by Toshio Riko

Jesse [5]

Hauptquartier der ESA bei Bern

2175, 11. Juli

Der Bus fährt vorbei an den kargen Landstrichen, hügelige Felder und dahinter türmen sich die Berge. Obwohl sich an dem Anblick kaum etwas seit Stuttgart für Jesse verändert hat, möchte er am liebsten nur noch auf dieses Panorama schauen. Sein ganzes Leben erträgt er die grauen Betonwände der Innenstadt. Diese Ausblicke lösen unglaubliche Euphorie in ihm aus. Wie es erst wird, wenn er das Weltall sehen könnte? Egal was kommt und ob er angenommen wird, dieser Anblick war es ihm definitiv wert. Endlich mal was gesehen zu haben. Und vor allem diese Berge. Bilder kannte er. Schneebedeckt waren sie früher. Heute nur noch Stein. Aber an ihrem majestätischen Dasein haben sie nichts verloren.

»In wenigen Minuten passieren wir die Tore, und sind dann praktisch schon im HQ angekommen«, sagt Karysn vorne im Bus. »Bitte nicht erschrecken, wir werden dann unterirdisch abtauchen und so auch verbleiben.«

»Unterirdisch?«, fragt sich Jesse laut denkend mit einem kurzen Blick zu Wills kurz danach, der selbst aus dem Fenster blickt.

»Verabschiede dich von der Außenwelt. Zurück in einen Käfig», sagt Wills.

»Ist ja nicht so, als wäre es eine neue Umgebung für mich.« Jesse blickt wieder gemeinsam mit Wills auf die Hügellandschaften. Hier draußen, außerhalb der Stadt, da ist der Smog weniger dicht, hier kann die Sonne beinah ungeschützt auf einen herabscheinen. Gut, dass die Scheiben des Busses UV-Geschützt sind und auch gefährliche Radiostrahlung bis zu einem gewissen Grad absorbieren. So wie praktisch alle heutzutage verbauten Glasscheiben. Andernfalls würden wohl alle ständig an einem heftigen Sonnenbrand leiden.

Doch mit einem Schlag verschwindet das grelle Sonnenlicht. Sie sind eingefahren in das im Berg befindliche Hauptquartier der ESA. Hier war es definitiv früher nicht. Das müssen sie erst nach dem Kollaps hier aufgebaut haben.

Sie fahren einen langen Tunnel entlang, die Wände aus nacktem Berggestein. In geschlängelten Linien geht es allnämlich immer tiefer hinab. Dann, nach wenigen Minuten, erreichen sie eine große, in weiß gehaltene Halle. Sie ist riesig, nichts Vergleichbares hat Jesse je gesehen.

Neben dutzend weiteren Bussen kommen sie zum Stehen und alle steigen aus. Karsyn führt alle durch ein großes Tor in der Mitte. Sie führt weiter in schier unendlich lang wirkende Gänge, mit zig Abzweigungen und vielen Türen. Jede Wand ist weiß und leblos, die Lichter erhellen jeden Centimeter. Doch sie laufen nur schnurstracks geradeaus, hin und wieder drängelt sich ein Mitarbeiter an ihnen vorbei. Und nach einiger Zeit erreichen sie das Ende. Vor ihnen wartet nur noch eine Tür.

Karsyn dreht sich zur Gruppe um. »Hier geht es zu unserem Auditorium maximum. Ihr seid die letzte aller Gruppen, sucht euch also einen noch freien Platz. Und später sehen wir uns wieder. Also …«, sagt Karsyn und stößt mit seinem Gehstock die Tür auf, »auf dann.«

Vor Jesse und den anderen offenbart sich der große Saal, ein riesiger Hörsaal. Die meisten Plätze sind belegt. Viele Männer und Frauen haben sich hier eingefunden. Alle reden sie miteinander. Ein Durcheinander der Worte hallt durch den Raum.

