by Toshio Riko

Jesse [6]

Headquarter der ESA bei Bern

2175, 24. August

Es ist noch früh. Zu früh. Nach letzter Nacht folgte das Abschlusstraining. 12 Stunden lang ein simulierter Außeneinsatz für den Fall eines Gaus. Wenn alle Systeme nicht mehr funktionieren. All das Realitätsnah in einem Simulator und einem Wasserbecken. Sechs Wochen hatte Jesse Zeit, sich all das Wissen anzueignen, dass viele seiner Gruppenmitglieder schon vor dem Kollaps in Jahren oder Jahrzehnten studiert hatten. Zu wenig Zeit. Er hat gebüffelt, was das Zeug hält. Und zwischen Trainingseinheiten und dem ständig um fünf Uhr aus dem Bett holen, nutzte er jede Pause dafür.

Doch all das wäre kein Problem für ihn gewesen. Mitnichten. All das, was er hier gelernt und erlebt hat, wäre es selbst bei einer Nichtannahme, wert. Doch dieser Gedanke, dieser eine Gedanke … Wie geht es Mika? Der zerfrisst ihn. Sie nicht kontaktieren zu dürfen, es macht ihn fertig. Jeden Tag wägte er ab, was wichtiger ist. Dieses Projekt oder seine Liebe zu ihr. Das Ziel, alle Menschen zu retten oder seine Beziehung mit ihr retten. Dass er es nicht schaffen wird, da ist er sich sowieso sicher. Also erfreut ihn nur der Gedanke, am heutigen Abend, wenn die Auserwählten aus dem übrigen Teilnehmen ernannt werden, sie endlich anzurufen.

So früh. Wieder fünf Uhr, und erst vor einer Stunde durften sie sich nach dem letzten Training hinlegen. Er hat alles gegeben, ist nicht eingeknickt und hat der Belastung standgehalten. Aber jetzt ist er endgültig am Limit. Er ist nur froh, am Ende wieder zuhause sein zu können.

»Aufstehen!«, ruft Karsyn in den Raum hinein. Aus der geöffneten Tür tritt das grellweiße Licht der Flure durch.

Jesse reibt sich die Augen. Er ist kaum richtig eingeschlafen und ständig wieder wachgeworden in dieser kurzen Zeit.

»Kayleigh Robbins«, sagt Karsyn.

»Anwesend«, antwortet der völlig schlaftrunken aus seinem Bett.

»Leo Mcdowell?«

»Hier«, sagt Leo.

Und so klappert Karsyn noch die anderen ab. Brendan Duran, Schwarz und Astrophysiker. Und 2112 geboren, was ihn zum Ältesten der Gruppe macht.

Dale Parsons, mit Jesse eines der ganz wenigen Kollaps-Kinder. Ständig nur am Rummurren. Nie zufrieden.

Natürlich Wills. Auch er ist sichtlich niedergeschlagen von der letzten Nacht.

Margie Mcgee, die einzige Frau in ihrem Team. Als ehemalige Flugzeugspezialistin für Technik hat sie gestern wahrscheinlich eine Bestnote erhalten.

Und Jesse, der als letztes aufgerufen wird.

»Mitkommen. Halbe Stunde zum Frühstücken, dann erwarten wir euch in dem Saal.«

»Ich brauche jetzt echt dringend einen Kaffee«, sagt Leo.

»Einen? Gib mir zehn«, sagt Kayleigh.

Alle mühen sich ab, sich anzuziehen, um dann gemeinsam die Gänge zum Speisesaal abzulaufen. Anfangs saßen hier aus ihrem Stockwerk noch dutzende, jetzt sind nur noch sie und jeweils 3 aus zwei weiteren Gruppen übrig. Es verwundert Jesse schon ein wenig, dass nicht nur so viele ausgeschieden sind. Sondern vor allem, dass er noch hier ist. Wenn er richtig überschlagen hat, dürften von den anfänglich etwa 500 jetzt nur noch knappe 100 übrig sein. Und von denen schaffen es am Ende nur noch 12 in die Auswahl für das komplettierte Team.

Ein trockenes, graue Brot. Jesse beißt mit Genuss hinein, als wäre es der saftigste Burger seines Lieblingsimbiss aus dem ollen Mega-Komplex. Drei Wochen lang gab es nur Nahrung aus der Tube oder in Aluminium verschweißt. Drei Wochen, die nichts gegen die Jahre sind, die man da oben verbringen würde. Keine Chance, da frische Mahlzeiten anzubieten.

