sicherlich, weshalb sie nach Rekruten suchen, oder?«

Wills zündet sich seine Zigarette an und scheint den Geschmack von verbranntem Tabak zu genießen, ehe er sich einer Antwort entsinnt. »Nein«, sagt er trocken. »Keinen blassen Schimmer.« Dann muss er wieder lachen. »Die verdammten Anzugträger dort sind sehr auf Geheimhaltung bedacht. Was haben wir nur vor? Vielleicht die Menschheit retten? Vielleicht die Erde von ihrem Leiden befreien? Oder sind wir nur überqualifizierte Putzkräfte, die die Scheiße der Snobs dort wegmachen dürfen?«

»Klingt so, als würdest du an weder noch glaube. Ich glaube ja, wir arbeiten an einer Lösung, damit der Planet wieder bewohnbar ist.«

Wills nickt zustimmend. »Schön wäre es, keine Frage. Aber mir ist es herzlich egal. Hauptsache, ich habe eine Ablenkung von dem, was ich bisher so getan habe.«

»Und was hast du so bisher getan?«


Nächster Vergleich

»Sag mal, Junge. Die Frau vorhin an der Station …«, fragt Wills wie aus dem Nichts.

»Ja?«

»Du musst nicht antworten aber …«, Wills bückt sich kurz, um das Buch zurück in die Tasche zu packen, »ihr seid ein richtiges Paar, ja?«

»Ehm, klar.«

»Okay. Gut. Also, weil es mir gerade so einfiel. Ich wollte dir nur eine kleine Weisheit mit auf den Weg geben. Und auch nur unter der Annahme, dass wir bei der ESA wirklich irgendetwas … Na ja, sagen wir, wenn uns ein doch eher risikobehaftetes Projekt erwartet.« Wills unterbricht kurz, um einen weiteren Schluck zu nehmen.

Jesse nickt ihm zu. »Das war mir schon bewusst, dass das durchaus nicht ungefährlich sein könnte.« Als wäre ihm das nicht klar gewesen.

»Nein, das weiß ich ja. Was ich meine sind die Worte eines früheren Kollegen und sehr guten Freundes von der ESA. Und einer der letzten Menschen, die damals auf der Mars-Kolonie vor Ende des 21. Jahrhundert waren. Was damals passiert ist, weißt du sicher?«

»Sicherlich.« Über die damalige Mars-Katastrophe hat Jesse jegliche Information aufgesaugt, die er finden konnte. Schließlich war dies der Auslöser zur Einstellung aller interplanetaren Raumfahrtprogramme.

»Dieser Kollege, Ben Galvan, war einer der wenigen Überlebenden, die es geschafft haben, bevor der Asteroid einschlug. Über den Messfehler und die mangelnde Zeit für eine Evakuierung wissen wir Bescheid. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.«

»Du meinst, man hat damals wichtige Informationen zurückgehalten?«

»Nicht nur irgendwas zurückgehalten.« Wills nimmt noch einen Schluck. »Ich versuch es kurz zu machen. Die Information über den drohenden Einschlag erreichte das Kommunikationszentrum. Zu dem Zeitpunkt waren exakt zwölf Leute dort stationiert. Eigentlich hätte umgehend ein Notfall-Signal zur sofortigen Evakuierung an alle gesendet werden müssen. Doch das war nie der Fall.«

»Was? Du verarschst mich. Wieso sollte und vor allem wie könnte jemand das verheimlichen?« Das klingt schon zu bizarr für Jesse, der ja mit vielem gerechnet hat. Aber sowas wäre doch aufgefallen. Es hätte zu Verurteilungen kommen müssen.

»Zwölf anwesende Personen in der Komm-Station wurden vom Commander vor die Wahl gestellt. Entweder sie verheimlichen es, fliehen und sehen ihre Familien wieder. Oder sie leiten die Evakuierung ein, was bei dem Zeitdruck der garantierte Tod für sie wäre. Ben war einer von diesen Leuten. Er hat sich wie alle anderen zum Komplott entschieden. Diese Entscheidung, sagte er, bereute er seit jeher. In dem Moment, wo er gerettet war, wurde ihm klar, dass er über 200 andere ihren sicheren Tod hinterlassen hat. Nur eine erhobene Stimme, die sich dagegenstellt hätte, hätte gereicht. Eine. Und statt 12 hätte man 50, gar bis zu 70 der Kolonisten retten können.«

»Ich verstehe nicht. Wieso erzählst du mir das?« Nicht, dass Jesse sich nicht für solche Geschichten interessieren würde. Aber welchen Sinn hat das alles, ihm das jetzt zu erzählen?

Wills räuspert sich kurz. Aus der Bauchtasche seines Hoodies kramt er eine Packung Zigaretten hervor. »Auch eine?«, fragt er, während er mit dem Feuerzeug sich eine anzündet.

»Gerne.« Jesse hat zwar noch welche in der Tasche, aber wenn man schon eine angeboten bekommt. Er kramt sich eine Zigarette heraus und schiebt die Packung Wills zurück.