»Irgendwo werdet ihr schon noch einen Platz finden«, sagt Karsyn. Langsam geht er die Treppen hinunter und verschwindet anschließend hinter einer kleinen Tür nebst einem Rednerpult.

Jesse und Wills nehmen weit hinten in der letzten Reihe ihren Platz ein.

»Jetzt bin ich aber gespannt«, sagt Jesse.

Noch sprechen alle im Saal miteinander. Doch ein Räuspern lässt alle mit einem Mal verstummen.

»Guten Tag«, sagt der an das Rednerpult getretene Mann. Feinen Zwirn trägt er, sein Anzug glänzt richtig im Licht. »Mein Name ist Antonio Trujillo. Die meisten von ihnen dürften mich nicht kennen, deswegen stelle ich mich kurz vor. Ich bin der Leiter der ESA und begrüße sie ganz herzlich in unserer Einrichtung.«

»Ich kenne ihn«, flüstert Wills Jesse zu.

»Echt?«

»Diese mit Kilo von Gel nach hinten gestylten Haaren, die würde ich nie vergessen. Früher war er Teil der Direktor für Ingenieurwesen und Technik.«

»Sie fragen sich bestimmt schon«, setzt Trujillo seine Rede fort, »was genau sie hier eigentlich machen und warum wir sie überhaupt eingeladen haben.«

Viele Gesichter beginnen zu nicken.

»Ich werde nicht groß ins Detail gehen, dafür ist Karsyn zuständig. Aber ich kann ihnen schon mal so viel verraten. Es geht um nichts Weiteres, als um die Rettung der Menschheit. Sie alle hier erhalten die einmalige Chance, sich als Raumfahrer für die ESA zu qualifizieren in dem mit Abstand fortschrittlichstem und größtem Projekt der Raumfahrtgeschichte jemals. Näheres dann gleich. Vorab danke ich Ihnen für Ihr Interesse und appelliere direkt hier an ihren Mut. Denn den werden sie brauchen.«

Während Trujillo noch spricht, tritt Karsyn wieder hervor.

»Dieser Mann hier hat das Projekt die letzten drei Jahrzehnte gleitet. Sie sehen also, wir sind schon bedeutend lange am Werk.«

Jetzt tritt Trujillo wieder zurück vom Rednerpult und überlässt Karsyn das Wort.

»Project Home«, sagt er mit erhobener Stimme. Sein Finger zeigt auf die Wand hinter ihn. Es erscheint das Gesagte in Schriftform. In sehr großen Buchstaben: HOME.

»Das ist der Grund, warum sie alle heute hier sind. Und ich habe jetzt nur eine Bitte an sie: Überlegen sie es sich gut, ob sie wirklich meinen, den Mumm dafür zu haben, hier dran teilzunehmen. Es ist ihre letzte Chance, zu gehen.«

Karsyns Blick streift langsam durch den Raum. Er scheint jedem Einzelnem ganz genau in die Augen zu sehen, sie zu studieren. Plötzlich huscht sein Kopf bis an dem Ende des Saals.

»Und wie sollen wir das machen?«, fragt einer der Anwesenden mitten aus der Stille heraus.

»Es ist ganz einfach …« Beide blicken sich kurz gegenseitig in die Augen. »Wie heißt du denn?«

»Chester. Aber einfach finde ich das absolut nicht.«

»Doch. Entweder hast du den Mut dazu, dich in eine dir völlig unbekannte Mission zu stürzen. Oder du bist nicht für unser Team geeignet und solltest jetzt auf der Stelle den Saal verlassen. War das einfach genug?«

Chester nickt und zieht sich auf seinen Platz zurück.

Jesse beobachtet den anderen Teilnehmer. Einige fangen an, verunsichert zu wirken. Er kann es ihnen nachsehen. Lügen müsste er, würde er das Gegenteil von sich behaupten. Wills hingegen, der wirkt wie die Ruhe selbst.

