by Toshio Riko

2145, 20. Mai

Paris, ESA Hauptquartier

Vor 100 Jahren: Octrisylphosphat hieß der seltsame, aber hocheffiziente Stoff, der bei neuartigen Bohrtechniken tief unter dem Erdmantel gefunden wurde. Doch ihn zu erreichen bleibt trotz fortschreitender Technik eine Hürde, deren Überwindung nur an wenigen Stellen auf dem Globus möglich ist. So fingen die Nationen an, einen immer gravierenden Streit um die Bohrrechte zu entfachen, bis der Krieg unausweichlich war.

Es brauchte erst den dritten Weltkrieg, dass die Menschheit und Regierungen der Länder sich zusammentaten, um solch ein Schicksal, solch eine Zerstörung und solch Leid auf Ewig zu ersparen. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte kamen alle Länder zusammen, die eine stabile Regierung vorweisen konnten, und gründeten die Central World Government, die CWG. Ihre Aufgabe war es, Wohlstand für alle zu bringen und Frieden auf jeden Flecken des Erdballes.

Doch wo Macht und Reichtum sind, ist die Gier und der Missbrauch nicht weit.

2145, 100 Jahre später: Ein Mann rennt eilig durch die Flure, unter seinen Armen trägt er eine Tasche und viele Dokumente. Er stößt mit einer Frau zusammen. Die mit weißem Kittel tragende Frau ruft ihm ein Schimpfwort zurück, während er ungeachtet seinen Sprint fortsetzt. Er rennt auf den Fahrstuhl zu. Eine feminine Stimme aus der Sprechanlage sagt ihm: »Scan complete. Access granted to all floors.«

Er wählt das oberste Stockwerk aus, drückt den Priority-Knopf, damit keiner mehr zusteigen kann. Der Fahrstuhl beginnt, nach oben zu sausen.

Die Tür ist noch nicht mal ganz geöffnet, da presst er sich schon hindurch, rennt weiter die Gänge entlang. Durch die verglaste Seitenwand sieht man das Stadtpanorama von Paris. Nicht weit entfernt ragt der Eifelturm in die Höhe.

Er geht auf die Tür zu. Ohne zu klopfen stößt er sie auf. Ein alter Mann sitzt an einem Schreibtisch. Er erschreckt. Ist erbost.

»Was fällt ihnen ein, einfach so in das Büro des General Directors einzudringen?«, schimpft er.

Der Mann geht auf ihn zu. Wirft die Tasche vor ihn auf den Tisch und fächert die Dokumente aus. »Ich muss mich entschuldigen, Herr Director. Aber das müssen sie sich ansehen.«

»Und das hätten sie mir nicht an meinen ANN-Chip senden können? Oder, wo sie schon Papier nutzen, wenigstens als Umschlag zukommen lassen?«

Der Mann schüttelt den Kopf. »Nein, auf keinen Fall. Ich muss ihnen das persönlich zeigen. Sehen sie das hier? Das sind aktuelle Satellitenmessungen unserer Ozonschicht.«

Der Mann zeigt dem Director ein erstes Blatt mit einem Bild von der Erde, auf der viele Teile Rot, Grün und wenige nur Blau erscheinen.

»Und nun? Sieht doch alles gut aus.«

»Sehen sie sich das hier an.« Der Mann schiebt das Blatt zur Seite und zeigt eine neue Aufnahme.

»Das Bild ist nur einen Tag später entstanden. Aber hier, in diesem Bereich, ist die Konzentration des Ozons um fast 100 Prozent gesunken. Sie ist einfach weg. Kein Ozon mehr da.«

»Hm«, macht der Director nur und studiert das zweite Blatt.

»Und sehen sie sich nun eine Aufnahme, zehn Tage später, also von heute an.« Der Mann schiebt erneut das Blatt zur Seite, um die nächste Aufnahme zu präsentierten. »Die Ozonschicht ist an dieser Stelle kollabiert und wie in einem Dominoeffekt breitet sich dieser Kollaps weiter aus. Und zwar …«, der Mann zeigt ein weiteres Blatt, »exponentiell.  Wenn das so weiter geht, werden wir in wenigen Wochen beinah das gesamte Ozon der Ozonschicht verloren haben.«

Der Director schaut sich entsetzt die Bilder und Daten an. Er blättert weiter durch die Dokumente. Und wird immer bedrückter.

