by Toshio Riko

Jesse [3]

2175, 11. Juli

Stuttgart, ST-1-M

Jesses Brust fühlt sich schwer an, seine Atmung ist flach. Mit jeder Sekunde, mit der die Abfahrt näherkommt, steigt die Nervosität in ihm an. Diese Anspannung über die Unwissenheit, was ihn erwartet und die Angst, nicht gut genug zu sein und es doch nicht zu schaffen, macht ihn von Mal zu Mal immer mehr fertig. Mit einem tiefen Atemzug holt er sich durch die Maske Luft in seine Lunge.

Eine Hand streichelt ihm über die Schulter. »Versprich mir, dass du dich meldest, ja?«, sagt Mika. Beide sitzen auf einer Bank an der Station ST-1-Mitte und warten auf den Hyper-Mag. Noch nie ist Jesse mit einem dieser weiterentwickelten Hyperloops gefahren und nur selten sieht man überhaupt mal einen von ihnen in Stuttgart. Aber wer und ob überhaupt einer dort dann mitfährt, darüber kann Jesse nur spekulieren. Heute aber wird er es sein.

»Werde ich, versprochen.« Wenigstens ein Versprechen, dass er halten kann, denkt er sich. Zumindest eines, wo er sich sicher sein kann.

»Gut, denn wenn ich nicht weiß, wie es um dich steht, dann werde ich verrückt. Das ha-«. Mika bricht mitten im Satz ab und gefriert zu einer starren Miene.

»Was ist denn?«, fragt Jesse und dreht sich um die eigene Schulter. Ein Mann, in einem schwarzen Hoodie gekleidet, kommt auf sie zu. In seiner rechten Hand hält er eine Tasche, die er knapp zwei Meter vor Jesse abstellt.

Der Mann lehnt sich an die Wand und steckt die Hände in die Kängurutasche und blickt auf die grauen Wände der Komplexe, die von der etwa 15 Metern über dem Boden liegenden Station aus zu sehen sind. Dann schweift sein Blick zu Jesse und Mika. Seine Augenbraue zieht nach oben, dann wandert der Kopf wieder zurück. Nur um wieder zurück auf Jesse und Mika gerichtet zu werden.

»Was, sehe ich so schrecklich aus, oder warum blickt ihr mich so tief erschrocken an?«, sagt der Mann kratzend durch seinen Rauschebart. »Oder sind es die Haare?« Mit seinen Fingern tut er so, als würde er seine graue Haartracht richten.

»Ähm, nein, sorry«, stottert Jesse unbehaglich. »Ich glaube nur, wir beide hatten nicht damit gerechnet, dass noch jemand hier zur Station kommt.«

Ein einzelnes »Ha« kommt aus dem Mund des Mannes heraus, der nun näher an Jesse und Mika herantritt. »Ich nehme an, ihr seid auch auf dem Weg zur ESA?«

Jesse nickt. »Aber nur ich.«

»Verstehe, die Freundin verabschieden. Gut, dass mich niemand hier vermissen wird.« Wieder lacht der Mann kurz. »Ich bin übrigens Wills Sorell.« Er reicht Jesse seine Hand. Der erwidert den Handschlag.

»Jesse Kazuki. Und das ist Mika, Akane Mika.« Etwas schüchtern nickt Mika kurz und sieht dann wieder auf den Boden.

»Na, dann lasst euch mal nicht von mir stören. Wir werden gleich noch Zeit zum Plausch haben, Jesse.«

Wills entfernt sich wieder von den beiden und lehnt sich erneut an die Wand.

»Also, denk dran«, führt Mika mit einer behutsameren Stimme fort, »wehe Dir, du meldest dich nicht.«

»Gleich heute Abend«, sagt Jesse.

 

Punkt 12 Uhr fährt ein HyperMag in die Station ein und bremst mit lautem Quietschen ab. Die Türen der Kapseln, die einst weiß aber nun von Dreck, Graffiti und rostigen Stellen übersäht ist, öffnen sich.

»Abfahrt«, sagt Wills in Jesse und Mikas Richtung, packt seine Tasche und steigt ein.

Jesse schaut in Mikas Augen, ohne zu wissen, was er jetzt noch sagen soll. Auch sie schweigt, stattdessen packt sie ihn und umarmt ihn mit aller Kraft. Sachte fährt er mit seiner Hand über ihren Rücken.