»Bist du denn gar nicht beunruhigt über das, was uns erwartet hier?«, flüstert Jesse vorsichtig zu ihm zu.

Wills schüttelt bedacht den Kopf und grinst.

Es vergehen Sekunden für Sekunden, einige tuscheln, trauen sich aber nicht, das Wort zu erheben. Auf der einen oder anderen Stirn tropft der Angstschweiß hinunter.

Es dauert, bis sich der erste junge Mann erhebt. »Ich mache da nicht mit.« Er packt seine kleine Tasche, wirft sie auf den Rücken und quetscht sich an den anderen Leuten in der Reihe vorbei.

»Noch jemand?«, fragt Karsyn.

Langsam erheben sich immer mehr, vorsichtig und umsichtig, aber mit immer größerem Tempo. Sie alle gehen schließlich Richtung Ausgangstür. Irgendwann scheint auch der Letzte die Flucht geschlagen zu haben und die übrigen Verbliebenden bleiben sitzen. Jesse hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, sich den anderen anzuschließen. Aber zu verlockend klingt die Chance, doch tatsächlich echter Raumfahrer zu werden.

»Nun gut, ich habe insgesamt etwa 20 Leute gezählt, die uns nun verlassen werden. Das ist bedauerlich, aber wir haben in etwa diese Zahl einkalkuliert. Wir brauchen niemanden, der an uns, der Mission oder sich selbst zweifelt. Da wir das nun hinter uns haben, kann ich mit der Einteilung der jeweiligen Gruppen, in denen ihr eure ersten sechs Wochen hier verbringen werdet.«

Karsyn blättert in seinen Zetteln am Pult. Jesse betet innerlich, dass er mit Wills zusammengepackt wird. Sie kennen sich noch nicht lange, aber etwas in ihm sagt ihm, dass er nicht mehr von seiner Seite weichen sollte.

»Ich beginne nun bei Gruppe 1-A«, führt Karsyn fort, »und nenne jeweils sieben Namen. Also … Gruppe 1-A besteht aus Hamish Clark, Calum Wong, Ellen Cooper  … «

 

Es vergeht viel Zeit, in der Karsyn mit ruhiger Stimme und ohne jede Emotion Namen für Namen von der Liste vorließt. Jesse versucht jeden Gedanken an die verstrichene Zeit zu vermeiden und auf keinen Fall Alula zu fragen. Er weiß, wenn er anfängt, Sekunden zu zählen, fühlt sich die Ewigkeit noch viel länger an.

»Und nun zur letzten Gruppe, H-9 . Wills Sorell, Kayleigh Robbins, Leo Mcdowell, Brendan Duran, Dale Parsons, Margie Mcgee und Jesse Kazuki.«

Jesse fällt ein Stein vom Herzen. Er hat sich nicht geirrt. Wills nicht überhört. Sie sind in einer Gruppe.

Wie die anderen tun sie sich mit den übrig Genannten in eine Gruppe zusammen und warten auf weitere Anweisungen. Karsyn lässt nicht lange auf sich warten.

»Jetzt, wo ihr alle in eure Gruppen, in denen ihr die kommenden sechs Wochen verbringen werdet, zusammensteht, bitte ich jede Gruppe, die ich nun aufrufe, gemeinsam zum Ausgang zu gehen. Ihr alle erhaltet einen dezidierten Mitarbeiter der ESA, der euch die Zeit begleiten wird. Und am Ende dieser Zeit werden wir uns für exakt 12 Rekruten entscheiden müssen.«

Und wieder beginnt eine Aufruf-Orgie, und langsam verschwinden die Grüppchen. Eine nach der anderen. Bis wieder nur die von Jesse und Wills übrigbleibt.

»Gruppe H-9, ihr werdet die Freude mit mir haben. Bitte folgt mir zum Ausgang. Wie die anderen werden wir uns nun einen kleinen Raum suchen, in dem ich euch in Ruhe und Detail alles zur Mission erzähle.«

Endlich. Die Neugier macht Jesse beinah mehr fertig, als die Nervosität auf das, was ihn noch erwartet könnte.

