by Toshio Riko

Mika [2]

Stuttgart, ST-1-M

2175, 23. August

Der trübe Nebel des Tages verzieht sich. Ein lauwarmer, fast kühler Wind zieht auf und der Duft der frischen Luft dringt sogar durch die Maske. Die Laternen erhellen die graue Häuserlandschaft. Nur noch wenige streunen durch die Straßen.

»Komm, hier lang. Wir müssen ein paar Umwege gehen, bis wir an unser Ziel ankommen«, sagt Cray. Immer wieder richtet er sich seinen Rucksack auf dem Rücken, den er schon in ihrer Wohnung dabeihatte und immer noch rumschleppt.

Durch die Seitengassen entlang, entfernen sich die beiden langsam von den offiziellen Straßen. Hier, wo kaum noch Licht erstrahlt und sonst keine Menschenseele sich entlang wagt. Dass gerade Cray hier keine Angst hat vor der Gesetzeslosigkeit, die sich so an mancher Gasse herumtreibt, wundert Mika am Ende nicht. Schließlich ist er die Gesetzeslosigkeit in Person. Natürlich ist es nicht verboten, sich Abseits der Straße aufzuhalten. Aber alleine würde sich Mika hier als Frau nicht hin trauen.

Noch immer hat Cray ihr nicht verraten, wo es jetzt eigentlich hingehen soll. Für ein Gespräch. Muss man wirklich so weit laufen für ein einfaches Gespräch? Und wozu der anscheinend schwer bepackte Rucksack, den er sich immer und immer wieder zurechtrichtet. Da hätte es wohl ein wenig Musik und ein Glas Schnaps in ihrer Wohnung auch getan. Aber was solls. Versprochen ist versprochen. Sie hält wenigstens ihr Wort, nicht so wie andere Personen, an dessen Namen sie gar nicht mehr denken möchte.

Langsam verschwinden die grauen Häuserfassaden im Hintergrund. Es folgen alte, abrissfällige Wohnhäuser aus der alten Zeit. Auf der nördlich- und östlichen Seite der Stadt, da leben die, die das Geld hatten. In den modernen Einfamilienbauten. In eigens abgeriegelten Ortschaften, wo man als normaler Mensch ohne Mittel gar nicht gerne gesehen wird. Als Kollaps-Kind wie Mika erst recht nicht. Sicherlich waren ihre Eltern wohlhabend, aber man brauchte schon sieben- oder besser noch achtstellige Summen, um sich in den Bezirken ein Heim leisten zu können. Aber da will Mika gar nicht hin, was will sie unter den Schmarotzern? Sie wüsste nicht, ein Leben dort zu führen. Ihr Mega-Komplex, das ist ihre Heimat, ihre Familie. Stuttgart-Mitte, ihre Nationalität.

Der lange Marsch führt sie aber aus Mitte heraus, hinein in den nach Uhlbach benannten Bezirk. Hier, wo nur die leben, die gar keine Mittel hatten. Gesetzeslos sind. Oder vom Strafgericht verstoßen. Und jeder, der damals keinen Platz mehr bekam. Und je näher man an die Mauer kommt, die ganz Stuttgart und Umgebung umrundet, desto menschenleerer wird es. Und dunkler.

Mika kann die monumentale Mauer aus reinem Beton schon sehen. Vor ihr nur noch trockene Erde und Schutt. Der Blick von rechts nach links reicht mindestens einen Kilometer. Die Mauer ist gut beleuchtet, es gibt Wachtürme. Die SSG hat immer dafür gesorgt, dass hier alle sicher sind. Aber raus gehen darf auch keiner. Nicht, dass Mika das je gewollt haben würde. Hinter ihr nur noch der entfernte Blick auf die Skyline von Stuttgart, wo sich Komplex an Komplex reiht.

Langsam wird ihr unwohl. Am Tage hat sie schon mal hier Ausflüge gemacht. Bei Nacht auch mal gefeiert. Mit guter Gesellschaft. Wo man mal in Ruhe das machen kann, was die SSG nichts angehen soll. Aber nur mit Cray alleine, und der Mauer, der sie immer näherkommen. Langsam reicht es ihr.

