by Toshio Riko

Vater [1]

2153, 23. Januar

ST-1-M

»Jesse, Jesse«, ruft Kento, als er die Tür mit seinen Füßen aufstößt. In den Armen trägt er einen großen, länglichen Karton. Sofort kommt Jesse aus dem Schlafzimmer. Noch etwas schlaftrunken reibt er sich die Augen.

»Schau mal, was ich für dich habe. War nicht leicht das zu besorgen, aber ein alter Freund aus meiner ESA-Zeit hat mir geholfen.«

Mit noch angestrengtem Atem legt er das Paket in die Mitte des Raumes und winkt Jesse zu sich. »Komm, lass es uns aufmachen.«

Kento reißt das Klebeband von der Kante und öffnet das Paket. Ein großes, weißes Zylinderobjekt und Stativ offenbaren sich Jesse. Er weiß sofort, was das ist.

»Eines der technologisch hochwertigsten Hobby-Teleskope basierend auf dem guten alten Ritchey-Chrétien-Cassegrain-System. Gefällt es dir?«

Aufgeregt nickt Jesse. »Wann können wir es ausprobieren?«

»Leider erst, wenn der ganze Smog wieder durch den nächsten Sturm weggewaschen wurde. Dann können wir uns irgendwo in der Zone einen schönen Platz suchen, wo kein Mega-Komplex den Blick stört.«

Etwas enttäuscht senkt Jesse seinen Kopf. Am liebsten würde er sofort aufbrechen und den Blick in den Himmel wagen.

»Jetzt kein Trübsal blasen, mein Junge. Es dauert ja nie lange bis zum nächsten Regen, nicht wahr?«

»Okay. Aber wirklich versprochen, ja?«

»Auf jeden Fall. Mein Ehrenwort.«

 

Tatsächlich lässt der nächste Sturm nicht lange auf sich warten und schon in der Nacht beginnt der Wind gepaart mit kräftigen Regen die Luft wieder reiner zu waschen. Nach drei Tagen haben sich die Wolken wieder verzogen und auch der Smog kann nun nicht mehr beim Blick durch das Teleskop stören.

Am späten Abend laufen Jesse und sein Vater durch die immer leerer werdenden Straßen Stuttgarts.

»Wie weit ist es noch?«, fragt Jesse.

»So weit ist es nicht mehr und wir laufen doch erst seit zehn Minuten«, keucht Kento, dem die dutzenden Kilos des Teleskopes langsam zu schaffen machen. »Und der Weg lohnt sich, es ist wirklich ein schönes, ruhiges Plätzchen. Vertrau mir.«

Wenige Minuten dauert es auch nur noch und ein kurzer Marsch über ein erdiges Feldchen, das trotz des kürzlichen Regens schon wieder gänzlich ausgetrocknet ist. Es ist düster, die Straße liegt gute 150 Meter von den beiden entfernt. Mit einer Taschenlampe sorgt Kento für Licht und gemeinsam packen sie das Teleskop aus und bauen es langsam auf.

Nach einer weiteren, guten halben Stunde ist es geschafft und Jesse kann endlich anfangen, das Teleskop gemeinsam mit seinem Vater zu justieren und schließlich die Sterne beobachten.

»Hier, als erstes möchte ich dir meine liebste Sternkonstellation zeigen. Dort, im Großen Bären«, sagt Kento und zeigt mit dem Finger in den Himmel und beginnt dann, das Teleskop auszurichten.

»Da, schau mal.«

Jesse streckt sich hoch zum Okular und sieht zwei kleine, helle Punkte.

»Das ist Xi Ursae Majoris, auch Alula Australis, ein Doppelstern-System im Großen Bären. Und warte mal …«, Kento übernimmt noch mal kurz die Steuerung des Teleskopes und justiert es leicht, nur ganz sanft und vorsichtig, nach oben, »hier haben wir Ny Ursae Majoris, oder auch Alula Borealis. Guck.« Kento lässt Jesse wieder an das Okular.

Ein leises »Wow« ist von Jesse zu vernehmen, während er den Stern begutachtet. Geschichten und Bilder von seinem Vater hat Jesse schon viele gehört. Darüber, wie viele Geheimnisse es noch im schier unendlichen Universum zu entdecken gibt, wie wunderschön es dort aussieht, wie leer und doch wie vollgepackt von Wundern es ist. Und wie das Interesse an der Raumfahrt mehr und mehr mit dem damaligen Wohlstand verschwand. Wie man das Interesse daran verlieren konnte, das versucht Jesse immer noch zu begreifen. Ihn auf jeden Fall kann man immer damit beeindrucken.