Umso schmackhafter war am Ende dieses Stück Schwarzbrot. Zaghaft beschmiert mit Butter und einer lappigen Scheibe Käse. Und doch, jetzt schmeckt es wie der Himmel auf Erden. Der Kaffee, den sie ebenso die letzten Wochen nicht genießen dürfen, ext Jesse genauso schnell wie die anderen weg. Nur, um sich sofort den nächsten zu holen.

Jesse schaut sich ein letztes Mal die Gesichter neben ihm an. Es dürfte das letzte, gemeinsame Frühstück sein.

»Möchtest du auch noch einen Kaffee?«, fragt Wills ihn.

»Unbedingt«, sagt Jesse und reicht ihm seine Tasse.

Wills, der wird es sicher schaffen. Da hat er absolut keine Zweifel.

»Wo du schon dabei bist, Wills, mir auch bitte. Sonst schlaf ich gleich im Sitzen ein«, sagt Brendan und gähnt anschließend lauter als kein anderer.

»Gut, aber mehr als drei Tassen schaff ich nicht«, sagt Wills und grinst, während er sich schnell auf den Weg zur großen Kanne macht.

Brendan. Der Alte und Weise, wie Jesse immer findet. Ein wenig erinnert er ihn an Neil deGrasse Tyson. Nur etwas sportlicher, könnte man sagen. Und der Schnauzer, der fehlt ihm definitiv. Keiner von seinen Freunden wusste, wer Neil war. Mika hat er von ihm erzählt. Er fand den Astrophysiker schon immer inspirierend. Auch wenn Stephan Hawking für ihn immer noch das größte Vorbild darstellt.

»Es war eine schöne Zeit mit euch, ehrlich«, sagt Jesse und durchbricht damit eine frühmorgendliche Stille, die bis hierhin angehalten hat. An diesem Tage sind alle so still, jeder denkt nur an das, was jetzt noch kommen mag. Nicht wie sonst, wenn zum Frühstück darüber geplaudert wurde, was heute ansteht.

»Was soll das denn heißen?«, fragt Leo.

»Na ja, was soll das wohl schon heißen. Ich war froh, diese Erfahrung gemacht und euch dazu auch noch kennengelernt zu haben und euch heute Freunde nennen zu können.«

»Was er eigentlich sagen will«, unterbricht Dale mit vollem Mund, »ist, dass er eingesehen hat, dass Kollaps-Kinder wie wir heute gehen dürfen.«

Dale ist nur ein Jahr älter als Jesse, wirkte für ihn aber immer so, als wäre er bei der 18 hängengeblieben.

»Wie bitte?«, sagt Kayleigh. »Also ich glaube nicht, dass sie euch einfach wieder wegschicken, wenn sie euch nicht den Hauch einer Chance gegeben hätten. Und wenn es einer schafft, dann ja wohl du, Jesse.«

»Danke … Das ehrt, aber-«

»Nix aber«, unterbricht Dale erneut, »sehen wir den Tatsachen doch in den Augen. Wir sind hier nur Versuchskaninchen, die zum Vergleich für euch herangezogen werden … Oder so.«

»Warum schon wieder so negativ, Dale? Ich bezweifle doch stark, dass ihr nur als Vergleichsperson herangezogen wurdet. Das würde gar keinen Sinn ergeben. Schließlich erproben wir hier kein neues Medikament«, sagt Kayleigh.

»Trotzdem, Leute«, führt Jesse weiter fort, »Dale hat trotz all seiner Negativität recht. Vielleicht wurden wir ja einfach zum Versuch eingeladen. Um sicherzugehen, wirklich alle Möglichkeiten offenzuhalten. Oder nur zum Befüllen der Plätze. Aber in den letzten sechs Wochen konnte ich all das benötigte Wissen zur speziellen Relativitätstheorie kaum aneignen. Ich wäre bei einer echten Mission nur ein Hindernis.«

Räuspernd kommt Will wieder zurück an den Tisch mit frischem Kaffee. »So, so. Also du sagst mir, dass du nur ein Hindernis wärest bei einer echten Mission?«

»Exakt«, sagt Jesse und schnappt sich die Tasse mit dampfendem Kaffee.

