Und wieder alles neu schreiben – Die Krux mit der Zeitform beim Schreiben

by Toshio Riko

Der Mann rennt eilig durch die Flure – Präsens. Oder doch er rannte, also Präteritum? Die Zeitform ist entscheidend, wie gut oder schlecht mein Buch sein wird, auch wenn ich natürlich weiterhin alles schlecht von mir finde. Aber irgendwie habe ich es vermasselt, die Zeitform von der Rohfassung zur 2. Korrektur ins Präteritum zu ändern, obwohl es dringend nötig war. Und warum das so wichtig ist, versuche ich gleich selber zu erklären.

Man kann ja schon mal schnell durcheinander kommen, wenn man plötzlich die Zeitform ändern will von seinem bestehendem Werk. Dass ich auf einmal aus dem Effeff irrwitzige Konjugationen von Verben zaubere. Aus „tippeln“ wurde tippselte, ehe ich bemerkte, dass es ja wohl doch tippelte sein muss. Und andere seltsame Formen habe ich mir gar nicht mehr merken können.

Das klingt fast peinlich, es zuzugeben, aber ich habe mich so sehr daran gewöhnt, Forget Home in Präsens zu schreiben, dass ich große Schwierigkeiten habe, überhaupt im Präteritum zu verfassen. Und während es sicherlich einige Bücher gibt, die gut im Präsens verfasst wurden, so sind ziemlich alle anderen Werke von Autoren im Präteritum, hauptsächlich.


Warum überhaupt Präsens?

Um zu verstehen, warum ich überhaupt zwei Bücher im Präsens schreiben wollte, während ich doch früher wunderbar im Präteritum etc. verfassen konnte, muss ich verstehen, was meine Goals, meine Ziele also waren in beiden Geschichten. Und wenn man weiß, was das Ziel ist, dann weiß man auch, welche Zeitform geeignet ist für sein Buch.

In meinem ersten, minderwertigen Werk Nicht Nur ein Spiel lag der Fokus besonders stark auf das Innenleben der beiden Protagonisten. Vielleicht hätte der Handlung auch einer etwas distanzierten Erzählperspektive gutgetan, aber damals wollte ich möglichst tief in die Köpfe von Theodor und Julliet sitzen und ihre teils obskuren Gedanken offenbaren. Dabei ist erstmal völlig unerheblich, ob mir das gelungen ist: Das war mein Ziel. Die Geschichte (fast) ausschließlich aus diesen beiden Köpfen erzählen.

Und dann versteht man auch, warum das in Forget Home so ist. Denn zu Beginn, 2018, als ich noch richtig, richtig schlecht war im Schreiben (anders als jetzt, wo ich nur 1x richtig schlecht bin), sollte die Geschichte nur aus dem Kopf von Jesse stattfinden. Es gab nur den einen Handlungsstrang. Und sonst nichts weiter. Doch die Welt, in der Jesse lebte und entwickelte sich über die Jahre weiter und wurde zu dem, was sie jetzt ist. Da passt Präsens eigentlich nicht mehr rein, aber ich habe damals die Rohfassung im Präsens geschrieben, weil ich die ersten Skizzen im Präsens verfasst habe, weil ich mein vorheriges Test-Buch NNES im Präsens verfasst habe.

Und so führte eines zum anderen.


Wieso ist Präteritum für mich so viel besser?

Dazu muss man wissen, welche Auswirkung welche Zeitform auf einen Roman haben. Man bemerkt sie kaum, also ich zumindest nicht, wenn ich ein Buch lese. Man ist sowieso viel zu sehr auf Handlung und Informationen und die Dialoge konzentriert, dass man Zeitform und bestimmte Ausdrücke im Buch einfach überliest.

Präsens ist jetzt, Gegenwart. Es passiert alles in einer Reihenfolge und die Gegenwart bleibt Gegenwart. Ich kann nur von Punkt A, zu Punkt B springen und nicht zu Punkt D, um dann noch mal Punkt A zu thematisieren. Klingt jetzt etwas verwirrend und unlogisch, aber ich komme gleich dazu, was ich damit meine. 

Präsens ist direkter dran am Geschehen und wie ich auch selbst wusste und man auch leicht im Internet herausfindet: Meist näher dran am Protagonisten, weswegen Präsens gerne, aber nicht immer, in der Ich-Perspektive stattfindet (Beispiel 1: Tribute von Panem, Ich-Perspektive, Präsens │Beispiel 2: Ich versprach dir die Liebe, Ich-Perspektive, aber Präteritum). Übrigens, Ich versprach dir die Liebe ist absolut empfehlenswert. 