Stern für Stern und Planet für Planet begutachten die beiden, während der aufgehende Sichelmond über ihnen zieht. Es ist ruhig, beinah mild von den Temperaturen her. Kein Fahrzeug oder Mensch kreuzte die entfernte Straße bisher. Umso auffälliger ist das laute Motorengeräusch eines älteren Militärfahrzeuges. Jesse ist zu sehr fokussiert auf den Stern, den er gerade beobachtet. Aber Kento dreht sich verwundert um und folgt den Rückscheinwerfern, bis sie außer Sichtweite sind. Er zuckt kurz mit den Schultern und wendet sich dann wieder seinem Sohn zu.

»Wollen wir uns gleich mal die Andromeda-Galaxie ansehen?«, fragt Kento seinen Sohn.

Der nickt, immer noch durch das Okular blickend. Bis ein Knallen aus der Entfernung zu hören ist, gefolgt von vielen weiteren, schnell aneinandergereihten Knallgeräuschen. Kentos Kopf schreckt Hoch, seine Augen reißen auf, ruckartig holt er Luft durch die Nase. Stille, für einen Moment absolute Stille.

»Was war das, Papa?«

Keine Antwort von Kento. Er blickt in die Ferne, in das dunkle Nichts. Auch Jesse schaut, doch sieht nichts. Jesse weiß nicht, was los ist.

»Papa?«, fragt er beunruhigter.

Ein Zeigefinger wandert an Kentos Mund. Ein leises Zischen weicht durch seine Lippen. »Schschsch.«

Ein paar Sekunden wartet Kento noch, weiterhin den Blick in die Dunkelheit gerichtet. »Schnell, wir bauen ab«, sagt er schließlich.

»Jetzt schon?«

»Ja, jetzt schon. Komm.«

»Wieso denn? Ich dachte, wir schauen uns die Andromeda-Galaxie an?«

»Ein anderes Mal. Wir werden ja noch genug Zeit dafür haben. Komm, einpacken.«

»Nein«, flucht Jesse und schüttelt beleidigt den Kopf, die Arme ablehnend verschränkt.

»Jesse, du tust jetzt, was ich-.« Kento bricht abrupt seinen Satz ab und dreht sich wieder zurück in die Dunkelheit. Schritte, auch Jesse hört sie. Viele Schritte, schnelle Schritte. Sie kommen näher. Ruckartig greift Kento nach einer Taschenlampe in der Hosentasche, leuchtet in die Richtung, aus denen die Geräusche zu kommen scheinen.

»Wer ist da!?«, ruft er.

In den Lichtkegel rennen mehrere Personen hinein, mit schwarzer Kleidung. Sofort reißt Kento die Hände in die Luft und die Taschenlampe fällt auf den trockenen Boden. Sie alle tragen eine Pistole in der Hand, die sofort auf ihn und Jesse gerichtet werden.

»Ganz cool bleiben, ich habe nur mit meinem kleinen Sohn in die Sterne geschaut, okay?«

Es sind keine Gesichter zu erkennen, der Sichtschutz an den Atemschutzmasken ist verdunkelt. Einer der drei Bewaffneten geht schwer keuchend auf Kento zu, packt ihn und hält die Pistole an die Schläfe.

»Was machst du da, Nugget?«, fragt einer der Personen. Eine Frau, eindeutig.

»Siehst du doch, Cutie. Geiseln nehmen.«

Wieder ist ein lautes Motorengeräusch aus der Ferne zu hören. Es nähert sich der Gruppe von der anderen Seite. Wieder sind Schritte zu hören, die aus der Richtung der Bewaffneten näherkommen.

»Los, Flufs. Du nimmst das Kind.«

Die dritte Person im Bunde packt sich den kleinen Jesse und reißt ihn nach oben. Auch ihm wird die Pistole an die Schläfe gehalten. Jesse kann den schnellen und schweren Atem nun ganz genau hören. Er fühlt den rasenden Herzschlag an seinem Arm von Flufs. Er kann sie nicht erkennen, außer, dass sie alle etwa so groß wie sein Vater sind.

Die Kleidung scheint lumpig, zumindest sieht er die Silhouetten von Stofffetzen sich mit den Bewegungen umherschwingen.

»Alles wird gut, Jesse. Okay? Du musst dir keine Sorgen machen«, flüstert Kento zu ihm rüber.

Cutie lädt ihre Pistole durch, dreht sich wild von Seite zu Seite. Das Motorengeräusch wird immer lauter, der Wagen scheint fast hier zu sein.

»Nimm doch die scheiß Taschenlampe!«, brüllt Nugget und lässt kurz die Pistole von Kentos Kopf fern, um auf den Boden zu zeigen.

