by Toshio Riko

ESA [4]

Headquarter der ESA bei Bern

2175, 24. August

Ein Trott aus den letzten 13 Personen schleicht bedrückt und enttäuscht hinter Karsyn entlang.

»Erfahren wir denn wenigstens, was wir falsch gemacht haben?«, fragt eine aus der Gruppe heraus.

»Meine Liebe, es geht nicht nur um richtig oder falsch. Sondern schon von Anfang an, wer mit wem am besten zusammenpasst. Und nach den letzten sechs Wochen intensiver Beobachtung und Trainings gehörtet ja nicht nur ihr dazu.«

»Trotzdem, ich würde wirklich gerne wissen, was der ausschlaggebende Punkt war, waru-«

»Ah«, unterbricht Karsyn, »darüber diskutieren wir jetzt nicht. Ich will das nur schnell über die Bühne bringen. Wenn ihr also alle einmal so lieb währet und in den Raum geht. Dort erhaltet ihr dann gleich eure alte Kleidung und abgegebenen Wertgegenstände. Es gibt auch eine Umkleide für Frauen und Männer.«

»Karsyn«, poltert Dale mit erhobener Stimme hervor.

»Für dich immer noch Herr Bennett.«

»Okay, Herr Bennett. Was ist diese ach so tolle Aufmerksamkeit, die wir nun von Ihnen für unsere verschwendete Zeit hier erhalten? Hm?«

»Ach so … Ja.« Karsyn grübelt kurz. »Also gut, ich verrate es euch. Ihr erhaltet … Also ja, soweit ich weiß, erhaltet ihr ein eigenes Haus in eurer jeweiligen Schutzzone, erhöhtes Grundeinkommen und … Ich glaube, das wars schon. Sollte ja auch reichen.«

»Oh … Okay, also …«, stottert Dale.
Die anderen gucken sich schon mit funkelnden Augen an.

»Geil, davon mache ich erstmal so richtig einen drauf, meine Jungs werden es in meinem neuen Eigenheim lieben«, fantasiert Dale.

»Würdet ihr also bitte? Erstmal die Bürokratie.«

Nachdem auch der letzte ganz ohne Widerwillen in den großen, weißen Raum eingetreten ist, schließt Karsyn die Tür hinter ihnen und verriegelt sie lautlos.

Etwas weiter den Gang zurück drückt Karsyn einen unscheinbaren Knopf, der eine Geheimtür öffnet. Trujillo wartet in dem Raum, mit den Monitoren, bereits auf ihn. Die Übriggebliebenen reihen sich auf, eine Person in Weiß gekleidet geht der Reihe nach durch und fragt nach Namen. Dann tritt eine weitere Person rein und bringt eine Tasche mit den Wertsachen und Kleidungsstücken.

Karsyn meidet den Blick auf die Monitore.

»Schau hin«, sagt Antonio. »Ich weiß, du willst es nicht sehen, aber ich muss sicher sein, dass du wirklich mit dem Opfer, das wir bringen, klarkommst. Ich kann keine Schwäche in meinem Team erlauben.«

»Ich weiß«, flüstert Karsyn in seinen Hemdkragen hinein. »Doch mit Schwäche hat das nichts zu tun, Antonio. Rein gar nichts.« Karsyn ist kurz davor, Antonio an zu ächzen mit seiner alten, rauen Stimme.

»Das will ich dir auch glauben. Wie lange kennen wir uns schon? Vierzig Jahre? Du weißt, dass ich das hier nicht leichtsinnig tue. Wenn es einen anderen Weg gäbe … Dann-«

»Dann was?«

»Dann würde ich ihn eingehen. Zeig mir den Weg, nenn mir die Lösung, wie wir diese Leben retten können, ohne, dass wir einen Aufstand vor unseren Toren riskieren und jegliche Gunst der CWG verlieren. Ich habe gestern Abend erst eine Nachricht aus Moskau erhalten. Wir haben ein Ultimatum erhalten. Ich hätte es gleich in der anberaumten Besprechung angekündigt aber … Wir haben noch genau fünf Monate. Dann müssen die Crew und das Schiff startbereit sein. Elpis-1 muss ein Erfolg werden. Hörst du, Karsyn? Sie muss!«

Antonio wirkt zum Schluss sichtlich verzweifelter. Eine Seltenheit, dass er Emotionen überhaupt zulässt.

»Fünf Monate? Wie soll das zu schaffen sein?«

»Deswegen brauche ich dich. Nur mit deiner theoretischen Expertise und haargenauen Berechnungen können wir es schaffen. Ein Fehler … Und die CWG köpft mich.«

»Ich werde dich nicht enttäuschen. Aber diesem Gemetzel werde ich nicht beiwohnen.«

Karsyn zeigt, ohne selbst dort hinzugucken, auf die Bildschirme. Mehrere bewaffnete Militärs ohne Logos auf ihren Uniformen stehen vor den Leuten, die jetzt nur noch auf ihre Abfahrt warten.

»Wann können wir denn nun los?«, ist aus den Lautsprechern zu vernehmen. Es ist Dale.

»Gleich, wir warten noch auf das Go.«

»Können wir nicht schon mal raus? Ich würde wirklich gerne diesen Raum verlassen«, pampt Dale die Militärs an.

»Das gefällt mir nicht, ich … ich würde jetzt wirklich gerne gehen«, sagt eine Frau.

»Sie warten hier«, befiehlt der Militär mit strengem Ton.

»Ich bin doch keine Gefangene, lassen sie mich gehen. Jetzt!« Die Frau wirkt aufgeregt und verängstigt zugleich.

Antonio blickt kurz über seine Schulter zu Karsyn. Dann gibt er über sein ANN das Go. Karsyn schließt die Augen. Er kann nur noch hören, was jetzt noch passiert.

Die Militärs richten Blitzschnell ihre Waffen auf.

»Fuck«, hört man Dale noch sagen. Dann fallen schon die Schüsse, begleitet von Schreien. Nur wenige Sekunden dauert es, dann kehrt wieder Stille ein.

Einer der Militärs kontrolliert alle Körper, Karsyn kann an den Lauten der Schritte seine Pausen erkennen.

»Bitte«, röchelt eine Stimme aus den Lautsprechern deutlich tönend um Gnade winseln. Es fällt nur noch ein einzelner Schuss.

Langsam öffnet Karsyn wieder seine Augen. Er fasst sich mit seinen Händen über das Gesicht. Ohne noch ein Wort zu verlieren verlässt er den Raum.

»Wir sehen uns gleich beim Meeting«, ruft Antonio ihm hinterher.