»Cray, wo gehen wir hin? Verrat es mir endlich, oder ich gehe kein Stück näher an die Grenze.«

Er bleibt stehen und dreht sich um. Die Taschenlampe leuchtet er knapp unter ihr Gesicht.

»Vertrau mir einfach, du wirst es nicht bereuen.«

»Ich will nichts von Vertrauen hören, ich will wissen, wohin du mich bringst. Ich dachte, hier geht vielleicht irgendwo eine kleine Underground-Party bei den Obdachlosen, aber danach sieht es nun wirklich nicht aus. Also, wenn du reden willst … Dann jetzt. Hier.«

Cray seufzt einmal laut und deutlich. »Also gut«, sagt er und zeigt auf einen Punkt an der Mauer, »siehst du diesen langen, dunkeln Abschnitt an der Mauer? Er ist unbewacht, es gibt keine Kameras und die Patrouillen sind dort auch so gut wie nie aufzufinden. Und dann etwas davor steht ein altes Haus. Es ist im Dunkeln, aber man kann ein wenig durch den Mondschein die Silhouette erahnen. Dort führt ein Tunnel auf die andere Seite. Und der Rest … wird dich überzeugt haben, sobald wir dort sind.«

Keine Chance, denkt sich Mika. Sie würde am liebsten die Hand erheben und Cray direkt eine klatschen. Eigentlich hätte sie es sich ja denken können. Gott, wie konnte sie nur so naiv sein.

»Vergiss es«, pöbelt sie wild mit ihrer Hand fuchtelnd. »Ich wusste, du bist ein Arschloch.«

»Sorry, dass ich dir nicht sofort die Wahrheit gesagt habe, Mika.« Er legt eine Denkpause ein.

»Du elendiger Wichser«, zischt Mika, »wenn ich erwischt werde, könnte ich im Gefängnis landen.«

»Es tut mir leid, aber du wärest nie mitgekommen, wenn ich dir von Anfang an die Wahrheit gesagt hatte.« Der Schein der Taschenlampe wandert nach unten auf den Boden gerichtet. »Der Ort, den ich dir zeigen will, ist einfach das Schönste, was du in deinem Leben je gesehen haben wirst. So etwas gibt es hier in Stuttgart nicht. Bitte, vertrau mir. Ich war dort schon hunderte Male. Seitdem ich ein Jugendlicher bin, um ehrlich zu sein.«

Mika schlägt die Hände ins Gesicht. Das kann doch nicht wahr sein. Sie will nicht so naiv sein. Aber sie vertraut ihm ja am Ende doch. Vor allem, dass sie ihm nichts antun würde und keiner Gefahr aussetzen. »Also gut, du kleiner Penner«, sagt sie mit scherzendem Unterton.

»Danke, du wirst es wirklich nicht bereuen. Komm, wir haben es bald geschafft.

Es folgen zehrende Minuten über die verkrustete Erde. Am Ende wird Mika nicht die Angst los, je näher sie dieser Mauer kommen. Sie mag zwar schon verbotene Sachen getan haben, hauptsächlich Drogen nehmen. Und sie kennt die Strafe, die dafür auf dem Plan steht. Fünf Jahre, laut § 40 des neuen Strafgesetzbuches. Aber das Entfernen aus der Schutzzone? Sie weiß nur, man darf es nicht. Unter keinen Umständen. Aber bisher hat sie die Strafe dafür noch nie beschäftigt, weil sie ja noch nie einen Gedanken daran verschwendet hat, jemals diese Mauer zu überqueren.

Sie stehen vor dem wohl am besten aussehenden Hause, von all denen, die hier wie verfallene Ruinen herumstehen. Cray öffnet die schiefhängende Tür. Duster ist es im innerem. Mit der Taschenlampe leuchtet Cray im Gebäude herum, strahlt verschiedenste Überbleibsel der alten Generation an, die hier vor dem Kollaps zurückgelassen wurden. Alles voller Schmutz, Dreck. Der Holzboden ist zum größten Teil verfault und zerbrochen.

»Hier, in der alten Küche«, sagt Cray und leuchtet Mika den Weg.

Nur schwer kann sie erahnen, wie die Menschen früher gelebt haben. Von dem, was man so hörte oder im Internet gelesen hat, scheint das hier das zu sein, was wohl ein typisches Einfamilienhaus gewesen ist.