»Woran liegt das?«, fragt er.

»Wir haben weitere Messungen vorgenommen. Dort, wo vorher das Ozon war, ist nun ein Gasgemisch, welches, so vermuten wir, aus dem Octrisylphosphat, welches beim Verbrennen in unseren Kraftwerken und Autos entsteht, und dem Ozon entstanden ist.«

»Aber wir haben doch über ein Jahrhundert überprüft, ob und wie das Octrisylphosphat mit anderen Stoffen reagiert und ob es uns gefährlich wird? Wieso jetzt?«

»Das stimmt. Wir haben es noch mal im Labor nachgespielt. Bei einer geringen Menge an Octrisylphosphat reagiert es nicht mit dem Ozon, aber ist erst einmal die kritische Menge erreicht, dann …«

»Dann?«

»Peng«, sagt der Mann und klatscht dabei in die Hände. »Es beginnt zu reagieren und eine Kettenreaktion entsteht. Desto weniger Ozon, desto leichter hat es das Octrisylphosphat. Was übrig bleibt, ist ein toxisches Gemisch, welches sich langsam am Boden ansammelt.«

Der Director starrt ohne ein Wort zu sagen auf den Schreibtisch. Dann steht er auf, geht zum Fenster und blickt auf Paris hinab. »Was sind die Konsequenzen, mit denen wir rechnen müssen?«

»Steigende Temperaturen. Extrem stark steigende Temperaturen. Hohe UV- und Gammastrahlenkonzentration im Sonnenlicht. Dann folgen Stürme auf jedem erdenklichem Ozean, da schnell die Weltmeere an Temperatur gewinnen. Die Polkappen werden schmelzen, der Meeresspiegel steigt rasant an. Menschen werden durch das toxische Gas umkommen oder später durch Sonnenstrahlung und den giftigen Dämpfen Krebs und andere Krankheiten erleiden. Die Pflanzenwelt stirbt ab, jedes Tier wird sterben. Die Ozeane sterben …«

»Genug … Ich habe genug gehört. Verlassen sie mein Büro.«

»Aber Sir, wir müssen was unternehmen!«, sagt der Mann entsetzt.

»Ich wiederhole mich nicht.«

Der Mann blickt verdutzt zu dem Director. Er lässt seine Unterlagen auf dem Tisch liegen und verlässt langsam das Büro.

Als die Tür wieder zugezogen ist, ruft der Director sofort seinen Kontakt bei der Zentralen Weltregierung an. Er öffnet, während er darauf wartet, dass sein Anruf angenommen wird, eine Flasche mit altem Scotch.

»Büro des ersten Vorsitzenden Bill Krüger der Zentralen Weltregierung, sie sprechen mit Myra Chester, wie kann ich ihnen helfen?«

»Stellen sie mich sofort zu Bill durch.«

»Verzeihung, das geht nicht so einfach. Anfragen stellen sie an mich, oder …«

»Hier spricht Constantine Plantagenet, General Director der ESA und sie verbinden mich auf der Stelle mit Bill. Verstanden?«

»Ach so, verstehe. Natürlich.«

Für einen Moment herrscht totenstille.

»Ja?«, ertönt es schließlich über des Directors ANN-Chip.

»Bill? Hier ist Constantine. Wir müssen reden.«

»Was ist denn?«

»Die Ozonschicht, sie kollabiert. Wir müssen sofort etwas unternehmen. Ich habe alles hier auf meinem Schreibtisch liegen. Alle Daten, alle Ergebnisse. Wann können wir uns treffen?«

»Ja. Das weiß ich bereits. Ich wäre sogar die nächsten Tage auf dich zugekommen. Aber kein Grund zur Sorge. Es ist etwas eher, als wir erwartet haben, aber wir kommen schon damit zurecht.«

Constantine muss sich verhört haben. Er kennt Bill schon seit über 30 Jahren. Er muss das falsch verstanden haben.

»Sagtest du, es ist eher eingetreten, als ihr erwartet habt? Was ist eingetreten? Was habt ihr erwartet?«

»Na, dass das Octrisylphosphat mit dem Ozon reagiert und dadurch die Ozonschicht kollabiert. Wir haben eigentlich berechnet, dass es noch etwa 75 Jahre dauert, bis es einen spürbaren Effekt gibt und hätten bis dahin an einer Notlösung gearbeitet. Wir müssen jetzt umdisponieren. Und wir brauchen deine Hilfe, Constantine.«

»Ihr wusstet es? Ihr wusstet, dass wir unserem Ende entgegenschlittern? Seit wann?«, fragt Constantine.