Sie warten auf Karsyn, der langsam die Treppen des Hörsaals hochwandert. Dann folgen sie ihm langsam zurück durch die unzähligen Gänge.

Einige Abbiegungen weiter machen sie halt vor einer der vielen, unscheinbaren Türen. A-223 steht auf ihr geschrieben.

»Bitte, tretet ein und sucht euch einen Platz«, sagt Karsyn.

Ein einfacher, gewöhnlicher Raum. Wirkt wie ein umgebautes Büro. An einem Ende ein Schreibtisch. Davor verteilt sind Stühle. Zehn an der Zahl, für die sieben Personen die sie sind.

Sechs Wochen. Das ist nicht viel Zeit, denkt sich Jesse. Wie soll er da überzeugen? Fast alle Anwerber sind älter, deutlich älter als er. Und haben sicherlich, wie Wills, auch irgendwie vorher Erfahrungen gesammelt, die sie qualifizieren. Für was auch immer die ESA plant.

»Also«, beginnt Karsyn auf seinem Gehstock abstützend, »bevor ich euch endlich von dem Projekt Home mehr erzählen kann, müsst ihr noch diesen Wisch hier unterzeichnen. Mit guter, alter Tinte.«

Karsyn reicht die Blätter an einen der Gruppenmitglieder, die ganz vorne sitzen. Jesse hält sich lieber noch verdeckt, hier hinten im Schutz.

Als Wills ihm als letzter Zettel samt Stift reicht, liest er sich die Worte sofort durch. Eine Einverständnis- und Verschwiegenheitserklärung. Er darf niemals zu jeder Zeit zu niemanden ein Wort zu dem Vorhaben der ESA erwähnen, steht hier. Er verpflichtet sich der ESA uneingeschränkt, dauerhaft und ohne Widerruf. Es klingt, als würde er sich wie ein Objekt verkaufen. Aber die meinen es ernst. Was auch immer Home für ein Projekt ist, es ist riesig. Und sie wollen um keinen Preis, dass Details an die Außenwelt kommen. Aber wieso? Jesse kommen auf jede Frage nur noch mehr Unklarheiten auf. Hoffentlich klärt sich alles gleich.

Den Rest des Textes überfliegt er zügig und setzt an die benötigten Stellen seine Unterschrift. Er ist nicht so weit gekommen, um jetzt den Schwanz einzuziehen.

Kurz darauf lässt Karsyn die Zettel wieder einsammeln und geht jedes Blatt aufmerksam durch.

»Hm, okay. Sehr gut, alle sind einverstanden und haben unterschrieben. Dann mache ich es kurz: Das ist Project Home.«

Hinter sich zieht Karsyn eine Leinwand hinunter. Auf ihr geschrieben ist eine Formel. Mehr nicht. Nur eine Formel. Jesse ist ratlos. Er versteht nicht mal den Sinn hinter der Formel, wie soll er überhaupt hier eine Chance haben. Und wieso wurde er überhaupt angenommen, um sich als Rekrut zu beweisen. Diese Frage brennt ihm am meisten auf den Lippen.

»Ich fasse es nicht«, flüstert Wills.

»Was denn?«, fragt ihn Jesse vorsichtig.

»Das ist eine Formel für einen … Ich glaube es nicht, dass ich es sage, aber das ist Formel für einen Warpsprung. Wenn auch deutlich abgeändert.«

»Du meinst … Wie in den alten Science-Fiction Filmen?«

»Ja … «, sagt Wills und zuckt mit den Schultern, »so in der Art.«

»Seit drei Jahrzehnten,« führt Karsyn fort, »arbeitet die ESA mit allen Mitteln die wir besitzen daran, den Sprung durch Raum und Zeit zu ermöglichen. Mit dieser von mir verfassten Formel ist es möglich, mit einer vergleichbar geringen Menge exotischer Materie, negative Energie zu erzeugen, ein gesamtes Raumschiff von Punkt A nach Punkt B zu transportieren.«

Einer der Teilnehmer beginnt ungläubig zu lachen.