Ohne darauf zu antworten greift Cutie nach der Lampe und leuchtet jetzt mit der Pistole gemeinsam in die Dunkelheit.

»Lasst die Waffen fallen!«, brüllt eine tiefe, männliche Stimme.

Das Fahrzeug hinter Jesse scheint den Geräuschen zu urteilen mit einer Vollbremsung zum Stehen zu kommen.

»Wir haben Geiseln! Ein Mann und ein kleines Kind! Wenn ihr schießt, bringen wir sie um! Also verpisst euch gefälligst!«, brüllt Nugget zurück.

Verängstigt blickt Jesse zu seinem Vater. Doch Kento hat die Augen geschlossen. Jesse ist nicht doof, vielleicht ein kleines Kind, aber nicht naiv. Er weiß, wie gefährlich die Situation ist. Er weiß nur nicht, wieso all das hier passiert.

Türen des Fahrzeuges hinter ihm werden geöffnet.

»Ihr seid umzingelt!«, brüllt es hinter ihm nun.

Schlagartig dreht sich Cutie um.

»Guck du da hin«, sagt Nugget und zeigt mit einem Kopfnicken in die gegenüberliegende Richtung.

»Wir sind die Assault Division der Stuttgart Safty Group. Wenn ihr euch nicht ergebt, haben wir Befugnis zu schießen! Also legt gefälligst eure Waffen auf den Boden!«, brüllt es wieder von Jesses Richtung aus. Diesmal treten voll ausgerüstete Soldaten in den Lichtkegel. Mit vollautomatischen Waffen zielen sie auf die Gruppe, und auch auf Jesse und Kento, die immer noch schützend als Geiseln festgehalten werden.

»Jesse«, flüstert Kento, seine Augen sind wieder geöffnet, »wenn ich jetzt schreie, dann wirf dich auf den Boden. Ist das klar?«

Jesse nickt unauffällig.

»Ihr werdet nicht auf die Geiseln schießen, also tut nicht so. Lasst uns gehen oder es gibt Tote!«, ruft Nugget.

Sekunden der Stille vergehen. Cutie blickt hin und her zu ihren Gefährten. Flufs Herzschlag wird immer schneller an Jesses Arm, sein Atem immer schwerfälliger.

Das Schallgeräusch eins metallischen Klickens durchbricht die stillschweigend und angespannte Situation. So leise wie das Fallen einer Stecknadel auf den Boden.

Ein Schuss, ein lauter Knall und das grelle helle Licht des Mündungsblitzes wird gefolgt von Kentos laut gebrülltem »Jetzt Jesse!«.

Sofort reißt sich Jesse aus dem losen Griff von Flufs und wirft sich auf den Boden. Der versucht zwar noch nach ihm zu greifen, doch schon im nächsten Moment sieht Jesse nur, wie eine Kugel durch die Maske durchdringt, das Plexiglas zerspringt und Blut auf den anderen Seiten herausquillt. Der Körper fällt auf Jesse und begräbt ihn zur Hälfte.

Die Sekunden der Schreie und Schüsse vergehen gefühlt erst nach einer Ewigkeit. Die drei Personen hatten keine Chance, alle drei liegen regungslos auf den Boden.

Kento liegt nur einen Meter von Jesse entfernt, langsam kriecht er zu ihm. »Siehst du, Junge? Ich sag ja, alles wird gut.«

Doch bevor Kento seinen Sohn erreicht, tritt einer der Soldaten zwischen die beiden und schmettert seinen Stiefel auf den Rücken von Kento, der vor Schmerzen laut drauf losschreit.

»Was machen wir mit dem hier, Sergeant?«, fragt der Soldat.

»Könnte einer von ihnen sein. Oder haben sie erkannt, wer die Geisel war? Mal von dem Kind hier abgesehen«, antwortet eine andere Stimme.

»Nein, Sergeant.«

Kento flüstert zu Jesse: »Mach die Augen zu.« Doch Jesse schüttelt den Kopf. Er will schreien, er will aufspringen, doch die Panik und die Angst sind zu groß. Und wieder weiß er nicht, was hier passiert.

»Also dann. Ganz nach Protokoll«, antwortet der Sergeant und dreht sich um.

Es folgt ein letzter Schuss, das letzte laut schallende Knallen und das letzte Mündungsfeuer.

»Nein!«, schreit Jesse und springt sofort zu seinem Vater.

»Shit«, zischt der Soldat über Jesse. Es folgen für Jesse unverständlich geflüsterte Worte in die Ohren des Sergeant.

»Das Protokoll hat es so vorgesehen. Kümmert euch um den Jungen«, befiehlt der Sergeant laut und deutlich.