»Ich glaube, und da spreche ich ja wohl für alle«, Wills blickt kurz zu Dale rüber, »mit Ausnahmen, dass bei dieser Mission mehr als nur Fachwissen und bloße Theorie benötigt wird. Wir sind da oben für Jahre zusammen, im leeren Raum … Blödsinn, wir reisen ja quasi zwischen den Räumen. Und dann kommt noch die Besiedelung des neuen Planeten dazu. Und wenn nicht du, wer ist dann am besten dafür geeignet, uns, oder wer auch immer ausgewählt wird, zu unterstützen bei allen Belangen?«

»Genau«, murmelt Kayleigh.

»Wahre Worte«, sagt Brendan.

»Danke, Wills … «, sagt Jesse.

»Halt, ich bin noch nicht fertig. Eine Sache habe ich noch anzumerken. So schnell, wie du in den letzten Wochen dazugelernt hast, wirst du die kommenden Jahre sicherlich noch mein Wissenstand überholen. Bei deinem Eifer, würde mich das nicht wundern.«

»Es wäre schön, wenn du das entscheiden würdest, aber ich denke nicht, dass die bei der ESA so denken.« Jesse fühlt sich zu geehrt, aber auch unangenehm beschämt. Das ist zu viel Lob für ihn. Lob, das er seiner Meinung nach nicht verdient hat. Er fühlt sich nicht direkt hilflos, aber dennoch zu sehr auf die anderen angewiesen. Er wird auch in drei Jahren nicht den Aufbau einer Rakete in allen Einzelteilen verstehen. Und erst recht nicht solch eine, die Raum und Zeit krümmen soll. Nicht mal die Formeln, das theoretische Wissen hinter dem Antrieb, wird er je richtig begreifen können.

»So, dann lass uns mal rüber gehen«, sagt Wills.

»Warte mal, ich habe noch gar nicht meinen Kaffee ausgetrunken«, sagt Brendan.

»Dann trinkst du gleich noch mehr, wenn wir auf deine Aufnahme anstoßen«, sagt Leo und klopft Brendan auf die Schulter.

»Wenn ich nicht vorher einschlafe. Ich bin ein alter Mann, Leo. Ich brauch das Koffein mehr als ihr.«

»Du magst vielleicht der Älteste sein, aber ihr Schwarzen seht immer so verdammt jung aus.«

»Was soll die rassistische Scheiße jetzt?

Leo schluckt ruckartig einen dicken Kloß hinunter, während Brendan ihn mit einem bösen Blick straft.

»Brendan, ich … Das hast du jetzt aber ganz falsch aufgenommen. Ich wollte doch nur sagen, dass ich neidisch bin … Also …«

Brendan scheint seine Fassade nicht länger halten zu können und beginnt zu lachen. »Ach, Leo. Ich habe dich doch nur auf den Arm genommen. Ich weiß doch, dass du Faltensack mit deinen 49 Jahren nur neidisch bist.« Brendan lacht noch lauter und klopft Leo mehrmals auf die Schulter. »Okay, jetzt bin ich wach. Wir können.«

Wills geht am verdutzten Leo vorbei und zuckt mit den Schultern. Sein Schock über die Schauspieleinlage von Brendan ist schon berechtigt, schließlich steht laut Strafgesetzbuch für Rassismus bis zu 15 Jahren Haftstrafe auf den Plan.

Gemeinsam als Gruppe gehen sie die langen, weißen Gänge entlang, über einen Treppengang hinunter in das letzte Stockwerk, und finden sich schließlich an der Tür wieder, wo alles begann. Der Eingang zum Auditorium. Wills tritt als erster hinein, gefolgt von den anderen. Jesse setzt als letzter seine Füße in den Saal.

Viele leere Stühle, nur gut zwei Dutzend Menschen sind hier. Dabei müsste es in wenigen Minuten schon losgehen.

»Lass uns hier in die goldene Mitte setzten«, schlägt Kayleigh vor. Die anderen nicken.

»Wo sind die anderen?«, fragt Jesse in die Runde.

»Wo wohl? Zu Hause wahrscheinlich«, sagt Wills.

Von den anderen Teilnehmern waren Jesse und seine Gruppe beinah komplett isoliert. Nur die, die aus dem Bereich H kamen, mit denen hatten sie in der Mensa und den Duschräumen hin und wieder Kontakt. Auch dort sind viele aber seit letzter Nacht nicht mehr in dem Saal wiederzufinden. Als wären so viele in der aller letzten praktischen Prüfung ausgeschieden. Mit 100 Übriggebliebenen hatte er mindestens gerechnet, jetzt scheinen es nur … Er zählt ein letztes Mal im Kopf alle durch … nur noch 25 Leute. Er mit inbegriffen.

