by Toshio Riko

Keaton [2]

Nachts

Wastelands

Die Dunkelheit ist unlängst eingebrochen. Seit fast einer Stunde steuert Lloyd den Offroader über abgelegene Straßen oder die Wälder.

»Wir müssten gleich da sein«, sagt er zu Keaton. An den Scheinwerferlichtern huschen verdorrtes Gebüsch und der ein oder andere tote Baum vorbei, ehe sie wieder in der Dunkelheit verschwinden.

Keaton blickt konzentriert nach vorne, versucht den Blick so weit wie möglich werfen zu können.

»Warte …«, flüstert Keaton. Nur für sich selbst wahrnehmbar. Irrt er sich? Er streckt seinen Kopf noch weiter nach oben.

»Lloyd«, sagt er. Zu leise. »Lloyd!«, ruft er nun deutlich lauter.

»Was?!«

»Halt an.«

»Wieso?«

»Halt an und mach den Motor aus.« Mit seinem Blick fordert er Lloyd zusätzlich auf.

»Okay, okay.« Lloyd tritt auf die Bremse und stellt das Auto aus. Doch statt Stille können es nun beide deutlich hören.

»Schüsse«, sagen sie beide beinah synchron zu sich. Sofort startet Lloyd wieder das Auto und gibt Gas.

Über einen Hügel am Waldrand können sie schließlich die Kleinstadt sehen. Lloyd schaltet das Licht aus.

Die Siedlung. Sie haben den perfekten Überblick über alle Häuser hinweg. Das fahle Mondlicht reicht gerade so aus, um die Konturen zu erkennen. Ständig aufhellende Blitze überschatten die Dunkelheit.

»Da hinten, siehst du?«, sagt Keaton. »Da kommen die Schüsse her.«  Mit dem Finger zeigt er direkt auf die Mitte der Stadt. »Das alte Rathaus.«

Lloyd nickt. »Ziemlich viele Mündungsfeuer. Aber ich kann nichts erkennen. Der Blick auf die Straßen ist blockiert.«

Keaton blickt sich um. Er versucht in der Dunkelheit eine bessere Spähposition zu finden.

»Versuchen wir es mal 100 Meter nach rechts. Wir lassen am besten das Auto hier stehen.«

Beide steigen aus und nehmen ihre Gewehre auf dem Rücken mit. Nach wenigen Schritten macht Keaton halt. Seinen Blick hat er ständig auf das Lager gerichtet.

»Hier. Ich sehe Bewegungen dort unten.« Keaton packt sich sein Gewehr und hält sein Auge an das Visier. Der vielfache Zoom ermöglicht ihm, besser zu erkennen. Mit dem bloßen Auge können sie aus der Entfernung noch keine Details erkennen.

»Und, was erkennst du?«, fragt Lloyd.

»Mindestens ein halbes Dutzend Survivor, die sich versteckt haben an der Straße. Ich versuche … Warte. Ich hätte schwören können, eben noch Scheinwerfer von Fahrzeugen gesehen zu haben.« Vorsichtig wandert Keaton mit dem Visier nach oben, um dem Straßenverlauf zu folgen. »Ich glaub, ich spinne.«

»Was?«

»Zwei Humvees der SS-G. Sie haben die Survivors in der Mangel. Sie sind ihnen ausgeliefert.« Keaton schaut sich weiter um. Versucht mit jedem Aufblitzen der Mündungsfeuer was zu erkennen. Dann plötzlich stockt ihm der Atem.

»Was ist denn?«

»Die haben nicht nur angegriffen. Sie haben alle ausgelöscht. Ein riesiger Leichenberg nur 50 Metern vom Rathaus entfernt. Auf einem alten Asphaltplatz liegen mindestens 100 Männer, Frauen und Kinder.«

»Dass die SS-G brutal ist, ist kein Geheimnis. Aber das übertrifft selbst ihre Kaltblütigkeit um Längen.«

Keaton kann kaum aufhören, mit dem Kopf zu schütteln. Er hat schon viel gesehen, seit er beschlossen hat, sich Lloyd als Ranger anzuschließen. Wenn man all die Jahre zu Fuß oder mit dem, was man an Transportmöglichkeit findet, durch die Länder reist, dann sieht man viel. Und all das hat ihn nicht auf diesen Anblick vorbereitet.