»Öffne den Kühlschrank«, sagt Cray.

Vorsichtig tritt sie an ihn heran. Durch das reflektierende Licht der Taschenlampe kann Mika ein Foto erkennen. Es hängt, zwar schon vergilbt und mit den Spuren der Zeit versehen, an der Tür des Kühlschrankes. Aber man kann noch alles erkennen. Eine Familie, sie sieht glücklich aus. In einem Garten stehend lächeln sie gemeinsam in die Kamera. Vater und Mutter, etwa 40 Jahre alt, zwei kleine Kinder. Mädchen und ein Junge. Sie 6, er etwa 12. Ob das wohl ihr Garten in diesem Haus war? Es sah so friedlich aus, findet Mika. Grüne Wiesen, kleine Büsche. Ein paar Blumen. Die Sonne lächelt mit.

»Was für ein schönes Leben das gewesen wäre, so ganz ohne Sorgen«, sagt Mika.

»Hätten sie mal nicht unsere Ozonschicht mit dem Octri-Gas verpestet und in dieses Chaos gestürzt.«

Genug von der Vergangenheit geträumt. Mika öffnet die Tür. Statt das Innenleben eines Kühlschrankes, entpuppt sich ihr ein riesiges Loch in der Wand direkt dahinter. Das muss der Eingang zum Tunnel sein.

»Ich gehe gleich vor, du bleibst direkt hinter mir. Mach dir keine Sorgen, die Leute damals haben sich große Mühe gegeben, dass der Tunnel nicht einstürzt.«

»Wer waren die denn, die den Tunnel gebaut haben? Und wofür?«

Cray zuckt mit den Schultern. »Hm, ja. Gute Frage. Das weiß ich auch nicht. Hm. Na ja, also was ich weiß, ist, dass du es nicht bereuen wirst. Es sind auch nur ein paar Leitersprossen. Let’s go.«

»Yo ho, let’s go«, murmelt Mika weiterhin skeptisch.

Zuerst duckt sich Cray in den Kühlschrank und verschwindet langsam in dem Loch nach unten. Als Mika seinen Kopf verschwinden sieht, folgt sie. Sie blickt hinab, bevor sie die Leiter besteigt. Sieht Crays Taschenlampenschein im Dunkeln untertauchen. Ein Kloß bleibt in ihrem Halse stecken. Sie macht es wirklich. Sie zieh das jetzt durch, oder nicht? Zurückgehen wird sie sicherlich auch nicht und sie bleibt dabei. Ein Versprechen ist ein Versprechen.

»Kommst du, Mika?«, ruft Cray nach oben.

»Ja, bin auf dem Weg«, sagt Mika und schluckt ihren Kloß herunter.

Unten sieht sie durch die Taschenlampe den langen Tunnel vor sich. Doch das Ende ist bei weitem nicht zu erkennen. Das Licht verliert sich in der Dunkelheit.

»Wie lang ist es bis zum Ausgang?«, fragt sie.

»Kaum die Rede wert. Nach etwa 100 Metern haben wir die Mauern passiert. Und dann geht’s auch schon wieder hoch. Komm, folg mir.«

Mika nicht. Es geht vorbei an der ausgetrockneten Erde, die mit einer Vielzahl an Stützbalken in Position gehalten wird. Breit ist er nicht, der Gang. Mika kann sich gerade so mit ihren Armen am Körper gepresst ohne Probleme daran vorbeibewegen. Aber bis zur Decke hat sie noch gut zwei Köpfe Platz. Es muss eine Ewigkeit gedauert haben, dass hier im Schutze der Dunkelheit und ohne Aufsehen zu erwecken, zu bauen.

Cray hat es ziemlich eilig, ständig stößt er mit seinem Rucksack gegen die Stützbalken und schnauft kurz laut auf.

»Gleich geschafft«, sagt er.

Jetzt kann Mika die Leiter endlich sehen. Cray steigt ohne zu zögern auf die erste Sprosse. Mika wartet kurz. Auf dem Boden liegt ein kleines, längliches Stück Holz, auf dem sonst nur aus Erde bestehendem Boden.