»Was ist so lustig, Mcdowell?«

»Nun«, sagt der stämmig gebaute Mann, »das ist ja alles schön und gut. Aber wieso zum Teufel sollten wir einen Raumzeitsprung wagen? Welchen Sinn gibt es dafür?«

»Gute Frage, die sich gleich klären wird, wenn sie aufmerksam zuhören würden, statt sich zu belustigen.« Karsyn scheint schnell aufgebracht zu sein, wenn jemand ihn hinterfragt oder unterbricht. »Wir machen das hier nicht aus Spaß. Und Durchbrüche in der astrophysischen Forschung bringen uns heutzutage leider auch keinen Nobelpreis mehr ein. Es geht hier um nichts Geringeres als um die Rettung der Menschheit.«

»Stopp.« Mcdowell unterbicht Karsyn erneut. »Die Rettung unserer Spezies? Wie hilft uns da ein Sprung durch Raum und Zeit? Ich dachte eher daran, dass wir hier eine Problemlösung erarbeiten, um gegen das Octri-Gas vorzugehen.«

»Wenn sie mich noch einmal unterbrechen, Leo Mcdowell, dann werden sie ausgeschlossen. Wenn sie Fragen haben, stellen sie diese am Ende meiner Ausführungen. Danke.«

Mcdowell schweigt, verschränkt die Arme und lehnt sich in den Stuhl zurück.

»Gut. Um also auf diese unerwünscht gestellte Frage einzugehen. Nein, wir erarbeiten keinen Plan, die Erde zu retten. Sie ist nicht zu retten. Glauben sie nicht, wir hätten hier und an anderen Stellen im Auftrag der zentralen Weltregierung nicht an Techniken gearbeitet, um Herr über das Octri-Gas zu werden. Es ist nicht zu entfernen, es bleibt in der Ozonschicht und in der Atemluft bestehen. Es löst sich nicht auf. Es verflüchtigt sich nicht. Wir haben vor über einem Jahrhundert etwas aus dem Inneren des Erdmantels hervorgeholt, was dort nicht ohne Grund war. Denn es hat hier oben an der Oberfläche nichts zu suchen. Und um trotzdem so viele Menschen wie möglich zu retten, mussten wir nach einer Alternative suchen. Und die besteht nur darin, einen Planet B zu besiedeln. Ein Planet, der unserem exakt ähnelt. Seit ganzen zwei Jahrhunderten hat die Menschheit nach solch einem Planeten gesucht. Und scheinbar potentielle Kandidaten haben sich in unseren Forschungen als unbrauchbar erwiesen. Bis wir vor 12 Jahren HD 123-325 e fanden. Wir tauften ihn Elpis, nach dem griechischen Gott der Hoffnung. Vorteil, er ist ohne Zweifel unserer Erde beinah identisch. Gleiche Masse, gleiche Gravitation. Wasser und Sauerstoff ist vorhanden, ebenso wie Landmassen. Wie die Vegetation aussieht und ob dort gar Säugetiere leben, gilt es herauszufinden. Doch Elpis ist ohne Zweifel unsere einzige Hoffnung. Und um mehr über diesen Planeten herauszufinden, kommt ihr und die anderen Anwerber ins Spiel. Wir bauen eine Crew auf, die nicht nur den ersten Exoplaneten betreten werden, sondern auch den überhaupt ersten Warp-Sprung wagen.«

Ein Finger wandert nach oben. Langsam und vorsichtig. Es ist die Hand der einzigen Frau in ihrer Gruppe. Dann noch eine Hand. Und noch eine. Jesse schaut umher. Tief atmet er ein, um anschließend auch seine Hand zu heben.