»Ach, das spielt doch keine Rolle. Wichtig ist, dass wir jetzt eine Lösung zusammen erarbeiten«,

»Doch, es spielt eine Rolle.«

»Wie du meinst, aber jetzt ist es soweit und ich brauche dich hier. Auf der Stelle. Kann ich auf dich zählen?«, fragt Bill mit sehr eindringlicher Stimme.

»Ich werde daran arbeiten, dass wir das Problem in den Griff bekommen. Aber ich sehe doch nicht tatenlos zu, wie ihr offensichtlich uns für Narren gehalten und die Wahrheit verschleiert habt. Die Öffentlichkeit muss davon erfahren. Ich als Wissenschaftler bin dazu verpflichtet, ehrlich gegenüber der Menschheit zu sein.«

Constantine packt schon seine Sachen aus dem Büro, die er für eine Reise nach Moskau braucht, wo die Central World Government, die CWG ihren Regierungssitz hat.

»Das wirst du erstmal nicht tun. Es tut nicht not, die Öffentlichkeit über derartiges zu informieren, bis wir nicht einen Plan haben. Und erst recht nicht darüber, dass wir als Regierung das, auch zum Schutze der Bevölkerung, was diese infantile Rasse aber nie verstehen wird, geheim hielten. Ich erwarte dich noch morgen Mittag in meinem Büro in Moskau. Ein Wagen wird dich heute Abend abholen und zum Flughafen fahren.«

»Okay. Aber unser Gespräch ist noch nicht zu Ende«, sagt Constantine.

»Mach’s gut, Constantine. Wir sehen uns«, sagt Bill und legt auf.

Constantine hat bereits alles in seine Aktentasche verstaut und verlässt das Büro.

Am Abend verabschiedet er sich noch von seiner Frau und seinem jüngsten Kind, die anderen beiden sind bereits ausgezogen. Die kleine fünfjährige Heather will noch wissen, wann er wieder zurückkommt. So bald wie möglich, verspricht Constantine. Er packt ein paar Anzüge, Krawatten, Hemden und Hosen in seinen Reisekoffer und wartet vor der Haustür mit seiner Frau auf das Auto, welches ihn abholen soll. Es ist nicht unüblich, dass die CWG eigene Fahrer schickt, um hochrangige Gäste dorthin zu bringen, wo sie hinsollen.

Sie tun es eigentlich selten, aber heute Abend rauchen er und seine Frau eine Zigarette. Von der drohenden Gefahr hat er ihr noch nichts erzählt. Er will erst wissen, was Bill mit der CWG vorhat, diese Katastrophe möglichst noch einzudämmen.

Nur wenige Minuten später, in der Abenddämmerung dieses lauwarmen Sommerabends, erscheint die schwarze Limousine. Angetrieben mit dem Treibstoff, den sie vor 100 Jahren tief unter den Erdmantel fanden und dessen Stoffe aus der Verbrennung sie heute in einen Kollaps stürzen könnte. Constantine fasst es nicht, dass das nicht früher aufgefallen ist. Sie haben alle versagt. Und dass die CWG um Bill herum das auch noch geheim halten konnte, das gleicht einem Verrat an der Menschheit.

Constantine steigt in das Auto. Der Mann am Steuer trägt Sonnenbrille, obwohl die Sonne schon untergegangen und die Dämmerung eingebrochen ist.

Sofort, als Constantine die Tür verschlossen hat, fährt er los, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Über die Autobahn geht es in Richtung Flughafen Charles de Gaulle.

Die Dämmerung ist der Dunkelheit gewichen, eine sternenklare Nacht ist aufgegangen. Sie fahren noch die Abfahrt herunter, als ein greller Lichtblitz die Szenerie erhellt und ein Feuerball hoch in die Lüfte ragt, gefolgt von Rauch und einem ohrenbetäubenden Knallen. Die Schockwelle lässt die Autoscheiben des hinterm Fahrzeug eines Passanten zerbersten. Er wird später nur berichten, dass ihm nichts aufgefallen ist. Die Presse schreibt von einem Terroranschlag auf die ESA.