Mit aller Kraft zieht sich Cray mit dem Rucksack die letzten gut fünfzig Zentimeter nach oben. Erst als sein Oberkörper nicht mehr im Weg ist, sieht Mika, wieso. Die letzte Sprosse der Leiter, sie fehlt einfach. Sie streckt ihren linken Arm so weit es geht nach oben und greift an den Rand des Ausganges. Erst jetzt merkt sie, wie wenig Kraft sie eigentlich in den Armen hat.

»Komm, ich helfe dir«, sagt Cray und packt ihren anderen Arm, um sie mit vereinten Kräften hochzuziehen. Vor ihr offenbart sich eine kleine Lichtung an einem See. Einen See, den sie noch nie in ihrem Leben zuvor gesehen hat. All die alten Flüsse und Bäche, die durch Stuttgart verliefen, sind ausgedörrt. Und hier soll auf einmal ein See sein?

Die Nacht ist sternenklar und am Himmel schimmert ein fast voller Mond über dem Firmament. Ihre Augen haben sich schon an die Dunkelheit gewöhnt. Das schwache Licht reicht aus, um zu erkennen, dass das hier nicht nur ein See ist. Schilf und Rohrkolben, Binsen und anderes kleines Gewächs wuchert regelrecht um ihn herum. Gute 100 Meter auf der anderen Seite des Ufers beginnt ein Wald. Dort, wo das grün gedeihende Gewächs in unfruchtbares Gebiet übergeht, wo die Bäume kaum bis keine Blätter mehr tragen. Links und rechts entspringt dem See ein Fluss, der bestimmt auch noch gute 50 Meter breit ist und dem Verlauf der Mauer folgt.

»Das ist ja … «, stammelt Mika. Völlig beeindruckt von dem Ausblick.

»Hab‘ ich zu viel versprochen? Hier, in der freien Fläche am Ufer können wir uns hinsetzen«, sagt Cray.

Direkt vor dem stillen Wasser nehmen sie beide auf dem saftig grünem Gras Platz. Das Gefühl von Gras zwischen den Händen. Echtem Gras, nicht dieser Kunstrasen wie in den Innenhöfen. Sie mag es kaum beschreiben können. Im Wasser spiegelt sich der Schein des Mondes. Auch der ein oder andere Stern ist zu sehen, wie er flackert. Sie flackern, nicht weil sie brennen, sondern weil ihr Licht durch Unruhen in der Atmosphäre unterschiedlich gebrochen wird. Szintillation, sagte Jesse, heiße das … Jesse … Ihre Stimmung kippt wieder, kaum wo sie an ihn denken muss. Sie ächzt.

»Was ist denn, Mika?«, fragt Cray.

»Es ist nur …«

»Du hast an Jesse gedacht, oder?«, unterbricht Cray sie.

»Ja«, seufzt Mika.

»Schon okay. Ich bin ja auch nicht mir dir hier, um ihn zu vergessen. Ich wäre ziemlich naiv zu glauben, dass ich das schaffen kann. Aber zumindest wollte ich mal, dass du auf bessere Gedanken kommst.«

Mika muss zugeben, der Ausblick hier, im Hintergrund den ungestörten Sternenhimmel zu sehen, den Teich mit all seiner Flora. Auch wenn ihre Nase leicht kitzelt.

»Ich … Ich weiß nicht«, stottert Mika, »ich weiß nicht, wie ich das verkraften soll, ohne ihn. Verstehst du, Cray?«

Stillschweigend seufzt er. Sehr leise, so als solle Mika das nicht mitkriegen. Tut sie aber.

»Jesse war für mich mehr als einen Menschen, den ich liebte. Er war der Anker, an den ich mich festhalten konnte. Wenn ich mal wieder abdriftete, so wie letzte Nacht. Seit ich ein kleines Kind bin, kenne ich ihn. Er war immer da. Hat mich immer aufgeheitert. Hat mir versprochen, mich nie alleine zu lassen. Hörst du?« Mikas Stimme wird lauter. »Nie, hat er gesagt. Niemals, hat er mir versprochen. Und jetzt? Jetzt ist er in … diesem verdammten Bern und genießt da sein Leben. Und ich bin ihm einfach nicht mehr wichtig genug.«

Mikas erboste Stimme schwankt immer weiter in Richtung Verzweiflung. Sie ist den Tränen nahe. Mit einem Ruck steht sie wieder auf und in den erdigen Boden, die Krümel fallen in den ruhigen See und erzeugen viele, kleine kreisrunde Wellen.