Die Verbliebenden haben sich zu vier Gruppen zusammengefunden, zu je 6 Personen, während in Jesses Gruppe 7 sind. Nur noch wenige tuscheln etwas untereinander aus, ehe schlagartig Ruhe einkehrt, als Karsyn Bennett und Antonio Trujillo in den Raum eintreten. Beide tragen edlen Zwirn, Trujillo sogar eine Fliege. Bei Karsyn ist das weiße Hemd am obersten Knopf offen.

Trujillo räuspert sich kurz, während er das Mikrofon am Pult richtet. »Meine Damen und Herren, schön, dass sie nun alle nach den sehr zehrenden, letzten Stunden hier alle aufgeschlagen sind. Es tut mir leid, dass sie so wenig Schlaf bekommen haben, aber wir stehen unter Zeitdruck.«

»Jede gesparte Minute wird sich noch in den kommenden zwei Jahren rechnen«, fügt Karsyn von der Seite hinzu.

»So sieht es aus. Deshalb machen wir es heute auch nicht allzu lang. Sie alle wissen, was ungefähr sie erwartet. Nun ist es an der Zeit zu verkünden, wer die Auserwählten sind, die sich unserer Mission anschließen. Damit endet meine Redezeit auch schon wieder und ich bedanke mich noch einmal herzlichst bei Ihnen, die es bis zum Schluss geschafft haben. Sie haben großartiges geleistet und natürlich erhalten sie für ihre Mühen eine kleine Aufmerksamkeit von uns. Dass sie trotz ihres Aufwands es leider nicht geschafft haben, Teil der ESA zu werden, oder erneut zu werden.

Trujillo verlässt das Pult und klopft Karsyn auf die Schulter. Er flüstert ihn was zu. Dann tritt Karsyn schließlich selbst ans Pult.

»Liebe Anwärterinnen und Anwärter, auch ich halte jetzt die Spannung nicht zu lange aufrecht. Alle aus der Gruppe C 9 sind weiter.

»Yes!«, hört Jesse jemanden aus der hinteren Ecke laut aufschreien. Die sechs aus der Gruppe umarmen sich und klatschen sich zum Teil auch ab.

»Wir haben’s geschafft, Leute. Holy shit«, sagt ein Mann, ähnlich alt wie Wills es ist.

»Kommt runter und geht durch die Tür hinter mir«.

Eilig und voller Freude spurten die ersten Glücklichen durch die gleiche Tür, durch die auch Trujillo verschwand.

»Nun denn, jetzt haben wir nur noch sechs Plätze frei, aber 19, die hier sitzen.« Auch Karsyn muss sich nun kurz räuspern. »Gruppe H 9, ihr habt es geschafft.«

Jesses Augenlieder schießen in beide Richtungen. Die weitgeöffneten Augen starren zu Wills, der sein breites Grinsen nicht verstecken kann. Und Jesse kann es kaum fassen … Bis er realisiert, dass sie sieben sind, doch nur noch sechs dürfen. Einer schafft es nicht. Schnell schwindet die Begeisterung aus seinem Gesicht.

»Dale Parsons, es tut mir leid, du musst leider gehen.«

Dale sagt nichts. Sonst konnte er immer irgendwas sagen, über irgendwas meckern oder einen Spruch ablassen. Jetzt sitzt er einfach nur da, wie eingefroren mit finsterer Miene.

»Es tut mir leid«, sagt Brendan ihm aufmunternd auf die Schulter klopfend. »Ich hätte es dir so gegönnt.«

Abweisend und mit einem Grunzen schüttelt Dale den Kopf und dreht sich weg von der übrigen Gruppe.

»Folgt ihr bitte auch den anderen, dann begleite ich die übrigen zu ihrem Bus nach Hause.«

Jesse schluckt einmal tief runter. Auch ihm tut Dale etwas leid, schließlich teilen sie als Kollaps-Kinder ein gemeinsames Schicksal. Aber am Ende gewinnt sein Egoismus. Die Freude, diese pure Euphorie, es doch irgendwie geschafft zu haben, sie überwiegt.

»Auf geht’s, Jesse«, sagt Wills und geht voran.

Das lässt er sich nicht zwei Mal sagen und folgt ihm.