»Also, worauf ich hinaus will … « Wills ascht nach dem ersten Zug auf den Boden ab. »Irgendwann kommt für jeden die Entscheidung: Die eigenen Interessen oder das höhere Wohl. Lass es nicht soweit kommen, dass du dich erst entscheidest, wenn es eigentlich schon zu spät ist.«

»Ich habe mich bereits entschieden. Sonst wäre ich nicht hier.«

»Na dann.« Wills lehnt sich zurück und zieht weiter an der Zigarette.

Auch hier habe ich nicht mehr viel zu sagen, ohne jetzt ohne Ende die gesamte Story zu spoilern. Vielleicht war es mir wichtig, Wills noch etwas mehr Background zu geben. Und seine Ausführungen auf den Punkt bringen. Denn am Ende gibt er Jesse den gleichen Rat, aber ohne die lange Erzählung über das, was bei der Mars-Mission angeblich passiert sein sollte. Und damit auch noch mal den inneren Konflikt von Jesse anfachen, für ein anderes Mal.

Wills zieht eine Augenbraue hoch und mustert Jesse. »Was denkst du wohl? Nichts natürlich. Den Tod meiner Familie betrauern vielleicht. Und dann jeden Tag im Zimmer hocken und den Einheitsbrei im Internet anschauen und das hier.« Wills zeigt auf die Flasche.

»Saufen?« Vielleicht war diese Formulierung etwas zu provokant. Wer ist Jesse schon, jemanden vorzuwerfen, ein Trinkproblem zu haben. Seinen Vater verlieren mag eine Sache sein, gleich die eigene Familie noch eine ganz andere. »Tut mir leid, das war nicht höflich«, versucht er schnell seine ungehobelte Art zu entschuldigen.

»Die Wahrheit auszusprechen ist kein Grund sich zu entschuldigen.« Das sagte er, während er bereits die Flasche zum letzten Schluck anhob. »Mit einem Sinn im Leben werde ich dieses Laster hoffentlich wieder los.«

Jesse nickt ihm zu, auch wenn er das nicht immer so sieht. »Und wieso diese Geheimhaltung der ESA? Wenn es die Rettung der Welt wäre, dann würde man doch den Menschen davon erzählen wollen.«

»Oder man will sich vor Peinlichkeiten bewahren, wenn es doch nichts wird, mal wieder. Aber viel eher glaube ich, hat die ESA keinen guten Ruf und alles, was sie vorhat, käme nicht gut an in der Bevölkerung. Man würde ihr sicher Ressourcenverschwendung vorwerfen. Aber gut, dass ich ja dabei bin. Dann passiert das nicht.«

Wills lacht ein aufs andere Mal. Wie man so viel Freude am Leben verspüren kann, ist Jesse ein Rätsel. Mag sein, dass der Alkohol den Kummer wegspült und das Leben viel angenehmer erscheint. Aber Wills ist beinah wie ein Clown mit seinem Grinsen und der guten Laune. Und vom Trinken scheint die Nase auch durchaus an roter Farbe zu gewinnen.

»Hast du Angst?«, fragt Wills aus dem Nichts.

»Wieso? Nein, keine Angst.«

»Gut. Ich will dir ja nicht auf die Füße treten, aber nur ein gut gemeinter Rat von mir. Es wird der Punkt kommen, da wirst du dich entscheiden müssen, was dir wichtiger ist. Das höhere Wohl oder deine eigenen Interessen. Pass auf, dass du dich nicht zu spät entscheidest.«

»Ich habe mich bereits entschieden«, schnauzt Jesse ihn beinah an. »Sonst wäre ich ja kaum hier.«

Sondern er wäre bei Mika. Aber seine Interessen decken sich ja wohl mit dem höheren Wohl, wenn die ESA wirklich das vorhat, was er erwartet.

»Ich wollte dir nicht auf die Füße treten. Aber dann ist doch alles geklärt.«

Die Kapitel enden beide damit, dass sie im Bus sitzen. Aber während in der alten Fassung hier vorbei ist, passiert in der neuen Fassung etwas ganz anderes. Jesse wird von Wills zu seinem Vater ausgefragt. Indirekt. 

Der Einbau von der Geschichte über Kentos Tod sollte natürlicher wirken. Und, was er immer haben sollte, aber jetzt noch viel mehr; noch größere Bedeutung für die Geschichte. Und so geht es dann nächstes Jahr auch weiter. Mit dem Kento-Kapitel. Hier werden sich auch einige Dinge dezent ändern, die großen Einfluss haben auf spätere Enthüllungen.

»Was ist los?« Kento geht wieder zurück zu Jesse. Und näher er ihm kommt, desto klarer wird ihm, warum er sich nicht mehr bewegt. In der Dunkelheit offenbaren ihm sich Silhouetten mehrere Gestalten. Zwei Männer, eine Frau. Sie kommen auf sie zu, mit Pistolen in den Händen. Und sie zielen auf sie.

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