»FUCK«, brüllt sie in die stille Nacht hinein. »FICK DICH, JESSE. FICK DICH EINFACH!« Wut und Trauer vereinen sich in ihrer Stimme. Die Tränen kann sie längst nicht mehr zurückhalten.

Cray setzt sich ebenfalls auf und umarmt Mika einfach.

»Warum hat er das getan, Cray? Warum?! Warum meldet er sich einfach nicht?«, schluchzt sie.

»Ich weiß es nicht.« Vorsichtig streichelt Cray ihr über den Rücken. Zum ersten Mal seit Jesse weg ist, fühlt sich Mika wieder geborgen. Geborgen und sicher. Es gibt ihr ein unglaublich gutes Gefühl, sich an jemandes Schulter auszuheulen. Diesen Druck mal richtig rauszulassen.

Langsam öffnet sie wieder ihre durchnässten Augen. Links sieht sie noch leicht verschwommen den See, mit all den Reflektionen des Nachthimmels. Und rechts von ihr, der kleine Trampelpfad, der entlang der Mauer führt. Erst in weiter Entfernung, da strahlt wieder ein Licht auf die Außenseite der Mauer und erhellt die Natur. Dort hinten, auch wenn der Fluss dort entlangläuft, ehe er im Wald verschwindet, wirken die Pflanzen bereits brauner und ausgetrocknet. Als könne die Natur nur an dieser Stelle überleben. Immer noch kitzelt ihre Nase, es wird immer schlimmer.

Sie hält Cray fest in den Armen und nutzt den Halt, den sie geboten kommt. Bis sie im Schein des Flutlichtes in der Entfernung etwas wahrnimmt. Sie kann es kaum erkennen, ihre Augen sind noch voll von Tränen. Einmal kräftig wischt sie sich mit der Hand über die Linsen. Dann sieht sie es eindeutig.

»Cray … «, murmelt sie und wendet sich vorsichtig von ihm ab.

»Was denn?«

»Da … da hinten«, flüstert sie und zeigt auf die Stelle, wo sie die Bewegung wahrgenommen hat.

»Shit«, zischt Cray, »bück dich, schnell.«

Ohne zu zögern stößt er Mika Richtung Boden und geht selbst hinter dem Schilf in Deckung.

»Seit wann patrouilliert die SSG denn hier?«, flüstert Cray.

Mika weiß nicht, wie sie darauf reagieren soll. Also hat sie es richtig gedeutet. Das waren zwei Männer mit Waffen und voller Kampfmontur. Von wegen, hier ist es sicher.

»Und jetzt, was machen wir jetzt?«, sagt Mika leise.

»Abwarten? Keine Ahnung, wir müssen auf jeden Fall gedeckt bleiben. Vielleicht ist es nur Zufall, dass sie heute von ihrer Route abweichen.«

»Na hoffentlich. So viel zum Thema, dass es Sicher ist.«

»Ja, sorry … Ich kann es jetzt auch nicht ändern. Komm, schnell, verstecken wir uns da im Gebüsch.«

Cray zieht Mika mit hinter sich in die dichtere Ansammlung von Schilf, Rohrkolben und einer etwas mageren Korbweide. Mit dem Zeigefinger auf dem Mund signalisiert Cray Mika, dass sie keinen Mucks von sich geben soll. Als würde sie das nicht wissen.

Mit Adleraugen beobachtet Cray das Treiben vor ihnen. Auch Mika versucht, immer wieder einen Blick zu erhaschen. Die beiden Männer verlassen gerade den Lichtkegel. Ohne eine Sekunde vergehen zu lassen, schalten beide eine Taschenlampe an und scheinen nach etwas zu suchen. Jeden Winkel spähen sie aus, während sie sich langsam in ihre Richtung bewegen.