Aber Forget Home ist so viel größer, als dass ich alles aus dem Präsens heraus erzählen kann. Ich brauche die Freiheiten, die ich mir nehmen kann und muss, um die Welt aufzubauen. Das heißt nicht, dass das nicht möglich wäre im Präsens, aber es ist umständlicher, viel umständlicher. Man muss höllisch aufpassen, dass man nicht unnötige Exposition einbaut und den Leser langweilt, weil man die Handlung pausieren muss. Und selbst Kleinigkeiten, wie was während eines Dialoges geschah einzubauen, ist unheimlich unnatürlich. Das ist zumindest das Gefühl, welches ich stets habe beim Schreiben.


Nachteile Präsens, oder doch nicht?

Als ich noch gestern Abend einige Meinungen in Beiträgen im Internet durchgelesen habe, ist mir gleich im ersten „Artikel“ eine Aussage zum Präsens aufgefallen, die ich so nicht unterstreichen kann.

Doch was passiert, wenn der Ich-Erzähler in der Gegenwarts-Zeitform plötzlich bewusstlos geschlagen wird?

Das ist die Fragestellung und die Behauptung, man könne nur die Geschichte abbrechen ab dem Punkt vor dem Schlag, ist quatsch. „Du hast keine andere Wahl, als das Kapitel abzubrechen. Ein Ich-Erzähler kann nicht im Präsens erzählen, wie er gerade bewusstlos geschlagen wird. Er kann das ›Warum‹ und ›Wer‹ erst im Nachhinein dem Leser mitteilen. Und dann läuft man der Gefahr aus, dass es zu sehr nach Exposition klingt.“

Das Beispiel, was die Seite anführt, lautet so:

Beispiel (storyanalyse): Ich sehe ein paar Kerle vor dem Club stehen. Tätowiert und um sie herum schlängeln sich die Rauchwolken. Sie gehören bestimmt zu diesem brutalen Motorradclub, die Passanten einfach mitten auf der Straße –

Aber das ist ja Blödsinn. Und ich zeige auch wieso und was ich in 500.000+ Wörtern Präsens-Schreiben in den letzten 3 Jahren gelernt habe:

Beispiel (von mir): Ich sehe ein paar Kerle vor dem Club stehen. Tätowiert und um sie herum schlängeln sich die Rauchwolken. Sie gehören bestimmt zu diesem brutalen Motorradclub, die Passanten einfach mitten auf der Straße verprügeln. Ich denke mir nichts dabei und versuche einfach mich durchzuquetschen. Doch anscheinend muss mein Gesicht einem der Männer nicht gefallen haben. Ich sehe noch die Faust auf mich zufliegen, da war es schon um mich geschehen. Mir wurde Schwarz vor Augen und die nächsten Erinnerungen sind, wie ich in einer Gosse fernab des Clubs wieder zu mir komme – bis auf die Unterbüchs entkleidet. So ein Scheißtag aber auch.

Was ich damit zeigen will ist, dass man eine Geschichte (und erst recht ein Kapitel) auch nach der Bewusstlosigkeit der Person, aus der die Geschichte in Ich-Perspektive und im Präsens erzählt wird, fortführen kann. Selbst kleinste Sinneseindrücke können noch eingebaut werden. Zwischen dem Punkt, wo er bewusstlos wird und dem Punkt, wo er wach wird, ist sein Gehirn weiterhin aktiv. Man kann auch unterbewusste Sinneseindrücke einbauen (ich sehe nur noch Weiß/Schwarze Schatten etc.) oder ganze Traumsequenzen. Wie auch immer. Dabei sind natürlich kurze Wechsel in der Zeitform gestattet, denn auch der Ich-Erzähler kann in natürlicher Weise von dem Ereignis von eben gerade erzählen – sofern es natürlich rüberkommt.

Ansonsten kein Diss an die Seite, die gute Tipps für Anfänger mit auf den Weg gibt. Alles hat am Ende Vor- und Nachteile, aber man sollte sich, außer bei der Zeitform, nicht zu sehr auf angebliche Vorschriften und Regeln verkrampfen. Wenn es für dich natürlich anfühlt, leicht zu schreiben, angenehm zu lesen und spannend zu erzählen ist Dann hast du genau den Stil und die Form gefunden, die du brauchst zum Schreiben. Egal ob Ich, Er oder Herrgott wer. Und irrelevant, ob bei dir am Ende des Dialogs sagt, sagte oder gesagtet steht. Mach, wie Du Dich am wohlsten fühlst.

Jetzt bin ich müde. Guten Mittag.

 

 

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