»Bis heute Abend«, sagt er mit schwacher Stimme. Langsam lässt Mika ihn los und Jesse steigt ebenfalls in die Kapsel von Wills. An der Tür winkt er ihr noch zu, bis diese sich schließen. Rasch beschleunigt der HyperMag wieder und schnell verliert Jesse Mika aus der Sicht. Nun ziehen immer schneller die hohen Wände der Komplexe an ihm vorbei. Verschwommen und unkenntlich, ein einzig grauer Farbton.

»Komm, setz dich zu mir. In 45 Minuten etwa sind wir da. Die Zeit kann man doch gut nutzen, um sich kennenzulernen.«

Jesse blickt zu Wills, der an einem Vierertisch Platz genommen hat. Von der heruntergekommenen Innenausstattung lässt sich schnell erahnen, dass viel Wert auf scheinbaren Luxus gelegt wurde. Einst saßen die Menschen hier und ließen sich in edlen, weiß gehaltenen Lederstühlen vor weißen Holztischen, mit Überschallgeschwindigkeit von Stadt zu Stadt in Windeseile kutschieren.

Jesse setzt sich gegenüber von Wills auf den Platz. Ein intensiver, fauliger Geruch des alten Leders steigt ihm in die Nase, die er sofort rümpft.

Wills bückt sich zu seiner Tasche, holt ein vergilbtes Buch heraus und legt es auf den Tisch vor sich. Verblüfft blickt Jesse auf das Cover.

»Eine Erstausgabe von Eine kurze Geschichte der Zeit«, sagt Jesse.

»Jap«, sagt Wills und nickt. »Hätte mich auch gewundert, wenn du zur ESA eingeladen wirst, Stephen Hawking aber nicht kennst.«

»Natürlich, einer der bedeutendsten Astrophysiker des 20. und 21. Jahrhunderts. Erinnert euch daran, nach oben in die Sterne zu blicken und nicht nach unten auf eure Füße. Versucht dem, was ihr seht, Sinn zu gegen und fragt euch, was das Universum existieren lässt. Seid neugierig …«

Wills grinst. »Ihn aus dem Stehgreif zitieren kannst du auf jeden Fall gut.«

Jesse zuckt nur kurz mit den Schultern.

»Tja, eigentlich habe ich das Buch immer sicher verwahrt bei mir Zuhause. Ein Geschenk meines Großvaters. Aber für diesen Zweck dachte ich, nehme ich es doch gerne mit.«

Ehe Jesse weiter darauf eingehen kann, spürt er, wie der HyperMag erneut hält. In wenigen Sekunden wird aus dem vorbeirauschenden Grau die graue Betonwand eines Komplex zur einen Seite, auf der anderen Seite sieht er die Station des Bezirks ST-1-ROH, nach dem alten Stadtteil Rohr benannt.

Nur einen Augenblick später erspäht er am Rand des Fensters zwei Männer in paramilitärischer Uniform und ihren Gasmasken. Mit großen Augen blickt Jesse verwirrt zu Wills, der ganz gelassen von seiner Seite aus durchs Fenster ins Nichts starrt.

Ehe er sich versieht, kommen die beiden Soldaten bereits durch die Tür in die Kapsel gestiegen und gehen auf den Platz von Wills und Jesse zu. Einer trägt sein Sturmgewehr fest in beiden Händen, der andere hat seines auf den Rücken.

»Grenzschutz der Stuttgart Safety Group. Routine-Überprüfung. Bitte bleiben sie ruhig.«

Der Soldat greift an die Seite seines Gürtels nach einem Gerät zum Scannen der ANN-Chips. Erst den von Wills. Und nach einigen Sekunden dann auch bei Jesse.

»Zwei gültige Ausreisegenehmigungen nach BE-CHE-2«, sagt der Soldat, nickt seinem Kollegen zu und verlässt mit diesem dann wieder die Kapsel.

Dass die SSG sogar mit Bewaffnung die HyperMags kontrolliert, hat Jesse nicht geahnt.

Vielleicht erhöhte Sicherheitsmaßnahmen durch den Vorfall von letzter Woche, fragt er sich, wobei er dann wohl kaum Routine gesagt hätte.