»Das kann nicht sein, die können doch nicht wissen, dass wir hier sind.« Cray ist so leise, dass Mika selbst mit dem Ohr nur eine Handbreite entfernt von seinem Mund, kaum was verstehen kann. »Die dürften uns hier auf keinen Fall Orten dürfen.«

Mika staunt nicht schlecht, über das, was sie eben da vernommen hat.

»Orten? Ist das dein Ernst«, sagt sie, doch deutlich lauter als Cray.

»Pschh, nicht so laut verdammt. Natürlich können die uns orten, was hast du denn gedacht? Dass du mit deinem ANN-Chip nicht ausspionierst wird? Es gibt schon einen Grund, warum jeder einen braucht.«

»Also obwohl sie uns orten können, bringst du mich an diesen Ort und setzt mich der Gefahr aus?« Mika wird jetzt immer erboster und achtet weniger auf ihre Lautstärke. Mit dem Finger versucht sie, sich unscheinbar an der Nase zu kratzen.

»Och Mika … «, faucht Cray und rollt seine Augen. »Wenn du jetzt nicht Ruhe gibst, dann werden die uns definitiv finden und erschießen.«

Mikas Mundwinkel klappen nach unten, ihre Augen weiten sich enorm. »Er… Erschießen?«

»Ja, hier draußen gelten wir als Gesetzlose. Und nach Gesetz dürfen wir hier erschossen werden. Ohne Verhandlung.«

Mika verschlägt es die Worte. Sie kann es nicht fassen, dass Cray sie hier hineingeritten hat.

Vorsichtig holt der seinen Rucksack vom Rücken und wühlt darin herum. Bis er eine Pistole herausholt und so lautlos wie möglich durchlädt.

»Eine fucking Pistole? Willst du sie jetzt umbringen oder was?«

»Ja, eine Pistole. Und ja, das werde ich, wenn es uns retten.«

»Ver … «, Mika muss unterbrechen und verzieht ihr Gesicht. Ein Ha folgt einem intensiveren Haa.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst? Halt den verdammten Nieser zurück.«

»Ich … Ha … kann nicht. Ha … «

Im letzten Moment packt Cray noch mit seiner Hand auf ihrer Nase und Mund,

»tschi!«, prustet Mika dennoch aus sich heraus. Cray schüttelt den Kopf. Aus der Entfernung können beide wahrnehmen, dass die Schrittgeräusche abrupt aufhörten. Ein »Da, da war was«, aus der Entfernung ist zu vernehmen. Cray checkt seine Waffe und scheint sich bereit zu machen, zu schießen.

Mika weiß nicht, was sie machen soll. Erst vertraut sie Cray, dann erschüttert er ihr Vertrauen ebenso wie Jesse es tat. Sie zweifelt, an dem, was sie getan hat. Vor allem aber an dem, was sie jetzt vorhat. Sie will nicht mehr auf Cray hören, auf irgendjemanden.

»Rauskommen! Wir wissen, dass ihr hier seid«, schreit einer der bewaffneten Männer.

Mika hat sich entschlossen. Mit einem Satz springt sie auf.

»Mika, nein!«, faucht Cray noch hinter ihr her, aber sie lässt sich jetzt nicht mehr aufhalten. Sie springt raus aus der Lichtung und hält ihre Hände nach oben.

»Ich bin hier. Bitte, tun sie mir nichts«, fleht sie.

»Hände oben halten!«, brüllt der Mann. Es ist zu dunkel, und die Taschenlampen, die nun beide auf sie gerichtet sind, erleichtern es nicht, die Männer zu erkennen.

»Halten sie die Hände nach oben, ich komme jetzt auf sie zu«, sagt der eine Mann. Der andere sucht mit der Taschenlampe die Umgebung ab. Hält sich aber entfernt und verbleibt an seiner Position.

»Ist okay«, wimmert Mika, die Augen hat sie verschlossen und den Kopf gesenkt. »Ich wollte doch nur die Aussicht genießen«, beteuert sie.

»Dann genieß die Aussicht in einen der Parks.« Der Mann von der SSG tritt immer näher an sie heran, die Waffe setzt auf ihren Oberkörper gerichtet.