»Gut, ich sehe, ihr habt jetzt die ersten Fragen. Bitte denkt daran, ich werde nicht allzu sehr ins Detail gehen. Viele weitere Infos folgen noch die kommenden Tage und Wochen … Sie als erstes, Margie Mcgee.«

»Danke«, sagt die Frau. »Ich habe nur eine Frage und die bezieht sich auf den Wisch, den wir eben unterzeichnet haben.«

Karsyn nickt.

»Warum darf denn Partout nichts an die Außenwelt gelangen? Schließlich versuchen wir hier, die Welt zu retten. Müsste das nicht Anlass genug zu sein, es den Menschen zu erzählen?«

»Danke. Also, es ist ganz einfach. In der Bevölkerung würden wir auf kein Verständnis stoßen, dass wir als ESA an einer Weltraummission tüfteln, statt die Probleme auf der Welt hier anzugehen. Außerdem würde Panik ausbrechen, weil viele Angst hätten, zurückbleiben zu müssen. Auch wenn es unser Ziel ist, in den kommenden zwanzig Jahren bis zu 1,5 Milliarden Menschen über große Raumstationen an ihren neuen Heimatplanet zu bringen. Ein hochgestecktes, aber machbares Ziel. Es geht hier nur um die Sicherheit der Mission und der Menschen draußen, in den Mega-Metropolen. Die nächste Frage dürfen sie stellen, Brendan Duran.«

»Sekunde«, sagt Margie und funkt dem anderen Fragesteller dazwischen. »Erklärt sich dadurch, warum wir keinen Empfang mehr haben über unseren ANN-Chip? Ich wollte nämlich vorhin eine Nachricht abschicken an einen Freund, was nicht ging.«

»Okay, Margie. Das nächste Mal bitte die Frage zusammenfassend stellen, ja? … Ja, es stimmt. Wir haben hier für sie den Empfang zur Außenwelt abgeschirmt, nur um eine Nummer sicher zu gehen. Wem das nicht passt, der darf auch jetzt noch gehen und dann seinen Freunden Nachrichten zukommen lassen. Oder ihr beißt euch die Zähne zusammen, denn wenn euch das schon zu viel ist, dann seid ihr ebenso wenig für die Mission gemacht.

»Nein, alles gut«, sagt Margie etwas zögernder und kriecht auf ihren Stuhl zurück.

Jesse schluchzt. Das trifft wie ein Schlag. Ganze sechs Wochen nicht einmal Mika kontaktieren. Hätte er das geahnt … Ach, was macht er sich vor. Es tut ihm im Herzen weh, sie alleine zu lassen, aber er muss es einfach schaffen hier.

»Nun denn, Brendan Duran, ihre Frage jetzt.«

»Meine Frage ist mehr auf die Mission an sich bezogen«, sagt Duran. Ein dunkelhäutiger Mann mit bassiger Stimme. »Wenn wir die ersten sind, die solch einen Flug wagen, sind die Wahrscheinlichkeiten für einen … sagen wir Unfall, nicht ziemlich hoch? Also wie hoch ist das Risiko, dass wir, grob gesagt, dabei draufgehen? Dass das kein Zuckerschlecken wird, wussten wir alle schon durch vorhin. Aber das klingt mehr als riskant.«

Zustimmung wandert durch den Raum. Jesse teilt die Bedenken, wenngleich er bisher noch gar nicht darüber nachgedacht hatte.

»Hoch«, sagt Karsyn trocken.

»Wie hoch?«, fragt Duran bissig hinterher.

»Wenn ich es an einer Prozentzahl festhalten müsste, dann würde ich 70 sagen.«

Jesse blickt zu Wills. Der zieht nur eine Schulter hoch, als wäre das nichts. Nur eine siebzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Mission glückt.

»70 Prozent, dass sie sterben«, fügt Karsyn hinzu.

Jesse muss schlucken. Und auch bei Wills verschwindet die Sorglosigkeit im Gesicht.