»Komm, wir gehen«, sagt Lloyd. Er packt Keaton an die Schulter.

Keaton dreht sich um und blickt Lloyd schockiert an. »Gehen? Wir können doch nicht einfach Nichts tun. Wir müssen ihnen helfen.«

»Du spinnst. Ich riskiere doch nicht mein Leben, um Survivorn zu helfen. Sie sind es, die sich mit der SS-G anlegen wollen und Widerstand leisten. Und uns damit ins Verderben führen. Deswegen sind wir doch nicht Teil von ihnen. Oder hast du das schon wieder vergessen?«

Keaton kann wieder nur den Kopf schütteln. Irgendwo hat Lloyd zwar recht, aber diesmal scheint ihm die Situation anders vorzukommen. Noch nie ist die SS-G so weit von der Schutzzone aus und mit solch einer Härte vorgerückt. Auch die anderen Paramilitärs der abgeschotteten Metropolen haben sich sonst immer mehr verdreckt verhalten. Das hier war ein Überfall, ein aggressiver Frontalangriff. Eine Warnung. Irgendwas geht vor. Keaton wird diesen Gedanken nicht mehr los.

»Hier geht es um mehr, als unsere Feindschaft zu Survivorn. Wir können nicht zulassen, dass die SS-G siegt. Und das tun sie da unten gerade.«

Lloyd ächzt. »Selbst wenn, was sollen wir anrichten? Auf ihre gepanzerten Humvees schießen? Die drehen das MG um und haben leichte Mühe, uns mit Schüssen zu durchsieben.«

Keaton nickt und hebt dem Zeigefinger, als Zeichen zum Warten, hoch. Vom Rücken packt er nach dem Rucksack, stellt ihn auf den Boden und kramt rum.

 »Haste mal ’ne Taschenlampe?«, fragt Keaton.

»Ja, warte … Hier.«

»Danke.«

Beinah mit dem Kopf im Rucksack verschwunden, wühlt Keaton weiter. Dann kommt er wieder hoch.

»Ist es das, für was ich es halte?«, fragt Lloyd.

»Exakt. Mein attachable Granatenwerfer. Geladen, zwei Schuss. Mit dem haben wir eventuell eine gute Chance.«

Seinen selbst modifizierten Granatenwerfer bringt er unter seiner Waffe an und verbindet ein Kabel. »Auf geht’s«, sagt er und läuft schnurstracks drauf los.

»Keaton, warte … Keaton!« Doch der läuft weiter.

»Komm Lloyd, wir haben keine Zeit«, ruft er zurück. Es heißt jetzt oder nie, das weiß Keaton ganz genau. Es ist nur den Hügel hinunter und an einigen Häusern vorbei, dann ist er nahe genug an den Humvees und kann sie flankieren. Er muss aufpassen, dass er beim Laufen nicht über die steinharte und brüchige Erde stolpert. Hinter ihm hört er Lloyd, mit etwas Abstand ihm hinterherhechten.

Sie kommen der SS-G immer näher, die Schüsse des MGs werden immer lauter. An den Häusern, Vernadern und Bürgersteigen liegen vereinzelt erschossene Menschen. Ein kleiner Junge liegt regungslos auf seiner Mutter. Zwei Schüsse in den Rücken des Kindes. Die Arme noch immer umklammert um die junge Frau. Keaton kann den Anblick kaum aushalten. Aber er muss weiter. Keine Zeit zum Trauern.

»Das war kein Außenposten, das war eine einfache Siedlung von Menschen. Das war kein strategischer Angriff«, ruft er zu Lloyd zu, der wieder aufholt.