»Bist du alleine?«

»Ja.«

»Sicher?«

»Ja.«

Jetzt ist der Mann keine fünf Meter von ihr entfernt. »Hände auf den Rücken und hinknien. Keine Bewegung.«

Sie tut, wie ihr befohlen wurde.

»Umdrehen!«, sagt der Mann.

Auch das tut sie, wie befohlen. In die andere Richtung blickend kann sie Cray erhaschen, der immer noch im Gebüsch hockt. Sie kann seinen angespannten Blick erkenne. Und die Waffe, die er auf den Mann hinter ihr richtet.

Sie akzeptiert es, dass sie jetzt festgenommen wird. Sie weiß sowieso nicht, wohin. Also lässt sie sich eben einsperren. Dann hat sie wenigstens nur noch sich, auf den sie vertrauen muss.

Zwei Schritte tritt der Mann noch näher an sie. Er müsste praktisch direkt hinter ihr stehen.

»Wie soll ich fortfahren«, spricht er ins Nichts. Vermutlich ein Funkspruch über seinen Chip.

»Verstanden.«

Sie hört ein Klicken, das von seiner Waffe stammen muss. Erschrocken holt sie tief Luft. Sie sieht zu Cray, der schon im selben Moment einen Schuss absetzt. Vor Schreck zuckt Mika zusammen. Sie hört nur noch ein Pfeifen durch den lauten Knall. Der Mann stöhnt kurz hinter ihr auf. Sie dreht sich um und sieht ihn, wie er mit seiner gezückten Waffe auf die Knie fällt. Das SSG-Emblem auf die Brust gedrückt. Der Schuss, direkt durch die Maske in den Kopf. Den Anblick, einen durchgeschossenen Schädel. Nicht im Ansatz wie in den Filmen, die sie je mit Jesse gesehen hat. In seinen Augen sieht sie die Angst, als wusste er noch im Moment, wo die Kugel ihn durchbohrte, dass er sterben muss. Dann fällt er seitlich zu Boden, das Blut quillt nur langsam aus dem Loch, wo vorher sein Auge war.

»MIKA!«, brüllt Cray und holt sie aus ihrem kurzen Trauma heraus. »LAUF!«

Jetzt erst realisiert sie, dass natürlich der zweite Mann auch noch da ist und zurückfeuert. Cray hält mit gezielten Schüssen dagegen und zwingt ihn, Deckung zu nehmen.

»JETZT!«, brüllt Cray nochmal, packt Mika am Armgelenkt und zerrt sie in einem Affenzahn hinterher.

Immer wieder dreht er im Sprint seinen Kopf um, um zwei weitere Schüsse abzusetzen. Auch der andere Mann feuert mehrere Male, aber trifft nicht.

Dann schreit Mika kurz, als direkt neben ihr eine Kugel einschlägt.

»Renn weiter«, prustet Cray. »Er kann uns nicht treffen …« er muss mehrmals schwer ein- und ausatmen, »wenn wir ihn zum Rennen zwingen.«

Im Sprint durch die Pflanzen passieren sie mehrmals ein Flutlicht. Rechts von ihnen verläuft immer noch der Fluss.

»Cray«, hechelt Mika, »die Mauer.«

Cray kann sehen, was Mika sieht. Die große Mauer, die bisher noch auf der linken Seite von ihnen verlief, macht einen Knick gen Fluss und versperrt ihnen den Weg, weiterzulaufen.

»Wir haben keine Wahl«, brüllt Cray. »Wir müssen schwimmen!«

Es sind nur noch fünfzig Meter bis zum Ende. Zwanzig. Zehn. Dann kommen sie beide wie mit quietschenden Reifen, nur dass ihre Fußsohlen über den Boden rutschen, zum Stehen.

»Auf Drei«, sagt Cray.

Hoffnungslos blickt Mika zu ihm.

»Eins … Zwei … Und drei«, und mit einem Hechtsprung taucht er in das zur braunen Suppe übergegangene Wasser ein. Mika zögert. So eine Scheiße. Dann springt sie ebenfalls in das Wasser. Noch während sie in der Luft ist und gerade mit dem Kopf die Wasseroberfläche berührt, hört sie einen Schuss, der über ihren Kopf hinwegfliegt. Dann taucht sie in die noch düstere Dunkelheit hinab.