»So«, sagt Wills, als sich die Türen schließen.  Ein leises Zischen ist in der Kapsel zu vernehmen. Abwartend blickt Wills nach oben hin und her.

Das Zischen wird immer lauter und verstummt abrupt. Sofort zieht Wills seine Maske herunter.

»Scheiße, was machst du denn da?!«, ruft Jesse voller Schreck, springt halb vom Platz hoch und streckt seinen Arm schon zu Wills hinüber.

»Entspann dich. Die HyperMags sind doch hermetisch abgeriegelt und werden mit Sauerstoff versorgt. Die Außenluft kann uns hier nichts anhaben.«

Alula klinkt sich in Jesses Gedanken ein: ›Sobald wir aus der Stadt heraus sind, durchqueren wir einen langen Tunnel, in dem ein Vakuum herrscht. Damit Mitfahrende atmen können, wird eine kontinuierliche Sauerstoffversorgung in den Kapseln gewährleistet.

»Danke Alula.«

»Alula? Dein ANN?«, fragt Wills.

Jesse nickt.

»Interessanter Name. Mein AI heißt einfach nur Liberty.«

Jesse nickt erneut und blickt wieder aus dem Fenster. An ihm rauschen die Mauern der Stadt vorbei, sie lassen Stuttgart hinter sich. Von dem knapp 15 Metern hohem Tragegerüst, auf dem sich die Kapseln des HyperMags noch fortbewegen, kann Jesse über die Hügel und Täler bis weit in den Horizont hineinblicken und zum ersten Mal überhaupt die karge, trostlose Landschaft sehen. Zwischen toten Wäldern und wüstenähnlicher Landschaft zieren die Ruinen hunderter Häuser das Gelände, bestrahlt von der gleißenden Sonne. Verlassen, zerfallen oder beinah gänzlich vom Staub bedeckt. Dass hier vor 30 Jahren noch Menschen gelebt haben lässt sich nicht mehr wiedererkennen.

»Siehst du zum ersten Mal die Außenwelt?«, fragt Wills.

Und wieder nickt Jesse, weiterhin fokussiert durch das Fenster blickend.

»Sag mal Junge, was führt dich überhaupt zur ESA? Kollaps-Kinder, die Hawking zitieren können, das sieht man wirklich nicht alle Tage. Eigentlich nie.«

Jesses Augen schweifen kurz zu Wills rüber. Dann wieder zurück aus dem Fenster. »Das kam einfach so«, sagt er und zuckt mit den Schultern.

»Na ja, gut. Also bei mir ist das relativ einfach. Vor dem Klima-Kollaps habe ich für die ESA gearbeitet. 2141 war das, als ich nach der Uni dort angefangen habe. Wir haben damals an einem Projekt gearbeitet, um das Problem Weltraumschrott zu beseitigen, weißte.«

Nachgefragt hatte Jesse zwar nicht, hört jetzt aber doch aufmerksamer zu.

»Auf jeden Fall haben wir zum ersten Mal mit Kohlenstoff-Nanoröhrchen im wirklich großen Maßstab gearbeitet, um daraus ein riesengroßes Netz zu bauen. Einen Kescher könnte man fast sagen. Und na ja, so bin ich vermutlich hier gelandet.«

»Hm«, sagt Jesse und blickt wieder zum Fenster hinaus.

»Ich hoffe, ich nerve dich nicht schon mit meinem Gerede«, sagt Wills und lacht. »Dabei habe ich noch gar nicht richtig angefangen.«

»Nein, es ist nur so. Ich wundere mich manchmal, warum niemanden früher aufgefallen ist, dass das Octrisylphosphat so gefährlich ist. Irgendwer muss doch gewusst haben, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt. Und irgendwer muss doch gesehen haben, dass die Konzentration in den oberen Luftschichten ansteigt … Oder nicht?«

»Du meinst, so wie bei einer Verschwörung?«

»Das jetzt nicht unbedingt aber … Ach, keine Ahnung.«

»Nah, ich glaube einfach nur, wir waren damals einfach blind. Blind und naiv. So wie es die Menschheit schon immer war, nicht wahr?«

»Mag sein.« Jesse zuckt wieder mit den Schultern.