by Toshio Riko

ESA [1]

2175, 4. Juli

BERN, BE-CHE-2-ESA

Tick. Tack. Tick. Tack. Mehr ist nicht zu hören in dem großen Raum, am Ende sind Stühle und Tische gestapelt. Das Ticken kommt nicht von tatsächlichen Zeigern, die Uhr ist so digital wie beinah alles hier. Zentral gelegen steht ein großer Schreibtisch.

»Es wurden alle Einladungen verschickt und die letzten Vorbereitungen sind abgeschlossen, Herr Bennett.« Eine Frau mittleren Alters, hochgesteckten Haaren und grauen Rock, steht am anderen Ende des Schreibtisches, in der linken Hand ein Klemmbrett, in der rechten ein Stift. Ihr gegenüber sitzt ein älterer Mann. Mit seiner Hand fährt er über seine dünnen Haare, dann durch den weißen und langen Rauschebart. Er greift nach einem edlen Gehstock und richtet sich langsam auf.

»Danke Linda.«

»Okay«, antwortet sie und dreht sich wieder um, geht auf die Tür zu, doch bleibt kurz davor stehen. »Herr Bennett?«

»Ja?«, antwortet er, während er mit dem Rücken zu ihr auf die weiße Tafel blickt. Auf ihr sind Formeln, Daten und Skizzen. Mit seinem Finger schreibt er mittig eine weitere Gleichung hinzu.

»Sie wirken seltsam bedrückt, Herr Bennett. Ist alles in Ordnung?«

»Der Tag rückt immer näher, an dem wir das Projekt starten. Eine Woche noch. Und mit jedem Tag frage ich mich immer häufiger: Ist es das Richtige, was wir hier tun? Ich beginne in meinen alten Tagen an mir selbst zu zweifeln.«

Linda blickt nachdenklich auf den Boden. Sie nickt langsam mit dem Kopf, überlegt ihre Antwort. Dann schreitet sie wieder zurück an den Schreibtisch.

»Herr Bennett … Karsyn …«, Lindas Blick wandert noch einmal zurück zur Tür. Sie ist zu. »Du hast fast drei Jahrzehnte auf diesen Tag hingearbeitet.« Sie zeigt mit dem Finger auf die Tafel, direkt auf einer der Formeln. »Ohne dich und die vielen Jahre der durchgemachten Nächte hätten wir nie die Natario-Formel soweit anpassen können, dass wir heute tatsächlich einen interstellaren Flug mit Überlichtgeschwindigkeit durchführen können.« Linda geht näher an Karsyn ran und greift seine Hand. Er blickt mit seinem von falten und Altersflecken übersätem Gesicht hinab.

»Aber die Opfer, die wir bringen … Ich zweifle daran, dass es das wert ist. Es entbehrt jeder Ethik.«

Mit ihrer anderen Hand greift Linda an Karsyns Nacken, zieht den Kopf zu ihrem und küsst ihn langsam. »Wir haben keine andere Wahl.« Beide Augenpaare schauen sich tief an.

Dann schüttelt Karsyn seinen Kopf. »Du hast recht.«

»Gut«, sagt Linda, lässt Karsyns Hand wieder los und begibt sich zurück zur Tür. »Ich habe noch einiges zu erledigen. Entspann dich, die Woche Freizeit hast du dir verdient, bevor es wieder in die Vollen geht.«

Karsyn steht wieder mit dem Rücken zur Tür, blickt auf die Tafel und nickt.

Linda verlässt den Raum und die Tür verbleibt offen.