»Ja. Hier wurden keine Soldaten, sondern Frauen und Kinder, Familien und Schwache einfach ermordet. Das passt eigentlich nicht zur SS-G. Warum sollten sie es auf die Schwächsten abgesehen haben?«

»Finden wir es heraus«, sagt Keaton und zeigt auf die Kreuzung etwa 30 Meter vor ihnen gelegen. »20 Meter nach Links sind die Survivor, und in etwa 30 Sekunden sollten die Humvees den Punkt passieren.«

Lloyd nickt und positioniert sich hinter einer Wand von einem Einfamilienhaus. Keaton packt das Gewehr und aktiviert über einen kleinen Schalter den Granatenwerfer.

Nur noch abwarten, bis das Fahrzeug die Kreuzung passiert. Elendig lang wirken die Sekunden. Nervosität macht sich in Keaton breit. Innerlich hat er viel mehr Angst, dass es schief geht und er sterben könnte, als er nach außen hin je zugeben würde. Schwäche zeigen aber ist nicht.

Dann endlich, die Motorhaube kommt hinter dem letzten Haus an der Kreuzung zum Vorschein. Ein letztes Mal renkt Keaton seinen Nacken ein. Mit dem Durchdrücken des Abzuges ist nur ein leises Pflump zu hören. Ein kurzes Pfeifen des Geschosses, dass sich einen Weg durch die Luft bahnt. Und dann ein Plopp. Von selbst haftet die Granatenkugel am Wagen. Der Zweite Humvee fährt leicht versetzt hinter dem anderen. Sie fahren langsam. Trotzdem wird dieser Schuss für Keaton deutlich mehr abfordern. Er hat am Ende nur noch diesen einen Schuss. Erst Pflump, dann Plopp. Alles gut gegangen. Wenn es drauf ankommt, kann er Nerven aus Stahl behalten.

Ein weiterer Knopf ist an seiner Waffe. Er drückt ihn, hält gedrückt und eine Sekunde später zieht er den Kopf ein für Deckung. Eine Sekunde darauf knallt es höllisch laut, die Schockwelle wirft ihn selbst so weit entfernt noch fast um. Weitere kleine Explosionen folgen.

»Das klingt gut«, schreit Keaton rüber zu Lloyd. Schnell zieht er den Kopf mit einer weiteren Explosion ein. »Okay, rücken wir vor.«

Beide laufen auf die Kreuzung zu. Die Humvees sind komplett zerstört, einen hat es gänzlich in die Luft geworfen und auf dem Kopf gedreht. Feuerbrünste türmen sich auf.

»Jaa, so muss das«, freut sich Keaton.

»Da drüben, da sind sie. Survivor.«

»Lass uns zu ihnen gehen. Sie sind uns ein paar Antworten schuldig. Und noch mehr«, sagt Keaton.

Obwohl sie beide dem Trupp gerade das Leben gerettet haben, halten sie ihre Waffe stets noch bereit zum Abfeuern. Am Ende können sie den Survivorn doch nicht trauen.

»Ihr seid sicher, Leute. Ihr könnt die Deckung aufgeben«, ruft Keaton.

»Das glaube ich nicht«, schallt es zu ihm zurück. Eine weibliche Stimme. Die Person ist noch versteckt. »Das war nur der Anfang.«

»Was?« Keaton dreht sich um. Wie im Schock reißt er die Augen auf. »Fuck. Lloyd«, flüstert er erst. »Lloyd!«, brüllt er schließlich.

»Ich seh’s.«

Am Ende der langgezogenen Hauptstraße, dutzende Soldaten der SS-G. Sie sind nicht mehr versteckt. Ihre Waffen leuchten zum Teil in Hellblau durch die dunkle Nacht hindurch. Das sind keine einfachen Soldaten, das ist eine Eliteeinheit. Nein, das sind mehrere Eliteeinheiten. Und sie kommen direkt auf sie zu.

»Wir sind gefickt«, sagt Lloyd.

»Lauft!«, ruft die weibliche Stimme wieder. Ein Arm winkt sie zu sich. Dann verlässt sie rennend ihre Deckung, flieht in die andere Richtung. Keaton erkennt den Hinterkopf. Doch dafür ist jetzt keine Zeit.